Allein mit Zizou

Der Wiener Kulturverein "Aktionsradius Augarten" veranstaltete am letzten Dienstag im November eine lange Nacht des Zinédine Zidane und ließ dabei gemischte Gefühle aufkommen.
Klaus Federmair | 02.12.2006


Gut 50 Interessierte füllten das gemütliche kleine Veranstaltungslokal beim Wiener Augarten. Einem sympathischen Kulturpublikum wurde von Moderator Klemens Lendl, seines Zeichens Geiger des Wienerlied-Duos "Strottern", ein buntes Programm dargeboten: ein bisschen Fußballliteratur, eine Talksow mit einem steirischen Unterligakicker, Spielszenen mit Zidane auf Großbild, die unvermeidlichen Internetmontagen zum Kopfstoß von Berlin, der Vortrag eines wienerischen Zidane-Lieds durch die Strottern und sogar ein kleiner Kurs zum Einüben der berühmten Zizou-Pirouette.

Trotzdem wurde ich ziemlich schnell unruhig. Spätestens als sich ein Großteil des Publikums bei einer Zusammenstellung von Materazzi-Fouls permanent auf die Schenkel klopfte. Eine Serie von viel zu oft von all zu vielen Verteidigern ausgeführten Blutgrätschen - der Programmpunkt diente der Dramaturgie des Abends bestens, aber zum Lachen reizte mich da rein gar nichts.

Die den ganzen Abend anhaltende heitere Stimmung irritierte mich zusehends. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Wie konnte ich es den freundlichen Menschen um mich herum nur verdenken, dass sie sich so viel unbefangener dem Zidane-Abend widmeten? War ich womöglich nur zu verbohrt, um die Kulturveranstaltung wie die anderen genießen zu können? War ich Gefangener meines den Blick verengenden Fußballinteresses?

Nach der Veranstaltung erspähte mich ein ehemaliger Mittelfeldkollege, mit dem ich einige Zeit beim FSC Chaos 80 in der Wiener Diözesanliga gespielt hatte. Vor langer Zeit hatte er das Fußballspielen beim Braunauer Vorstadtverein ATSV Laab gelernt, einem wegen seiner guten Nachwuchsarbeit und seiner Distanz zu gutbürgerlichen Sportstuben gefürchteten Klub. Beim Millwall FC des Innviertels, sozusagen.

Als langjähriger Zidane-Verehrer konnte sich der wegen seines mittlerweile eingeschränkten Aktionsradius nunmehrige Libero diesen Abend nicht entgehen lassen. Allein, es irritierte ihn das Publikum. "Beim Anschauen der Dribblings hatte ich Tränen in den Augen«, gestand der Routinier, »das können die meisten Leute hier sicher gar nicht nachvollziehen.« Ich war wenigstens doch nicht ganz allein.

Referenzen:

Rubrik: Wochentags
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png