Auf der Pressetribüne

Das Match Mexiko gegen den Iran zog ganz Nürnberg in seinen Bann. Nur auf die Journalisten sprang die Euphorie nur sehr zögerlich über, wie eine Undercover-Recherche ergab.
Gastautor | 13.06.2006

Der Ankick in Nürnberg erfolgt um 18.00 Uhr und ich bin nervös. Dutzende Male kontrolliere ich meine Presseakkreditierung und mein Matchticket. Name, Datum und Uhrzeit stimmen. Ich beschließe schon gegen 15 Uhr ins Stadion rauszufahren, schließlich spielen die Oranjes am Nachmittag gegen Serbien-Montenegro, und ich kann mir dieses Match im Pressezentrum ansehen. Die Straßenbahn ist um diese Zeit schon gut gefüllt mit echten und weniger authentischen Mexikanern. Ich setze mich vorsichtshalber in einen Omi-Block. Doch auch diese outen sich als Fußballfans. "I mog die Mexikana, die singan imma so schön.", die eine, woraufhin die andere in ebenso breitem Bayrisch antwortet: "Jo, so stimmungsvoll." Raging Grannys statt polnischer Hooligans?

Auch das Wetter hat die Freundlichkeitsverordnung des Organisationskomitees verinnerlicht, das Thermometer zeigt 25 Grad, gefühlsmäßig ist es um einiges heißer. Menschenmassen sind unterwegs - alles friedlich, von den befürchteten anti-iranischen Demonstrationen keine Spur. Eltern mit Mexiko-Flaggen auf den Wangen schieben Kleinkinder mit Sonnenhut im Fußballdesign durch die Welt. Auch am dritten WM-Tag ist das fröhliche Fußballfieber ungebrochen hoch.
Durch den Hauptbahnhof wuseln die Massen zur Schnellbahn Richtung Stadion, es herrscht ein Mordslärm, hier drin hallen die Fantröten richtig laut. Irgendwo hinter dem Bahnhof fährt der Presse-Shuttle, ich frage einen Polizisten nach dem Weg und werde herzlichst gelotst - sie sind hier derzeit alle so sagenhaft freundlich, dass man gar nicht glauben mag, dass man in Deutschland ist! Nach 15 Minuten Irrweg habe ich den Bus gefunden. Schwitzende, gelangweilte Kollegen warten schon auf die Abfahrt. Merke: Als Journalist hat man angeödet zu gucken. Just another fucking match! Wenn die wüssten, dass ich noch nie in einem Stadion war. Aber das sage ich nicht laut, sonder halte nur meine flatternden Nerven fest.

Vor dem Stadion gibt's wieder Body-Check. Auch für die Presse. Meine Plastikwasserflasche verursacht eine hochgezogene Augenbraue: die dürfe ich aber nicht mit hineinnehmen, ob ich eh nur zum Arbeiten komme. Ja, ja, klar. Natürlich. Nur Arbeit. Nix Vergnügen.

Das gigantische Pressecenter ist voll. Die meisten der etwa 500 Arbeitsplätze besetzt mit wild in ihren Laptop klopfenden Kollegen, neben sich Handy und Wasserflasche, ab und zu ein Blick auf eines der aufgehängten Flachteile, über die Holland - Serbien flimmert. Ohne Ton, schließlich darf man bei der Arbeit ja nicht gestört werden! Atmosphäre: erraten - gelangweilt. Ich versuche ebenfalls, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht aufzusetzen, damit niemand merkt, dass sich hier ein Fan eingeschlichen hat.

In einer Ecke haben sich die Fotografen zusammengerottet in ihren lächerlich froschgrünen und pinkfarbenen "Bibs" (Überziehleibchen). Bei den beiden Camera-Repair-Centern stehen lange Schlangen. Können die alle mit ihren Dingern nicht umgehen oder haben sie schon so viele Treffer abbekommen?

Ich suche mir eine Koje, in der ich das Oranje-Match unbehelligt gucken kann. Mir gegenüber nimmt ein Kollege von irgendeiner Morgenpost Platz, packt die üblichen Dinge (Laptop, Handy, Wasser) aus und beginnt, zu tippen. Ab und zu wirft er mir, die sich handschriftlich Notizen macht, einen skeptischen Blick zu, weshalb ich mich nicht traue, ihn zu fragen, ob da wirklich Markus Merck pfeift oder wie lange vor Anpfiff es sich empfiehlt, auf der Tribüne Platz zu nehmen. Ich habe Magenschmerzen - kein Wunder, es ist 16 Uhr und in meinem Bauch befinden sich nur Frühstück und viele Bachblüten-Notfall-Bonbons. Irgendwie vergeht auch dieses tonlose Match. 1:0 durch Arjen Robben, der Rest der Truppe unauffällig.

