Auf den Spuren der Götter

cache/images/article_1304_wangen_140.jpg Über drei Jahre ist Edgar Wangen quer durch Europa gereist, um die letzten Ruhestätten großer Spieler und Trainer zu besuchen und zu fotografieren. Nun liegt das Ergebnis vor: »Die Gräber der Götter. Fußballhelden und ihre letzten Ruhestätten«, erschienen im Verlag Die Werkstatt. Ein Interview über russische Nationalhelden, spanische »Hühnerställe« und lebendige schwedische Tradition.
Wenzel Müller | 04.11.2009
ballesterer: Sie waren früher Tormann, später leitender Manager für Brauereien und sind heute Unternehmensberater. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über die Gräber großer Fußballer zu schreiben?
Edgar Wangen: Anstoß war, dass ein Freund Präsident eines kleinen Fußballklubs südlich von München wurde und entdeckte, dass im Vereinsbudget 100 Euro für die Pflege des Grabs von Alfred Schaffer vorgesehen waren. Er fragte den Kassier, was es mit diesem Ausgabeposten auf sich habe. Und der antwortete, dass dieser Spieler 1945 in dieser Gegend durch Zufall tot in einem Zug aufgefunden worden sei. Der Freund fand heraus, dass Schaffer ein österreichisch-ungarischer Spieler und einer der ersten Fußballprofis der Vorkriegszeit war. Dann haben wir uns die Frage gestellt: Wo sind sie eigentlich alle geblieben, die großen Fußballer des letzten Jahrhunderts? Und so ging ich an die Recherche.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Grabstätten, was bedeuten Ihnen diese letzten Ruhestätten?
Viele Spieler sind Teil meiner Biografie. Meine Idole waren unter anderem der Torwart Lew Jaschin und in späteren Zeiten Spieler wie Gerhard Hanappi oder Rudi Brunnenmeier. Es ist ein bewegendes Erlebnis, am Grab dieser bekannten Spieler zu stehen, die einem so viel gegeben haben.

Wie schwierig war es, für dieses Projekt einen Verlag zu finden?
Überhaupt nicht schwierig, weil ich im Werkstatt Verlag sofort kompetente Ansprechpartner gefunden habe. Das Gespräch dauerte gerade einmal eine halbe Stunde, danach waren sich beide Seiten einig, dieses Projekt zu realisieren.

Sie haben Gräber der Fußballer in ganz Europa aufgesucht welches hat Sie am meisten beeindruckt?
Das Grab von Lew Jaschin hat mich am meisten beeindruckt. Nicht nur, weil er wie gesagt ein Idol von mir war und ich selbst früher als Torwart gespielt habe, sondern weil es ein sehr schönes Grab ist, vielleicht überhaupt das schönste von allen Spielern. Jaschin liegt in Moskau begraben, im Umfeld der politischen und künstlerischen Größen des russischen Reiches. Man hält die Erinnerung an ihn, den Nationalhelden, mit einem wirklich fantastischen Grab aufrecht.

Und welche Gräber haben Sie weniger schön gefunden?
Die spanischen Gräber haben mich enttäuscht in Spanien gibt es fast ausschließlich Urnenfriedhöfe, die fatal an Hühnerställe erinnern. Enttäuscht hat mich auch, dass das Grab von Werner Kohlmeyer aufgelassen wurde, der mit der deutschen Mannschaft 1954 Weltmeister geworden ist. Ebenso das von Georg Braun, einem österreichischen Wunderteamspieler. Alle anderen Gräber der österreichischen Fußballer werden aber gut gepflegt und sind zum Teil auch Ehrengräber. Man kann von einer schönen und beeindruckenden Grabes- und Friedhofskultur in Österreich sprechen.

War es schwierig, die Gräber ausfindig zu machen?
Man kann generell sagen: Je älter der Spieler, desto schwieriger war sein Grab zu finden. Das heißt, die Gräber des österreichischen Wunderteams, das seine großen Erfolge in den 1930er Jahren hatte, habe ich nicht so leicht gefunden wie die der ungarischen Goldenen Mannschaft von 1954. Es gab auch einige Gräber, an denen ich mir regelrecht die Zähne ausgebissen habe, denn Vereine und Verbände wissen oft selbst nicht, wo ihre Nationalspieler begraben liegen. Da musste ich sehr viel telefonieren, auch dank des Internets habe ich schließlich doch alle gefunden.

Sie sind in ganz Europa herumgereist. Wo wird die Erinnerung an die früheren Idole besonders hochgehalten?
In England ist die Verehrung sicherlich am größten. Die Gräber der legendären Spieler werden regelmäßig mit Devotionalien geschmückt. In den skandinavischen Ländern gibt es die schöne Tradition, die Spieler schon zu Lebzeiten zu ehren: mit Skulpturen, die in der Nähe der Stadien aufgestellt werden. Man braucht nicht unbedingt zu warten, bis sie unter der Erde liegen.

Eine ausführliche Rezension von »Die Gräber der Götter. Fußballhelden und ihre letzten Ruhestätten« finden Sie in der November-Ausgabe des ballesterer.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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