Abfahrt 6.55 Uhr, Berlin

cache/images/article_1897_dsc_1328_kl_140.jpg EM-Blog Das Semifinale zwischen Deutschland und Italien in Warschau hat zahlreiche Geschichten geschrieben. Ein Rückblick auf schöne Tore, schöne Worte und den stilvollen Abgang eines großen Favoriten.

Es gibt Abende, an denen will man nicht nach Hause gehen. Der Freitagabend in Warschau fiel definitiv in diese Kategorie. Antonio Cassanos Haken, Mario Balotellis Kopfball und seinen jetzt schon legendären Kracher zum 2:0 im Stadion zu erleben, war in der Tat ein Erlebnis, das nach einer Aufarbeitung verlangte.

Zunächst bei der Pressekonferenz der beiden Teamchefs. Cesare Prandellis Simultanübersetzer hatte zwar seine Mühe, brachte es schließlich aber doch zustande, die blumigen italienischen Worte des »dirigente« ins Deutsche zu überführen. Prandelli sagte analytische Sätze wie »Meine Mannschaft war sehr gut auf das starke deutsche Mittelfeld vorbereitet. Wir wussten, wenn wir das Zentrum nicht besetzen, bekommen wir Probleme. Also hatten wir dort einen zusätzlichen Mann.« Und er sagte sehr schöne Sätze, wie: »Man hat oft große Träume. Und es kann sein, dass es erst der Anfang dieses Traumes ist.« Oder:  »Cassanos Beine reichen nur für 50 Minuten, es waren aber fantastische 50 Minuten.«

Dann kam Joachim Löw und erkannte die Legitimität des italienischen Sieges an. Bei der letzten Frage der PK lieferte der dieses Mal glücklose DFB-Teamchef die Antwort, ob er gedenke, sein Amt fortzuführen. »Heute Abend sind wir natürlich enttäuscht, aber es geht weiter«, sagte Löw. »Alle werden sich neue Ziele suchen. Die Mannschaft hat uns in den letzten zwei Jahren sehr viel Freude bereitet. Deshalb gibt es nach einem Spiel keinen Grund, alles in Frage zu stellen.« Also keine Teamchefdiskussion, wenn es nach dem Teamchef geht, der im wichtigsten Spiel des Turniers ein Opfer seiner Aufstellungspolitik und von den formschwachen Schlüsselspielern wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Mario Gomez im Stich gelassen wurde.

»Suppen-Deutschland, olé!«
Deutlich besser war die Stimmung in einem Biergarten nahe der Kopernikus-Statue in der Warschauer Altstadt, wo die deutschen Fanbotschafter auf das Ende ihrer knapp dreiwöchigen Tätigkeit in Polen und der Ukraine anstießen. Manch eines ob der unerwarteten Niederlage enttäuschte Gesicht hellte sich nach der zweiten Bierrunde auf. Die meisten waren aber ohnehin froh, endlich nach Hause zu ihren Freunden und Familien zurückkehren zu können. Fanarbeit kann anstrengend sein, gerade wenn man dabei tausende Kilometer zurücklegt und die dienstfreie Zeit gegen null geht.

An diesem Abend war die Arbeit jedoch getan, auch für das 12-köpfige Team von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS). Angesichts der bevorstehenden Heimreise wurde gescherzt und die Highlights des Turniers gelistet. Von der vornehmen Zurückhaltung der ukrainischen Polizei bis zum hohen Organisationsniveau der polnischen Veranstalter. Von der Privatwohnung im Charkiwer Plattenbau bis zum Strandausflug in Danzig. Relativ weit oben fanden sich die »Super Deutschland«-Gesänge der ukrainischen DFB-Fans in Lwiw, die durch das Sprachwirrwarr von manch einem Besucher als »Suppen Deutschland« wahrgenommen worden waren.   

MV und der Sicherheitscheck
Eine außergewöhnliche Beobachtung hatte sich erst wenige Stunden zuvor rund um das Warschauer Nationalstadion abgespielt. Nach Pressemeldungen über den Fund eines angeblich mit Sprengstoff und einem Foto des Stadions beladenen Floßes an der ukrainischen Grenze hatte die polnische Polizei die Sicherheitskontrollen verschärft. Zu einem Opfer dieser Maßnahme wurde Gerhard Mayer-Vorfelder. Der Ex-DFB-Präsident, der einst mit mehreren rassistischen Bemerkungen auf sich aufmerksam gemacht hatte, war schon sichtlich abgekämpft, weil er nach dem Ausfall seines Fahrdienstes wie die anderen Besucher zu Fuß über die Poniatowski-Brücke  gegangen war. Vor dem Stadion mussten der 79-Jährige und seine Gattin noch eine  penible Leibesvisitation über sich ergehen lassen, ehe sie in den VIP-Bereich vorgelassen wurde.

Endstation Bahnhof
Irgendwann geht jeder Abend zu Ende. Im aktuellen Fall am Warschauer Hauptbahnhof, wo sich kurz nach sechs Uhr früh die deutschen Fanmassen sammelten, um den ersten Direktzug nach Berlin zu besteigen. Wie auch schon vor und nach dem Match war die Stimmung friedlich und alles andere als aggressiv, auch wenn sich der eine oder die andere über Löw und dessen Aufstellungsexperiment echauffierte. Auf Bahnsteig drei regierte Müdigkeit und Enttäuschung. Schland trat die Heimreise an.


Für die ballesterer-Korrespondenten soll die EM-Reise beim Finale in Kiew enden. Wie wir die letzte Etappe bewältigen, ist jedoch noch völlig offen. Die Züge sind seit längerem ausgebucht und auch ein passender Bus war nicht aufzutreiben. Dem Plan, deutschen Fans ihre nicht mehr benötigten Zugtickets abzukaufen, war nach einem langen und äußerst ereignisreichen Tag leider kein Erfolg mehr beschieden. Die Spannung bleibt aufrecht.

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Rubrik: Aktuell
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