Ansichten unter der Brücke

Nachdem das gestrige Spiel der Italiener gegen Australien für eine gesundheitliche Konsolidierung herhalten musste, erlitt die körperliche Renaissance einen abrupten Einbruch. Und so fand man sich unter der Brücke wieder.
Andreas Hagenauer | 27.06.2006

Und wir können's auch noch. Nachdem die Cholesterinwerte diverser Ballesterer-Redakteure nach den letzten Wochen beinahe lebensbedrohlichen Ausmaße annahmen, galt es am gestrigen Achtelfinaltag das stundenlang rezipierte Lehrmaterial in die Tat umzusetzen. So traf sich die "sezione sportivo" auf der Eisenbahnersportanlage um dem SPÖ-Parlamentsklub ein heroisches 3:3-Unentschieden abzukämpfen, und/aber zugleich das anscheinend nicht weniger nervenaufreibende Spiel der Italiener zugunsten der eigenen Gesundheit zu opfern.

Nach eingehender Analyse der spielerischen Halbfähigkeiten, aber mit einer gewissen Selbstzufriedenheit bezüglich des glorreichen Triumphes über den eigenen Schweinehund und das eine oder andere Gramm weniger, fand man dann aber doch wieder zurück zu den (Ernährungs-)Gewohnheiten der letzten Tage: Dieses Mal in Form von "Grillspezialitäten" und altbewährten Liquiden unter der Salztorbrücke zur Partie Schweiz-Ukraine.

Und gerade dieser Abend hat mir selbst bewiesen, dass Public Viewing nicht unbedingt mit Bodypaint-Exzessen oder der Präsentation von gnadenlos geschmacklosen Fanartikeln gleichzusetzen ist. So hinterließ die etwas skurrile Romantik eines Fußballspiels unter der Brücke einen durchaus positiven Nachgeschmack.

Da aber selbst der unumgänglichste Charme seitens diverser TV-Kommentatoren zerstört werden kann, schickte sich an diesem Abend ein prominenter Teil der Wiener HipHop-Szene an, das Spiel wortakrobatisch zu begleiten. Nach einem etwas trägen Beginn schienen die konsumierten Massen eines weltbekannten Energydrinks bei den beiden Zeremonienmeistern erste Früchte zu tragen und so wusste nicht nur "Zauberbühler" so "grichting" zu begeistern. Zugegebenermaßen dürfte es bei einem derartig spannungslosen Spiel sogar den professionellen Pendants à la Seeger und Co. schwer fallen das Publikum für das lustlose Treiben auf dem Platz zu begeistern, aber im Großen und Ganzen kann man den beiden selbst-titulierten "HipHop-Rappern" zum etwas anderen WM-Kommentar gratulieren.

Das Spiel selbst warf mich ein wenig in die Prä-Achtelfinallethargie zurück und so werden jene Stimmen in mir wieder lauter, die unweigerlich den endgültigen Schlusspfiff dieser Weltmeisterschaft herbeisehnen. Immerhin: Die Hoffnung, dass der heutige Aufstieg Ghanas meine Begeisterung wieder entfachen und außerdem die legitime Rückkehr des Begriffs "Zauber" in meinen Wortschatz bedeuten würde, lebt. Noch.

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png