Analyse: Triumph der Spielstärke

cache/images/article_974_espana_140.jpg Wien hat zwar keine Finalgala gesehen, aber einen verdienten Europameister. Spanien war der deutschen Mannschaft über weite Strecken überlegen und hatte mit Fernando Torres auch den so wichtigen Knipser. Für Michael Ballack und Co. bleibt die Erkenntnis, dass man mit nur einem Schuss aufs Tor in 90 Minuten nicht Europameister werden kann.
Reinhard Krennhuber | 30.06.2008
In einem Spiel der engen Räume war einmal mehr das spielstarke Mittelfeld der Spanier der Schlüssel zum Erfolg. Zwar konnten Xavi Hernandes, David Silva, Cesc Fabregas, Andres Iniesta und Marcos Senna nicht dasselbe Kurzpass-Feuerwerk abbrennen wie im Halbfinale gegen Russland, sie beschäftigten ihr Gegenüber aber dermaßen, dass sie das Spiel bis auf kurze Drangperioden der deutschen Elf an sich reißen konnten und sich eine Vielzahl an Chancen erarbeiteten, die eigentlich zu einem deutlicheren Sieg hätten reichen müssen.

Joachim Löws Defensivkonzept sah vor, die kombinationsstarke »Seleccion« durch drei dicht gestaffelte Reihen, die kurz vor der Mittellinie zu attackieren begannen, zu stoppen. Das Flankenspiel der Spanier konnte sich so nur zeitweise entfalten, auch weil Sergio Ramos in Hälfte eines nicht ganz an die großartige Leistung im Match gegen Russland anknüpfen konnte. Besser funktionierte es dank des quirligen Iniesta über links.

Und dann blieb ja noch der Weg durch die Mitte. Vorbildlich und auf schnellem, direktem Weg beschritten beim entscheidenden Tor von Fernando Torres. Senna auf Xavi, der schickt den Liverpool-Stürmer in die Gasse und nicht einmal der Schnellste der deutschen Verteidiger hat die Mittel, Torres vom erfolgreichen Torschuss abzuhalten. Zwar schauten weder Philipp Lahm noch Torhüter Jens Lehmann und der schlecht postierte Christoph Metzelder besonders gut aus bei dem Gegentreffer, in erster Linie war es aber eine Weltklasseaktion von Fernando Torres, vom Antritt bis zum Abschluss. 

Gewackelt haben die Spanier in ihrem ersten großen Finale seit 1984 nur in den ersten Minuten, in denen ihnen die Nervosität deutlich anzumerken war. Senna begann genauso unsicher wie Abwehrchef Carles Puyol und der schlechte Querpass von Sergio Ramos hätte leicht fatale Folgen haben können, wenn Miroslav Klose den Ball unter Kontrolle bekommen hätte. Danach konnte die deutsche Elf nur über kurze Phasen den gewünschten Druck erzeugen kurz vor der Pause und nach einer Stunde, als sie es über den Kampf probierten, den vor allem Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger und der eingewechselte Marcel Jansen suchten.

Nach wenigen Minuten und einem Ballack-Schuss ins Außennetz war aber auch dieses kleine Aufbäumen vorbei, und die deutsche Elf schien ihre letzten Kraftreserven verbraucht zu haben. Die Spanier nahmen die Partie wieder in die Hand und hätten sie vorzeitig entscheiden können. Ramos muss den Ball nach dem Freistoß von Xabi Alonso versenken, Torres ging etwas zu leichtfertig mit vorhandenem Platz und seinen Chancen um und nach der brillanten Aktion über Senna, Santi Cazoria und Guiza, fehlten dem defensiven Mittelfeldmann von Villarreal nur Zentimeter, um den Ball über die Linie zu drücken.

Die Deutschen ihrerseits konnten in der Schlussphase nicht mehr zusetzen und wirkten ähnlich chancenlos wie Österreich im Gruppenspiel gegen die DFB-Auswahl. Eine Tatsache, die einerseits auf das lange und anstrengende Turnier geschoben werden kann, andererseits aber ebenso wie der wenig überzeugende Erfolg gegen die Türkei im Halbfinale zeigt, dass die Löw-Mannschaft noch bei weitem nicht dort ist, wo sie die deutsche Fußballöffentlichkeit gerne sehen würden.

 

Spanien trägt den Titel Europameister verdienter Maßen. Keine andere Mannschaft hat über das gesamte Turnier mit seinen vielen überraschenden Wendungen hinweg so gut miteinander harmoniert und zusammengespielt. Der grandioso Halbfinal-Auftritt und das souverän gewonnene Endspiel zeugen von einer Klasse, die in der näheren Zukunft Maßstäbe setzen könnte im europäischen Fußball und dem Nachfolger von Luis Aragones gute Perspektiven einräumt für die WM 2010 in Südafrika.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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