Abschied von der glücklichen Stadt

cache/images/article_1687_caracol_140.jpg U20-WM Wenn man nicht gerade ein geschlossenes Training sehen will, wird man in Baranquilla äußerst zuvorkommend behandelt. Nach dem Achtelfinale zwischen Brasilien und Saudi Arabien hat die Stadt als Spielort jedoch ausgedient. Der ballesterer-Korrespondent sagt leise und melancholisch Servus.
Robert Florencio | 12.08.2011
Barranquilla, dich mag ich sehr. Keine Floskel, auch der Tourismusslogan von der »glücklichen Stadt« scheint nicht übertrieben. Die bis dato weniger für fußballerische Glanztaten (der lokale Verein Atletico Juniors dürfte nur Hardcore-Fans des kolumbianischen Fußballs bekannt sein), sondern vielmehr durch den besten Karneval zwischen New Orleans und Recife und als Geburtsort von Shakira berühmt gewordene Stadt zeigt sich am letzten Spieltag der hier mit dem Achtelfinale beendet wird,  von seiner besten Seite.

Dabei hat der zweite Aufenthalt des ballesterer-Korrespondenten hier nach dem Spiel Österreich gegen Brasilien gar nicht so gut begonnen. Durch eine Fehlinformation des lokalen FIFA-Media-Officers von einem öffentlichen Training ließ ich mich am Montag auf eine Fahrt von knapp 30 Kilometern auf den weit außerhalb der Stadt entfernten Country Club, wo auch schon Österreich trainiert hatte, ein. Allein, es war ein geschlossenes Training. Als der Mannschaftsbus auftauchte, half auch das größte Flehen nichts. Brasiliens Medienkontaktmann Gregorio Fernandes, ansonsten ein relaxter Bursche, konnte mir nicht helfen. Die Regel war strikt: Kein Journalist darf rein.

So blieb ich draußen, getrennt von einigen Büschen und einem großen Parkplatz von den ach so geheimen letzten Übungseinheiten. Zu sehen gab's durch die Sichtbehinderung äußerst wenig. Das wirklich Ärgerliche war aber, dass irgendjemand von der Delegation mich beobachtete, wie ich draußen auf der Straße herumtänzelte, um eine bessere Einsicht zu erhalten. Das wurde sofort den dort postierten allerdings äußerst netten Polizisten mitgeteilt, die mich ersuchten ganz ruhig auf meinem Platz zu verweilen, keinen Meter weit nach rechts und auch keinen nach links zu gehen. In Europa wäre das wohl Freiheitsberaubung, schließlich stand ich auf einer öffentlichen Straße außerhalb des Trainingsgeländes.

Dadurch das hier aber alles so locker abläuft, konnte ich gar nicht böse sein, unterhielt mich mit ein paar Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die auf Autogrammjagd waren über den kolumbianischen Fußball und hatte schließlich Glück einen Gratistransport zurück ins Hotel in Form eines Agenten der Strahlen- und Sprengstoffsicherungseinheit der Polizei zu bekommen. So wurde die Rückfahrt mit seiner ganzen Familie am Rücksitz zu einem kurzweiligen Erlebnis. Ich bleibe mit ihm Kontakt, kommt er doch im Jänner nach Wien, um sein Land bei einer Tagung der IAEO zu vertreten.

Wer jetzt fragt, ob es wirklich so gefährlich ist und überall Bomben der FARC oder der Paramilitärs lauern, den kann ich getrost beruhigen. Die kolumbianische Regierung geht einfach auf Nummer sicher und überlässt nichts dem Zufall. So gibt es neben einer Polizeieskorte mit Motorrad für jedes Team eigene Verbindungsoffiziere, die während des ganzen Turniers mit ihnen auf Reisen sind und die Landessprache des Teams oder Englisch sprechen. Zusätzlich begleiten noch zwei in unauffälliger Zivilkleidung auftretende Mitarbeiter des kolumbianischen Geheimdienstes jeden Schritt der Mannschaften und  des Betreuerstabs.

Am Tag vor dem Spiel gibt es die vom ballesterer-Berichterstatter so heiß geliebte Pressekonferenz. Und diesmal gelingt ein besonderes Kunststück. Meine Fragen an Brasiliens Coach Ney Franco und auch an den Saudi-Trainer Khalid al Koroni werden vom Kollegen Victor Canedo von globo.com, das sich allein auf knapp 330.000 Facebook-Freunde berufen kann, nahtlos und wortwörtlich übernommen.  Was am Feld unmöglich wäre, dass ein Brasilianer eine  Taktik oder auch nur einen Spielzug von einem Österreicher kopieren würde, wird im Sportjournalismus zur Wirklichkeit. Wer auch nur ein bisschen Spanisch lesen kann, wird kein Problem haben, etwas von dieser portugiesisch sprachigen Website zu verstehen.

