Alles Roger?

cache/images/article_942_roger_140.jpg Der gebürtige Brasilianer Roger Guerreiro von Legia Warschau ist nach seinem Führungstreffer gegen Österreich zum Liebling der polnischen Medien und Fans geworden. Die heftig geführte Diskussion rund um seine kurz vor der EM erfolgte Einbürgerung gehört der Vergangenheit an.
Radoslaw Zak | 15.06.2008
Als vor der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2002 der Nigerianer Emmanuel Olisadebe die polnische Staatsbürgerschaft durch Heirat erhielt, schien seine Herkunft niemanden zu interessieren. Allgemein herrschte Zuversicht, dass der damalige Goalgetter von Polonia Warschau, die Sturmmisere des Nationalteams beheben könnte. Schon im ersten Freundschaftsspiel gegen Rumänien erzielte er ein Tor und wurde nach zahlreichen weiteren Treffern in der Qualifikation fortan nicht mehr mit Bananen und Affenlauten in den Stadien »begrüßt«.

Roger Guerreiro ist nach Olisadebe und dem Armenier Vahan Gevorgyan der dritte eingebürgerter Fußballer Polens. Anders als bei den beiden Erstgenannten stieß das Vorhaben von Nationalcoach Leo Beenhakker, den in São Paulo geborenen Mittelfeldakteur für die EM zu nominieren, im Vorfeld auf großen Unmut und heftige Kritik seitens der Medien und Fans. Guerreiro wurde die spielerische Klasse abgesprochen und sogar Geldgier vorgeworfen. Paradox war die einstimmige Meinung der Boulevardpresse, Roger würde die EM nur als Schaulaufen für westeuropäische Vereine benutzen, um sich von Legia Warschau absetzen zu können. Dass man sich durch gute Leistungen für andere Vereine empfehlen muss, schienen sehr viele Leute vergessen zu haben oder zu ignorieren.

Die mangelnden Sprachkenntnisse, die vor wenigen Jahren bei Olisadebe niemanden störten, wurden über Nacht zum Gesprächsthema einer ganzen Nation. Groteske Ausmaße nahm die Debatte ein, als ein Blatt die Frage stellte, ob ein Spieler, welcher der polnischen Nationalhymne »Mazurka Dbrowskiego« nicht mächtig sei, für Polen auflaufen soll.
Polens Präsident Lech Kaczyski ließ sich von alldem nicht irritieren und verlieh Guerreiro die Staatsbürgerschaft am 17. April. Daraufhin meldete sich ein ehemaliger Bergmann und Aktivist der Solidarno zu Wort, indem er ankündigte aus Protest gegen die Einbürgerung nach Warschau zu fahren und Kaczyski persönlich seinen Verdienstorden zurückzugeben.

Wie sich im Spiel gegen Österreich zeigen sollte, war die Nominierung Beenhakkers ein Treffer ins Schwarze. Das Tor Guerreiros beendete jegliche mediale Hetze und Debatten. Der 26-Jährige ist zum Liebling einer ganzen Nation geworden und in den Tageszeitungen wird stolz berichtet, welche Klubs aus welchen Ländern den Neo-Polen verpflichten wollen.

Der Präsident scheint ihn besonders ins Herz geschlossen zu haben. Nach dem späten Ausgleichstreffer der Österreicher verließ er seine Loge, um als Allerersten Roger Guerreiro in die Arme zu nehmen und sich für sein tolles Spiel zu bedanken. Als Schaulaufen für Westeuropa hat »Jasiu«, wie er in Anlehnung an den sehr häufigen polnischen Namen Jaroslaw seit kurzem liebevoll genannt wird, das Spiel nicht aufgefasst. Er hatte Tränen in den Augen.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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