Angst vor dem Sheriff

cache/images/article_1464_deutschlan_140.jpg WM-BLOG Das 0:1 gegen Serbien hat die deutsche Idylle in Südafrika empfindlich gestört. Vor dem entscheidenden Spiel gegen Ghana suchten die Boulevardmedien nach einem potenziellen Bösewicht und fand ihn in Referee Carlos Simon aus Brasilien.
Carsten Germann | 23.06.2010
Die Geste hat er in jedem Fall drauf. Am Montag wurde Carlos Simon in Derdepoort bei Pretoria gesichtet, wie er in einem Trainingsspiel der FIFA-Schiedsrichter Rote Karten zückte. Probte da etwa einer schon für das nächste Kartenfestival? Für die legitime Nachfolge von Deutschland-Schreck Alberto Undiano?

Der Spanier hatte im Spiel der DFB-Elf gegen Serbien acht Mal Gelb und einmal Gelb-Rot gezeigt und sich den kollektiven Zorn des DFB zugezogen. Cacau, Sami Khedira, Philipp Lahm, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger droht nach dem Pokeranfall von Undiano in einem möglichen Achtelfinale eine Gelb-Sperre. Nun sorgte die Nominierung des Brasilianers Simon, der in der internationalen Refereeszene gelinde gesagt keinen guten Ruf genießt, für blankes Entsetzen beim deutschen Boulevard.

Schon lange vor dem Anstoß gegen Ghana in Johannesburg wurde Stimmung gegen Simon gemacht. »Dieser Schiri macht uns Angst«, titelte Bild am Dienstag. Der Fernsehsender RTL nannte Simon auf seinen Internetseiten schlicht den »Sheriff des Grauens«, weil er »die Karten wie ein Westernheld zückt«. Sogar die sonst so seriöse Welt (»DFB-Elf zittert vor dem Schiedsrichter-Sheriff«) ließ sich von dem Getrommel anstecken.

Auch die Zitatgeber aus der zweiten Reihe durften bei der Schiri-Schelte nicht fehlen. »Simon ist bekannt für Skandale, er wirkt ab und zu nervös«, wurde der seit Monaten verletzte Bayern-Brasilianer Breno in der Bild zitiert.

Simon und die Deutschen eigentlich gab es für den Journalisten, der 2009 in Brasilien wegen Manipulationsverdacht zwei Monate gesperrt war, aus DFB-Sicht nur wenig suspekte Momente. Gut, im WM-Achtelfinale 2006 gegen Schweden (2:0) hatte er den Skandinavier Teddy Lucic mit einem breiten Grinsen mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Aber das ist für die Deutschen bestimmt kein Nachteil gewesen.

Auch sonst blieb die Beweisdecke ziemlich dünn. Bild wollte »im Internet viele Videos mit Simon-Fehlern« aufgespürt haben und eine DVD aus dem Jahr 2008, die Flamengo Rio de Janeiro angeblich aus lauter Wut über Simons Fehlentscheidungen an die FIFA geschickt hatte, stilisierte den »Sheriff« schnell zum Outlaw.

Jenseits aller Polemik ließ wenigstens einer Zurückhaltung walten: »Meinen Informationen nach ist der Schiedsrichter sehr korrekt, fast schon pedantisch«, erklärte Bundestrainer Joachim Löw in gewohnt ruhigem Tonfall, »darauf müssen wir uns einstellen. Aber ich mag es sowieso nicht, wenn nach strittigen Entscheidungen zu viel diskutiert wird.«

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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