Für alle anderen sei gesagt, dass ich eine Vorliebe für sporthistorische Ereignisse habe. Und so ist mir natürlich nicht entgangen, dass die brasilianische Legende Mario Zagallo, der mit seinem Team wie nur Franz Beckenbauer als Spieler und als Trainer Weltmeister wurde, am  Dienstag seinen 80.Geburtstag gefeiert hat. Durch die glückliche Fügung eines Interviews mit Roberto Rivellino im Vorjahr, wusste ich auch, dass dieser im Jahr 1978 der erste brasilianische Spieler war, der zum Vorzeigeklub Al-Hilal nach Riad wechselte. Ein Jahr später folgte auch schon Zagallo als sein Trainer nach, um später auch noch die saudische Nationalmannschaft zu trainieren. Durch einen Besuch im Trainingszentrum von Ex-Teamspieler Oscar, wo ich einen saudischen Spieler kennenlernen durfte, wusste ich über die unglaublich starke Kooperation zwischen Brasilien und Saudi Arabien, die ja jetzt mittlerweile schon über drei Jahrzehnte andauert, bestens Bescheid.

Der saudische Trainer, der im Gegensatz zu seinen Spielern an die strengen Regeln des Ramadan gebunden ist und sonst eher ruhig wirkte, wurde nach der Übersetzung der Frage vom Spanischen ins Englische und von dort wiederum ins Arabische richtig munter und berichtete mit Begeisterung von seinen Erlebnissen mit Rivellino, gegen den er selbst noch gespielt hatte. Weiters sagte er, es wäre eine große Ehre gewesen, von Brasilien so viel lernen zu können. Das Resultat ist ersichtlich, denn ansonsten hätte es man kaum ins Achtelfinale geschafft. Und was noch beeindruckender ist und gleichzeitig beschämend für Österreich: Trotz des gleichen Endstands von 0:3, ist das spielerische und taktische Niveau bei den Saudis um eine Klasse höher anzusetzen als bei der ÖFB-Elf. Eigentlich eine unglaubliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Saudis vor nicht einmal zehn Jahren noch teils vernichtende Niederlagen bei A-Team Weltmeisterschaften einstecken mussten. Mittlerweile hinkt unser bei dieser WM vertretene Jahrgang den Alterskollegen aus dem Wüstenstaat hinterher. Etwas, das sicherlich nicht in die Gedankenwelt vieler rot-weiß-roter Patrioten hineinpassen will, die im Falle eines Aufeinandertreffen der A-Teams wahrscheinlich auf einen klaren Sieg der österreichischen Mannschaft tippen würden.

Ich als Laie holte mir lieber die Fachmeinung von Ney Franco ein. Auf meine Nachfrage nach seiner Beurteilung des direkten Vergleichs der beiden Spiele gegen Österreich und Saudi Arabien, bestätigte er meine Ansicht voll und ganz. Eine wesentlich klar strukturiertere und technisch besser beschlagene Saudi-Truppe sei hier am Werk gewesen, sagte der brasilianische Teamchef. Franco meinte auch, nur die Leistungsexplosion seines Teams in der zweiten Hälfte bedingt durch die Hereinnahme des zusätzlichen Stürmers Willian vom FC Sao Paulo und das schnelle Tor gleich in der 46.Minute hätten den günstigen Spielverlauf ermöglicht.

 

Dazu kam noch die Müdigkeit der Saudis, die ihr Trainer nachher auch als einen der Hauptgründe für den Zusammenbruch der Mannschaft im zweiten Durchgang anführte. Die Reisestrapazen vom trockenen Hochland an das  ungewohnt schwül-feuchte Klima der Küste, dazu noch leichter Dauerregen während fast des gesamten Spiels, machten es ihnen alles andere als leicht. Trotzdem war das in Hälfte eins gezeigte Spiel teilweise hochklassig vorgetragener Kombinationsfußball mit mehreren guten Chancen durch ihre Sturmspitzen Dagriri und Almuwallad, wobei sich die Brasilianer bei Allah bedanken können, dass auch er offensichtlich in der Fastenzeit ist. Ansonsten hätte das Spiel sicherlich einen anderen Charakter bekommen.
 
Die letzte Frage der Pressekonferenz war dann wieder lustig. Eine kolumbianische Reporterin wollte von Ney Francos Sangeskünsten (offensichtlich eine männliche Variante von US-Damencoach Pia Sundhage) gehört haben und ersuchte um eine Coverversion eines Liedes des brasilianischen Schnulzensängers Roberto Carlos (weder verwandt noch verschwägert mit dem gleichnamigen Fußballer).

Franco muss diesmal mit Hinweis auf seine raue Stimme nach der missglückten ersten Hälfte passen. Als Ausgleich sang TV-Reporterin Marcela Cabarcas vom Host-Broadcaster Caracol TV auf der gemeinsamen Rückfahrt vom Stadion in die Hotels inbrünstigst alle aktuellen Salsa- und Merengue-Hits der kolumbianischen Hitparade mit. Danach folgte noch ein gemeinsames Essen und Trinken mit den  lokalen Mitarbeitern der Sendeanstalt und nach dem Austausch aller Adressen, wodurch dem ballesterer-Korrespondenten kurzfristig sogar die Visitenkarten ausgingen. Trotz meiner vielen Reisen in die Region kann ich behaupten, noch nie so eine fröhliche Stadt mit so freundlichen Menschen kennengelernt zu haben. Erschöpft, aber glücklich bestieg ich den Flieger ins 900 Kilometer entfernte Pereira, wo am Sonntag in einem vorgezogenen Finale Brasilien auf Spanien trifft. Einen Tag zuvor habe ich jedoch noch ein Rendezvous mit meiner neuen Liebe: Ney Franco wird mir die Ehre eines persönlichen Gesprächs erweisen.

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Rubrik: Aktuell
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