17.15 Uhr. Ich könnte mich ja mal so langsam auf den Weg zu meinem Sitzplatz machen. Roter Block, Sektor 34, Reihe 14, Platz 35. Bei meinem Orientierungssinn brauche ich sowieso 45 Minuten bis ich den gefunden habe, andererseits schwirren Heerscharen von helfenden OK-Engeln herum. Irgendwie scheint es, als hätten sowieso mehr Leute Akkreditierungen, VIP-, Helfer- oder Sonstwie-Pässe um den Hals als Eintrittskarten. Ich wage mich aufs Stadion zu, aus dem bereits eine gigantische Lärmwolke dringt. Kein Wunder bei der Menge von Mexikanern mit Trommeln und Tröten. Jede Menge Sombreros - dass die die aufbehalten dürfen! Das ist doch ungefähr so wie die Dame mit Hut im Kino - einige mit perfektem Federschmuck.

Irgendwie habe ich keine Eile in diesen flirrenden Hexenkessel hineinzukommen, die Schmetterlinge mit Magenschmerzen tanzen in meinem Bauch. Beim Eingang interessiert weniger meine Karte als meine Identität, meine Akkreditierung wird gescannt, kurz überlege ich, ob ich dem freundlichen OK-Helfer die Telefonnummer meiner Eltern geben soll. Für den Fall. Dann spült mich die Menge weiter aufs Stadion zu. Eigentlich müsste ich ja jetzt drei Treppen hoch zur Pressetribüne, aber der Gang vor mir führt zu den Sitzplätzen am Randes des Spielfeldes und meine Akkreditierung berechtigt mich zum Zugang sämtlicher Public Areas, also schau ich mir die Sache doch mal von Augenhöhe aus an.

Ich trete aus dem Dunkel des Stadionganges und - falle um bei dem, was sich mir bietet. Eine einzige bunte, laute, fröhliche Bilderflut. Jubelnde, singende und lärmende Zuschauer, zu achtzig Prozent Mexiko-Anhänger in grün, zwei Blöcke in rot-weiß mit Iran-Fans, auf dem Rasen wärmen sich die Jungs auf, ein paar Cheerleader hopsen herum, Fotografen nehmen ihre Plätze ein, über riesige Leinwände flimmern Fußballspots, Securities stehen entspannt herum, durch die Sonne und das klare Licht sind die Farben so intensiv, als wäre ich auf Trip (die Notfall-Bonbons??) und das Ganze ist einfach perfekt. Keine Spur von Aggression, Prols oder Hooligans, sondern ebendiese feiernden, begeisterten Massen, die uns das OK im Zusammenhang mit der WM immer suggerieren will. Ich stelle mich zwischen zwei Sanitäter (ganz trau ich der Lage noch nicht) und gucke einfach nur. Dabei strahle ich vor Begeisterung wie ein Hutschpferd und habe Gänsehaut am ganzen Körper, die Schmetterlinge tanzen Samba.

Irgendwann kann ich mich dann losreißen und frage einen OK-Engel, wie ich auf meinen Platz komme. Ich erklimme die Presstribüne, darauf gefasst, zwischen den Schweizer Kollegen zu sitzen, nachdem ich ja fälschlicher Weise dem Schweizer Kontingent zugeordnet wurde, aber Irrtum. Rechts neben mir sitzt ein säuerlich dreinblickender Kollege aus England und links ein über 50-jähriger Freelancer aus Indien, der sich schon die Spieleraufstellung in feinstem Sanskrit notiert hat. Vor uns reihenweise Kollegen an Pulten, vor sich Flachteile, auf denen die Fernsehübertragung zu sehen ist. Wozu? Die Sicht aufs Spielfeld ist malerisch. Längsseite Mitte, Blick mit der untergehenden Sonne.

In meiner Umgebung werden Schreibblöcke oder Laptops gezückt. Um nicht aufzufallen, hole ich auch meinen Block raus. Ein paar Reihen hinter uns stehen weitere mexikanische Fans, vereinzelt dazwischen Iran-Anhänger. Presse und Mixed Zone gehen fließend ineinander über.

