Abschied von Lwiw

cache/images/article_1888_lwiw_140.jpg EM-Blog Die Lemberger können die EM schon fast abhaken. Das letzte Match im Stadion ist beendet, viel Schweiß und Bier sind geflossen. Der sündteuren Arena vor den Toren der Stadt steht eine ungewisse Zukunft bevor. Letzter Höhepunkt könnte die Übertragung des vielleicht letzten Spiels des ukrainischen Teams in der Fanzone werden.
Reinhard Krennhuber aus Lwiw | 19.06.2012
Lwiw am Tag nach dem letzten EM-Spiel: Die Fanmassen aus Deutschland und Dänemark haben sich verzogen. Viele sind gleich nach dem 2:1-Erfolg der DFB-Auswahl abgereist, die meisten am Morgen danach. Die, die noch da sind, widmen sich dem Kulturprogramm, das in der Fußballhysterie der vergangenen Tage zu kurz gekommen ist. Die Fanbotschaft am Swobody-Platz hat den letzten Tag geöffnet. »Wir haben noch ein paar Fans geholfen, zurück nach Deutschland oder nach Polen zu kommen. Viel war heute aber nicht mehr los«, sagt Ira, die gemeinsam mit ihren Kollegen vom Netzwerk der Football Supporters Europe (FSE) in den vergangenen zwei Wochen den Fans hier mit Rat und Tat zur Seite gestanden ist.

Vor dem Container geht das Leben bereits wieder seine gewohnten Bahnen. Die Holzbänke sind fest in der Hand der betagten Schach- und Backgammonspieler. Am Vortag wäre an eine ruhige Schachpartie hier nicht zu denken gewesen. Gemeinsam mit tausenden Schaulustigen hatten die Fans aus Deutschland und Dänemark die bildhübsche Stadt förmlich lahmgelegt. Volle Gassen, kein freier Stuhl in den zahlreichen Gastgärten, die Straßenbahnen fanden angesichts der flanierenden Massen kaum ein Durchkommen.    

»Scheiße, sind wir dumm«
Beim Abfahrtspunkt der Busse am Petruschewitscha-Platz spielten sich chaotische Szenen ab. Tausende Fans wollten in die viel zu wenigen Busse, die die Fans zum weit außerhalb gelegenen Stadion karren sollten. Soldaten, die versuchten, die Menge zu kanalisieren, konnten mit Müh und Not vermeiden, dass es zu gröberen Tumulten kam. Doch selbst wer sich einen Platz in einem der Busse errangelte, durfte nicht direkt zur EM-Arena vorfahren. Rund zwei Kilometer davor war Schluss. Die vorhandenen Straßen waren scheinbar exklusiv für UEFA-Offizielle und ein paar Journalisten reserviert. Bei sengender Hitze schob sich eine endlose Fankarawane zu Fuß zu den Stadioneingängen. Drinnen stank es teilweise penetrant nach Schweiß. Vorwürfe konnte man den Sitznachbarn aufgrund der Anreisebedingungen deshalb jedoch keine machen.

Auf der Rückfahrt nach dem Match dieselbe Szenerie: Fußmarsch, Warten, Drängeln, Schwitzen. Weit nach Mitternacht bewies ein Grüppchen deutscher Fans im vollgestopften Bus zurück ins Zentrum Humor. »Wir ziehen die Schuhe aus und wissen nicht warum. Scheiße, sind wir dumm, scheiße, sind wir dumm«, sangen sie und klatschten das Schuhwerk tatsächlich über Kopf gegeneinander. Die Klimaanlage funktionierte nicht, das von den deutschen Spaßvögeln ausgegebene Kommando »Transpiration unverzüglich einstellen!« - nicht mehr als ein frommer Wunsch. Wieder floss der Schweiß der Fahrgäste in Strömen, bis sich der Busfahrer im Stau ein paar hundert Meter vor der Endstation erbarmte und die Türen öffnete.

Teures, ungeliebtes UFO
Das Drama um das Stadion in Lemberg wird nach der EM seine Fortsetzung finden. Denn der FK Karpaty Lwiw hat kürzlich beschlossen, seine Heimspiele in der kommenden Saison nicht in der 225 Millionen Euro teuren Arena, sondern im in den 1960er Jahre erbauten Ukrajina-Stadion auszutragen. Scheinbar will der Klub seinen Anhängern einen zweiwöchentlichen Spießrutenlauf, wie ihn deutsche, dänische und portugiesische Fans bei der EM auf sich nehmen mussten, ersparen. Ins EM-Stadion, dessen Baukosten völlig ausgeufert waren und das wegen der es umgebenden Mondlandschaft immer noch einen unfertigen Eindruck macht, wird stattdessen der Ligakonkurrent FK Hoverla aus dem mehr als 300 Kilometer entfernten Uschgorod einziehen. Für dessen nicht so zahlreiche Fans sollten die Shuttlebusse reichen.

Heute Abend, wenn die Ukraine gegen England um den Aufstieg ins Viertelfinale kämpft, wird das alles in den Hintergrund treten. Zum vielleicht letzten Auftritt des Gastgeberteams werden bis zu 30.000 die Fanzone am Swobody-Platz füllen und die Lokale in der Altstadt noch einmal aus allen Nähten platzen. Die Euphorie für die ukrainische Nationalmannschaft ist auch in Lwiw sehr groß. Westukrainische Nationalisten, die bekritteln, dass sie fast ausschließlich aus Russisch sprechenden Spielern besteht, befinden sich eindeutig in der Minderheit.

Bangen um Schewa
»Schewtschenko forever«, brüllt ein Teenager in der Fanzone. Doch ob der Altstar von Dynamo Kiew den Karren wie bei seinen zwei Toren im Eröffnungsmatch gegen Schweden noch einmal aus dem Dreck ziehen kann, ist fraglich. Denn »Schewas« Knie ist lädiert, sein Einsatz deshalb fraglich. In der Fanbotschaft herrscht nicht nur deshalb Pessimismus. »Ich hoffe stark, dass sie es schaffen«, sagt Ira. »Wenn ich die Sache realistisch betrachte und an das Match gegen Frankreich denke, stehen die Chancen aber nicht sehr gut.«
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png