Anonyme Beichte: Ich habe auf HOYZER gewettet!

Seit Wochen kann ich nicht mehr schlafen. Auch wenn ich völlig unschuldig bin und meine besten Freunde mir sicher glauben werden, kann ich mit der seelischen Last nicht länger leben.
Wenn ich zu Hause bin, zieht mich eine geheime Kraft zum Fernseher hin, ich zappe von ORF zu n-tv zu DSF und wieder zurück. Und ständig taucht ER auf. Man sieht IHM das Böse nicht an. ER war so ein viel versprechender Schiedsrichter, ER sieht so nett aus, ER kann so glaubwürdig SEIN schlechtes Gewissen vermitteln - manchmal wünschte ich, ich wäre ER und säße im Gefängnis, unschuldig oder nicht, Hauptsache ohne dunkle Geheimnisse in der Seele. Das Schlimmste aber ist, wenn sie im Fernsehen SEINEN Namen aussprechen oder wenn ich ihn in der Zeitung lesen muss. Musste es denn dieses verfluchte Ypsilon in der Mitte sein? Wenn es dann noch an der Wohnungstür läutet, schmettert mich schon fast gewohnheitsmäßig ein Nervenzusammenbruch nieder. Während ich diese Zeilen schreibe, zittern meine Finger, und der Text ist bestimmt voll von Toppfeldern, so nervös machen mich meine Gedanken. Das einzige was da noch hilft, ist die Flucht nach vorn, heraus mit der ganzen Wahrheit! Also: Es war in einer heißen Sommernacht des vergangenen August. Ich habe furchtbar schlecht geschlafen. Die Hitze, die Gelsen, der Restalkohol, das alles machte mir zu schaffen. Als ich gegen vier Uhr endlich einschlafen konnte, erschien mir im Traum ein 45-jähriger Kroate, der mir wortlos 3.000 Euro in die Hand drückte und dazu einen Zettel. Auf einer Seite war die Adresse eines Wettbüros zu lesen, auf der anderen standen die Buchstaben H-O-L-Z-E-R. Ich lächelte den Kroaten verwirrt, aber freundlich an und wollte ihm die 3.000 Euro wieder zurückgeben. Er aber zog ein blutiges Messer hervor und sagte: »50% für dich«. Langsam begriff ich, dass ich in die Fänge der berüchtigten kroatischen Wettmafia geraten war. Der Mafioso forderte mich auf, das Geld einzustecken, mir den Namen HOLZER und die Adresse des Wettbüros gut einzuprägen, und verbrannte, als ich fertig mit Einprägen war, das Papier. Schweißgebadet wachte ich auf. Ich war nicht sicher, was von der Geschichte ich nur geträumt hatte und was nicht. Eigentlich weiß ich es heute noch nicht, immerhin war ich schon öfter im Wettbüro, und trinke auch schon einmal ein Bier mit einem Kroaten. Jedenfalls hatte ich keine andere Wahl: Wenn irgendetwas von der Geschichte Realität war, musste ich so schnell wie möglich in das Wettbüro laufen, bevor ich Adresse und Namen vergessen hatte. Außerdem konnte mein Auftraggeber jeden Moment zurück sein und überprüfen, ob ich die Wette schon durchgeführt hatte. Ich rannte also hinunter auf die Straße, fand das beschriebene Wettbüro drei Häuserblöcke von meiner Wohnung entfernt lief hinein und rief, mit dem mir eigenen ostösterreichischen Akzent »HOLZER«. Der Mann, der die Wetten mit eindeutig serbokroatischem Akzent entgegennahm, kannte sich erstaunlicherweise sofort aus und fragte mich nach dem Geld. Panisch begann ich meine Hosentaschen zu durchsuchen und fand - 3.000 Euro. Ich gab sie ihm ohne Umstände und erhielt dafür einen Wettbestätigung. Ich lief sofort wieder nach Hause, machte mir einen Kaffee und zündete mir eine Zigarette aus einer Schachtel an, die ich als mitfühlender Nichtraucher stets für Raucherbesuche aufbewahre. Das brachte mich soweit wieder zu mir, dass ich auf die Idee kam, den Wettschein genauer anzuschauen. Und da stand: »Bestochen - HOYZER - 1:400«. Ich hatte nichts ahnend darauf gewettet, dass eine mir unbekannte Person namens HOYZER bestochen wird. Und dabei hatte ich eigentlich auf HOLZER gewettet, nur den Namen etwas schlampig ausgesprochen. Ich rauchte noch ein paar Zigaretten und beruhigte mich mit der Überlegung, dass der Verständigungsfehler vielleicht gar nicht das Schlechteste war. Die kroatische Wettmafia würde den Irrtum zwar bemerken, aber es war wohl nachvollziehbar, dass ich mein Bestes getan hatte. Vielleicht würde die Sache sich damit beruhigen, so kleine Unfälle nimmt so eine Mafia bestimmt in Kauf, ohne bei einem kleinen Fisch wie mir gleich auf Rache zu sinnen. Und tatsächlich hörte ich nichts mehr von der ganzen Geschichte. Nach zwei, drei Wochen hörten auch meine nächtlichen Albträume auf. Bis vor zwei Wochen der Name HOYZER in den Medien auftauchte und ich nach drei durchwachten Nächten und einigen dubiosen Anrufen von einem gewissen Herrn Holzer, ? oder so ähnlich?, wieder zu dem Wettbüro ging, den Schein abgab und im Gegenzug einen Koffer erhielt. Schnell nach Hause, Koffer auf, eine Packung Zigaretten geraucht, dabei das Geld aus dem Koffer gezählt. Bei exakt 1.200.000 war ich fertig. Völlig fertig. Seither warte ich zu Hause auf einen Anruf der verdammten kroatischen Wettmafia, damit die sich endlich ihre 600.000 Eier abholen, oder auch das ganze Geld. Naja, das gerade nicht, 100.000 hätte ich mir für die ganzen Entbehrungen schon verdient. Wie auch immer, die Katastrophe ist - es rührt sich nichts, nema nista! Ich bin mittlerweile ein komplettes, unheilbares seelisches Wrack, praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt - sieht man einmal ab vom Internet, den Hoyzer-Interviews, die ich in Fernsehen und Zeitung verfolge, sowie vom Tabaktrafikanten ums Eck. Das Allerschlimmste aber sind die Gewissensbisse. Denn ich habe die Ehre des Fußballs beschmutzt, die Ehre des Wettgeschäfts, den professionellen Ruf der kroatischen Wettmafia, und als ballesterer-Redakteur, der bis zum heutigen Tag zur Causa HOYZER geschwiegen hat, auch den Sportjournalismus. Hiemit habe ich mein Schweigen gebrochen und mein Gewissen wenigstens ein bisschen erleichtert. Alle Welt, das ist mir bewusst, erwartet von mir den nächsten Schritt. Er fällt mir schwer, aber ich weiß was ich der Öffentlichkeit schuldig bin und ich schreibe es in aller Klarheit: Ich lege mit sofortiger Wirkung meine Stellung als ballesterer-Redakteur zurück und hoffe, damit den Schaden den ich schon angerichtet habe, zu begrenzen. Ich bedanke mich bei allen, die immer zu mir gestanden sind und hoffe, dass es eines Tages wieder möglich sein wird, die drei Dinge wiederzugewinnen, die mir immer noch so sehr am Herzen liegen: EINEN SAUBEREN FUSSBALL EIN SAUBERES WETTGESCHÄFT EINEN SAUBEREN SPORTJOURNALISMUS

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Rubrik: Sonstiges
Thema: Wettskandale
ballesterer # 121

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