Au revoir, Saint Gilles!

Letztes Heimspiel der Union Saint-Gilloise vor dem Abschied Eures Flachlandkickreporters von Brüssel. Zum Glück sieht man sich in allen drei Landessprachen wieder: Tot ziens, au revoir, auf Wiedersehen!
Klaus Federmair | 02.05.2006


Zu Gast im uralten Stadion von Saint Gilles ist wieder einmal ein flämischer Traditionsklub. Es handelt sich um Royal Antwerp, Belgiens ältesten Verein, der vor 125 Jahren als "Antwerp Cricket, Football and Lawn Tennis Club" gegründet wurde. Gemeinsam haben Union und der RAFC elf belgische Meistertitel gewonnen, die allesamt ein halbes bis ein ganzes Jahrhundert zurückliegen.

Union muss froh sein, schon vor dem Spiel den Klassenerhalt punkte- wie lizenzmäßig gesichert zu haben. Royal Antwerp strebt hingegen wieder nach Höherem. Dabei soll die Kooperation mit Manchester United helfen. Die Engländer testen bei Antwerpen ihre Nachwuchskicker.

Auch in Saint Gilles laufen wieder ein paar Spieler aus der United-Fußballschule auf. Keiner ragt wirklich heraus, aber der Tabellensiebente hat insgesamt keine großen Probleme mit der fünfzehntplatzierten Union. Die Gastgeber gehen nach einem sehr fraglichen Elfer im Nachschuss in Führung, doch Antwerpen dreht das Spiel und siegt mit 3:1.

Auch im Auswärtsblock sind englische Einflüsse unüberhörbar. Die ca. 100 mitgereisten Fans singen aus voller Kehle und großteils auf Englisch, keine Spur von Ultra-Schnickschnack.

Damit nicht genug, finden sich gegenüber, auf dem Union-Stehplatz, die Abordnung des AFC Wimbledon ein. Drei Fans haben wieder einmal den uniontypischen Sonntagtermin für einen Besuch genutzt, nachdem sich der AFC tags zuvor für die Playoffs qualifiziert hatte, in denen er sich diese Woche hoffentlich den Aufstieg sichern wird.

Unter den bekannten Gesichtern auf der Tribüne befinden sich auch niederländische Heracles-Fans. Und natürlich Ivan, Webmaster und Gute Seele der multilingualen Union. Am Stehplatz wechselt er ständig und mit offensichtlicher Lust zwischen Niederländisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Seit Kurzem gibt es die wichtigsten Union-Infos auf der Homepage (www.rusg.be) auch in Englisch. Wir beschließen, dass nun Deutsch an der Reihe ist. Ivan will damit vor allem den Fans von Eupen eine Freude machen, dem einzigen Ligateam aus dem deutschsprachigen Teil in Ostbelgien.

Nach dem Spiel noch ein Au revoir an Jeff Drapeau, Union-Fan seit 1954, den wir Mineralwasser trinkend in einer der Kneipen gegenüber dem Stadion finden. Einen Tag nach seinem sechsundsechzigsten Geburtstag überreiche ich ihm endlich ballesterer Nummer 20, für den Jeff mit seiner phänomenalen, 20 Jahre alten Fahne posiert. Jeff versteht zwar nicht, warum er in einem österreichischen Fußballmagazin abgebildet ist, aber er freut sich und spendiert Ivan und mir ein Bier. Bevor auch noch all seine Freunde eine Runde zahlen können, hauen wir ab, denn im Stadionbeisl warten schon die von der Wimbledon-Fraktion georderten Getränke auf uns.

Das alles passt gar nicht zu den Dutzenden Polizisten, die absurder Weise auf der Straße herumstehen. Die Antwerpen-Fans haben einen schlechten Ruf. Offenbar zu Unrecht, denn die Atmosphäre im und um das Stadion am Dudenpark bleibt gemütlich. So ist das eben in Saint Gilles.

Union, wir sehen uns!

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Rubrik: Flachlandkick
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