»Addio campione« Helmut spielt im Paradies

Er war einer der bekanntesten deutschen Fußballer der 1960er- und 1970er-Jahre. Helmut Haller wurde Vize-Weltmeister und mehrfacher italienischer Meister. Am 11. Oktober ist er nach langer Krankheit gestorben. Betrauert wurde der Tod des Stürmers aus Augsburg nicht nur in Deutschland.
Nicole Selmer | 12.10.2012
Helmut Haller war einer der ersten deutschen Fußballer, die den Schritt nach Italien wagten, wo er mehr als zehn Jahre spielte. In Italien, so sagte er selbst, sei er vielleicht sogar bekannter gewesen als in Deutschland. Mit »Addio campione« verabschiedete ihn sein ehemaliger Verein, der Bologna FC. Man habe ein Mitglied der rot-blauen Familie verloren, so hieß es auf der Website des Klubs. In seiner Heimat Augsburg wurde Haller nach der Rückkehr aus Italien als Star gefeiert, für die meisten deutschen Fußballanhänger bleibt er jedoch vor allem als Nationalspieler in Erinnerung. Haller nahm an drei Weltmeisterschaften teil, beim Finale von 1966 beförderte er den Ball einmal ins Tor und nahm ihn nach dem Abpfiff mit nach Hause. Über die WM in England, das paradiesische Spiel von Bologna und seine eigenen Fußballertugenden sprach Helmut Haller für das 2006 erschienene Buch »Fußballweltmeisterschaft 1966 England« mit ballesterer-Redakteurin Nicole Selmer.

Herr Haller, war die WM 1966 von Ihren drei Teilnahmen die schönste Weltmeisterschaft?

Ja, das war sie wohl und auch die erfolgreichste. Wir hatten damals eine ganz große Mannschaft, mit Franz Beckenbauer, Willi Schulz, Wolfgang Overath, Uwe Seeler, Hans Tilkowksi und so weiter. Wir waren damals alle mit dem Herzen dabei.
Im letzten Gruppenspiel gegen Spanien hat Helmut Schön Sie allerdings auf die Bank gesetzt. Wie war das?
Der Tag vor dem Spiel war auch noch mein Geburtstag. Da ist der Dettmar Cramer [Assistent von Bundestrainer Helmut Schön, Anm.] zu mir ins Zimmer gekommen und hat gesagt: »Helmut, ich habe schlechte Nachrichten. Aus taktischen Gründen hat dich der Helmut Schön nicht aufgestellt.« In dem Moment war das natürlich schon eine Erniedrigung für mich, denn ich hatte in den ersten beiden Spielen gut gespielt, war gerade richtig in Fahrt gekommen und dann durfte ich nicht spielen. Aber der Franz, der war ja mein Zimmerkollege, der hat mich wieder aufgemöbelt »Helmut, beim nächsten Spiel bist du wieder dabei. Da läufts wieder.« Und das war ja auch so.
Sie waren ja selbst ziemlich erfolgreich bei der WM, haben in fünf Spielen sechs Tore geschossen. Wie würden Sie sich denn selbst als Spielertyp beschreiben? Ein bisschen verspielt, ich habe viel gedribbelt und ein bisschen Show für die Zuschauer gemacht. Aber ich habe auch immer den Weg zum Tor gesucht, ich wollte immer entweder den letzten Pass geben für meine Mitspieler oder selbst das entscheidende Tor schießen. Nun bin ich in Italien auch sehr verwöhnt worden. Ich war ein guter Techniker, und meine Mannschaft hat immer gesagt: Wenn der Helmut gut aufgelegt ist, dann müssen wir ihm die Bälle zuspielen.
Sie sind 1962 als einer der ersten deutschen Fußballer nach Italien gegangen, zum FC Bologna. Das muss doch ein richtiges Abenteuer gewesen sein
Oh ja, vor allem wenn man als junger Spieler mit 23 Jahren über die Alpen geht. Ich war als Jugendlicher häufiger in Italien gewesen und wollte schon immer dort Fußball spielen. Die Bologneser sind durch meine Länderspiele vor der WM 1962 auf mich aufmerksam und haben sich wohl gesagt den holen wir nach Italien. In Deutschland gab es damals ja die Bundesliga noch nicht, wir haben als so genannte Vertragsspieler kaum etwas verdient. Ich hatte mit 20 Jahren geheiratet, hatte zwei kleine Kinder, das war für mich ein ideales Angebot. Also habe ich meine Familie genommen und los gings. Ich bin dann elf Jahre da unten geblieben, das war eine sehr schöne Zeit. In Bologna waren wir ja immer Provinzstadt neben den großen Mailändern und Turinern. Deswegen war es besonders schön, dass wir als Außenseiter in meinem zweiten Jahr die italienische Meisterschaft gewonnen haben. Das war natürlich ein Plus für mich, wir waren überall im Mittelpunkt, alle haben auf uns geschaut. In Bologna gab es damals den Spruch »Così si gioca solo in Paradiso!« »So spielt man nur im Paradies.« 1964 bin ich sogar Fußballer des Jahres in Italien geworden, das war natürlich eine Riesensensation, dass die Tifosi mich als Ausländer zum besten Spieler gewählt haben.
Als Sie nach Ihrer Zeit in Italien zurück nach Deutschland kamen, sind Sie wieder zum FC Augsburg gegangen
Das war ganz klar, ich bin ziemlich heimatverbunden, meine Geschwister leben noch hier. Wir waren in Augsburg noch sehr erfolgreich und haben vor 83.000 Zuschauern gegen 1860 München gespielt. Die Leute wollten wohl sehen, was das für ein Kerl ist, der mit 34 Jahren als Profi zu so einem kleinen Verein zurückkommt.   
Aus dem Buch »Fußballweltmeisterschaft 1966 England« von Olaf Edig, Daniel Meuren und Nicole Selmer, erschienen 2006 im Agon-Sportverlag in der Reihe »WM-Geschichte«
Zur Person:
Helmut Haller wurde am 21. Juli 1939 in Augsburg geboren, spielte für seinen Heimatverein in der Oberliga Süd, bevor er 1962 nach Italien zum Bologna FC wechselte. Dort gewann er 1964 überraschend den scudetto, den italienischen Meistertitel, und wurde als erster Deutscher »Fußballer des Jahres« in Italien. Von 1968 bis 1973 spielte Haller für Juventus Turin und holte zwei weitere Meistertitel; danach ging er zurück nach Augsburg, wo er seine Karriere 1978 beendete. Für die deutsche Nationalmannschaft spielte er insgesamt 33-mal und war bei drei Weltmeisterschaften im Einsatz. Nach seiner aktiven Karriere war Helmut Haller als Repräsentant für die Sepp-Herberger-Stiftung tätig, betrieb in Augsburg einen Sporthandel und engagierte sich für Jugendtrainingscamps auf Kuba. Nach einem Herzinfarkt 2006 erkrankte Haller zudem an Parkinson. Er starb am 11. Oktober 2012.

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