»Alle waren high«

cache/images/article_1837_bembel_140.jpg Nach dem Abstieg gehen viele Spieler, oft wird der Trainer gewechselt und mitunter sogar das Management. Die Fans aber bleiben. Von den speziellen Leiden und Hoffnungen, die die Anhänger des deutschen Zweitligisten Eintracht Frankfurt so durchgemacht haben, berichtet Holger Nickel, der neben dem Fandasein auch die Eintracht-Institution »Bembelbar« betreibt.
Nicole Selmer | 18.04.2012
Die Fans von Eintracht Frankfurt können einiges über verpasste Meisterschaften, Abstiege und Rettungen erzählen. In der Saison 1991/92 verspielte der Klub in Rostock die Meisterschaft am letzten Spieltag, vier Jahre später stieg die Eintracht zum ersten Mal aus der Bundesliga ab, drei Jahre später waren die Hessen wieder oben und sicherten an einem der dramatischsten letzten Spieltage der Bundesligageschichte die Klasse durch ein Tor des Norwegers Jan Age Fjörtoft. Aktuell steht Eintracht Frankfurt auf dem zweiten Platz in Liga zwei und wäre damit in der nächsten Saison wieder oben dabei.

ballesterer: Letzte Saison ist Eintracht Frankfurt zum vierten Mal abgestiegen, jetzt gelingt wahrscheinlich der direkte Wiederaufstieg in die erste Liga. Ist die Eintracht inzwischen eine Fahrstuhlmannschaft?
Holger Nickel: Der große Teil unserer Fanszene sagt natürlich: »Eintracht Frankfurt gehört in die 1. Liga.« Die Rückrunde im letzten Jahr hat dies nicht unbedingt bestätigt, heute würde ich das aber wieder genau so unterschreiben.
Den ersten Abstieg aus der Bundesliga musstet ihr 1996 verkraften. Wie war das?

Ich denke, der erste Abstieg ist der schlimmste. Da ging fast die Welt unter. Wenn du erst mal in der zweiten Liga warst, dann weißt du, dass es auch dort weitergeht. Rein sportlich betrachtet will ich natürlich auch, dass die Eintracht in Liga eins und irgendwann mal wieder im Europapokal spielt.

1999 habt ihr euch dann ja auf knappestmögliche Weise gerettet. Sind die Erinnerungen daran noch wach?
Wer dabei war, wird das nie vergessen. Da gibt es schöne Erinnerungen. Mein Nachbar hat nach dem Spiel ein Stück vom heiligen Rasen mitgenommen und eine Tüte daraus gebaut. Und alle waren high! Zum zehnjährigen Jubiläum 2009 gab es dazu sogar eine Sonderveranstaltung vom Eintracht-Frankfurt-Museum. Da wurde das Spiel noch einmal auf dem Videowürfel im Stadion übertragen. Fast alle Spieler von damals waren ebenfalls anwesend und Jan Age Fjörtoft hat auf dem Rasen noch einmal den Übersteiger gemacht.

Kommen wir wieder in die Gegenwart: Nun hat Frankfurt ja wieder eine Zweitligasaison. Wie war der letzte Abstieg aus deiner Sicht? Und welche Rolle spielten »Ultras Frankfurt« da und ihr »Randalemeister«-Anspruch?
Nicht nur unsere Ultras haben sich in der letzten Saison verarscht gefühlt. Dennoch waren die Vorfälle bei den letzten Spielen bei Weitem nicht so drastisch, wie in manchen Medien dargestellt. Ich habe zum Beispiel das Bild in Erinnerung, wie sich ein jugendlicher Fan, bewaffnet mit einer Doppelhalterplastikstange, mit einem behelmten Polizisten prügelt. In den Medien war dann von Eisenstangen und den schlimmsten Ausschreitungen überhaupt die Rede. Ich will das nicht verharmlosen, aber so eine Stange wiegt 85 Gramm, das ist weniger als eine Tafel Schokolade. Und einen Anspruch auf den nichtvorhandenen Titel eines »Randalemeisters« gab es meines Erachtens gar nicht. Man könnte das Transparent ja zum Beispiel auch als ironische Antwort auf die Medienberichterstattung sehen

 

Ist der Wiederaufstieg jetzt Pflicht oder kann man sich auch noch eine Saison in der zweiten Liga leisten?Nach den zuletzt sehr guten Leistungen wäre der Nichtaufstieg jetzt zumindest eine große Enttäuschung. Wobei ich persönlich auch kein Problem mit der zweiten Liga habe. Irgendwie ist das Fanleben dort etwas ereignisreicher. So konnten wir in der Saison auch mal Orte bereisen, an denen wir noch nicht waren. In der ersten Liga und deren Arenen wird das Erlebnis für den Fan immer mehr inszeniert, in der zweiten Liga und Stadien ist es noch mehr real existent. Ich fahre auch gerne mal nach Ingolstadt und Paderborn statt immer nur auf Schalke oder zu Herrn Hopp.

 

Du bist Mitbetreiber der »Bembelbar«. Kannst du für Nicht-Hessen kurz erklären, was das ist, was ihr macht und was das mit der Eintracht zu tun hat?
Die »Bembelbar« ist in erster Line ein Treffpunkt für Eintracht-Fans aller Gruppierungen nach dem Spiel in wechselnden Locations. Wir haben vier wechselnde DJs, die daraus dann auch nach Niederlagen eine zumeist große und vor allen Dingen friedliche Party machen. Oft auch auswärts, wodurch sich schon viele Freundschaften entwickelt haben. Natürlich immer mit Apfelwein vom Fass, dem besten Getränk der Welt.

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