Anruf von Phillip Köster

cache/images/article_1878_dsc_9726_kl_140.jpg Charkiw ist im Vergleich zu Donezk die deutlich freundlichere EM-Destination im Osten der Ukraine. In der Fanzone finden Russen und Polen zu einem friedlichen Miteinander, ein paar Deutsche beweisen Sinn für Humor. Und bei einer nächtlichen Taxifahrt bestätigen sich ukrainische Klischees.
Reinhard Krennhuber aus Charkiw | 13.06.2012

In der Grünoase des zentralen Schewtschenko-Parks tummeln sich am Vorabend von Deutschland gegen Holland bei 30 Grad Fans beider Seiten im Schatten der großen Bäume, dazwischen flanieren interessierte Charkiwerinnen und Charkiwer und in extrem knappe Kostüme gesteckte blau-gelbe Cheerleader. Die Kommerzialisierungswut hält sich in Grenzen. Die Kioske verkaufen dasselbe Sortiment wie eh und je. Ein ukrainisches Bier kostet umgerechnet 50 Cent, die dazu gereichte braune Papiertüte ist in diesen Tagen überflüssig. Denn Polizei und Stadtämter haben beschlossen, während der EM den ansonsten in der Öffentlichkeit verbotenen Alkoholkonsum zuzulassen ob offiziell oder inoffiziell, darüber scheiden sich die Geister. 

Helmut und Horrormeldungen aus Warschau

An der mobilen deutschen Fanbotschaft neben dem beliebten Fotomotiv des Bronze-Fußballs herrscht eine lockere Atmosphäre. Die Fanarbeiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS) versorgen die weitgereisten Fans mit Infos zu Stadt und Stadion und geben Tipps für die Übernachtung. Eine von zahlreichen deutschen Anhängern gebuchte Camping-Anlage hat sich wenige Tage vor Turnierstart als Phantom erwiesen, Ersatz kann aber auch am Vortag des Schlagers gegen die Niederländer noch gefunden werden. Die Quartiere sind nicht ausgebucht. Und wer nicht unbedingt mitten im Zentrum wohnen will, kann eine Übernachtungsmöglichkeit zu erschwinglichen Preisen finden. Daneben werden an dem Campingtischen der KOS Reiseerfahrungen ausgetauscht, Fotos mit dem Wildschweinmaskottchen Helmut geschossen und das gleichnamige, zu jedem Spiel produzierte Fanzine verteilt.

Um 19.30 Uhr schließt die mobile Anlaufstelle ihre Pforten. In der benachbarten Fanzone am Ploschtschad Swobody geht nach den beiden frühen Toren der Tschechen gegen Griechenland die offizielle Pyrotechnik in die Luft. Beim Abendessen mit den KOS-Mitarbeitern machen die ersten Meldungen von den Ausschreitungen vor dem Match Polen gegen Russland in Warschau die Runde. Erst ist von 70 Verletzten die Rede, dann dringen auch die Twitter-Meldungen über ein vermeintliches Todesopfer durch, die sich glücklicherweise nicht bestätigen. Bereits zuvor hatte das Team der deutschen Fanbetreuer Bedenken vor einem möglichen Viertelfinale gegen Polen geäußert. Die Nachrichtenlage über die Randale erweist sich als unbefriedigend, das ukrainische Fernsehen zeigt lieber schwedische Fans beim Wuzzeln in Kiew als Live-Bilder aus der polnischen Hauptstadt.

Friedliche Russen, lustige Deutsche

Die zweite Hälfte des Prestigeduells verfolgen wir in der offiziellen Fanzone. Die Anhänger aus Russland sind schon aufgrund der Nähe zur russischen Grenze klar in der Überzahl. Die Stimmung unter den »Sbornaja«-Fans ist alkoholgetränkt, es bleibt aber völlig friedlich. Der polnische Ausgleichstreffer von Jakub Blaszczykowski kann entgegen unseren Erwartungen völlig unbedenklich bejubelt werden, und auch die Gruppe von rund 50 polnischen Fans, die ihr Bestes geben, um den Russen stimmlich Paroli zu bieten, wird in Frieden gelassen. Genauso gebannt, wie die rund 5.000 Leute in der Fanzone das spannende Match verfolgen, genauso rasch verlassen sie nach dem Match den Schauplatz. Wenige Minuten nach Abpfiff thront die Lenin-Statue über einem beinahe verwaisten Freiheitsplatz, nur noch Ordnungskräfte und die Putzkommandos sind anzutreffen.

Dann klingelt das Telefon eine unbekannte ukrainische Nummer. Als ich abhebe, meldet sich am anderen Ende Phillip Köster. Er sagt, er sei heute in Charkiw angekommen und sitze in einem Schanigarten ganz in der Nähe. Erfreut breche ich zum vereinbarten Treffpunkt auf, dort erwartet mich jedoch nicht der Chefredakteur der 11Freunde, sondern vier Deutschland-Fans aus Braunschweig und Osnabrück, die ich am Vorabend im Zug von Donezk kennengelernt habe. Ihre Freude, dem »Ösi« einen Streich gespielt zu haben, ist groß und ich kann mich der Originalität ihres Scherzes nicht verschließen. Leider schließt der Gastgarten bereits seine Pforten, überhaupt scheint die Stadt kurz nach Mitternacht schlafen zu gehen. Auf der Puschkinskaja-Straße finden wir dann aber doch noch ein Lokal, das geöffnet hat, und rauchen eine Friedenswasserpfeife.

Nahes Moskau, fernes Kiew

Die Taxifahrt zurück in meine Wohnung in einem Plattenbau am Stadtrand wird zu einem Schaubeispiel ostukrainischer Klischees. Noch im Zentrum überholt den alten Lada mit doppelter Geschwindigkeit ein Motorrad. Auf dem Hintersitz klammert sich eine slawische Schönheit im Minirock an den Fahrer. Helm trägt sie keinen. Im weiteren Verlauf der 15-minütigen Fahrt passieren wir drei am Straßenrand verendete Autos. Der Taxler fährt auf den breiten Ausfahrtsstraßen Schlangenlinien nicht weil er betrunken wäre, sondern um den zahlreichen und tiefen Schlaglöchern auszuweichen. An einer Ampel fällt mein Blick auf ein Wegweiser mit der Aufschrift »Mockba/Moscow«. Kiew ist auf den Straßen Charkiws dagegen nicht angeschrieben.  

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