Endlich 18.00 Uhr. Das Ganze beginnt natürlich mit Brimborium. Die Nationalhymnen werden gespielt - und zwar in voller Länge, was man vor dem Fernseher ja nicht mitbekommt, da sie dort von Werbungen unterbrochen werden. Dann tauschen die Kapitäne die Fahnen aus. Rafael Marquez, dessen Anblick mich ansonsten beim FC Barcelona erfreut, überreicht Ali Daei einen Wimpel und bekommt von diesem eine gerahmte Flagge, die für eine halbe Wohnzimmerwand reicht Ich amüsiere mich köstlich darüber, wie er mit diesem Monster hilflos auf dem Spielfeld steht. "Nationalflag" sagt der Kollege aus Indien. Ich nicke. Für wie blond hält er mich?

Das Spiel tobt los, und es scheint, als wären zwei annähernd gleich starke Gegner aufeinander getroffen. Und trotz lauter "Olé"-Rufe der Mexikaner, die zeitweise bei jedem geglückten Pass erschallen, geht nichts weiter. Bis zur 30. Minute, als Omar Bravo aus einem Freistoß zum 1:0 verwandelt. Riesenjubel, mir platzen fast die Ohren, und ich ertappe mich selbst beim "Bravo!" und "Super!" schreien. Dabei bin ich doch Portugal-Fan und sollte mir eigentlich wünschen, dass sich Mexiko und Iran als Gurkentruppen erweisen, gegen die Figo & Co leichtes Spiel haben. Naja.

Die Erleichterung entspannt die Zuschauer und das Stadion kommt etwas zur Ruhe. Diese Phasen der An- und Entspannung kommen im Fernsehen ja überhaupt nicht rüber, und ich staune, dass das Match geradezu Pausen hat, in denen jemand kurz verarztet wird oder der Ball zum Freistoß übergeben und zurecht gelegt wird. Während dieser Zeit steht alles - im wahrsten Sinne des Wortes - und kommt wieder zu Atem. Bei einer Übertragung werden in diesen Momenten vorangegangene Tore, Pässe oder Fouls eingeblendet, was das Spiel viel hektischer macht.

Die Iraner scheinen Schusshemmungen zu haben, denn sie holen zwar toll mit dem Körper die Bälle runter, und auch das Zuspiel klappt fantastisch, aber vor dem mexikanischen Tor überlegen sie zu lange. Bis zur 37. Minute, in der Yahya Golmohammadi den Ausgleich schafft. Über die Riesenleinwänden hüpft ein Zeichentrickpinguin, der Inder sieht auf seine Uhr und dann auf meinen Block, ich unterstreiche den 37er, den ich gerade gemalt habe. Er nickt dankbar. Wüsste wirklich zu gern, für welches indische Mausblatt dieser schräge Vogel schreibt! Der Iran ist nun aufgewacht, die Fans hüpfen und skandieren und ziehen trotzdem den Kürzeren gegen die Mexikaner, die hinter uns springen, dass die Tribüne schwingt und "Mechiko, Mechiko" rufen. Vor der Pause nützt das jedoch nichts mehr.

Und auch nach dem Wechsel passiert lange Zeit nichts. Das Match grundelt vor sich hin. Die Mexikaner greifen stets über die rechte Seite an, weshalb sexy Marquez nach dem Seitenwechsel aus meinem Sichtfeld gerückt ist. Es ist sogar so mau, dass der Stadionsprecher verkündet, dass mehrere Pässe gefunden wurden, die im Lost-and-Found abzuholen sind und wo sich dieses befindet. Auf Deutsch, Englisch, Mexikanisch und Persisch. Das dauert.

Ricardo La Volpe, der mexikanische Trainer, steht schon fast mit einem Fuß am Spielfeld, fuchtelt und schreit so laut auf seine Jungs ein, dass er in der 74. Minute vom Schiri verwarnt wird. Doch es scheint genützt zu haben, denn in der 76. Minute schafft Omar Bravo den Führungstreffer, 2:1 - es gibt wieder Hoffnung für die Sombreros und "Quando? Quando?" Sprechchöre fragen nach dem nächsten Tor. 78. Minute. Noch einmal netzt Zinha, und der Jubel kennt keine Grenzen. Die Iraner scheinen zu wissen, dass es relativ schwierig ist, innerhalb von zwölf Minuten auszugleichen und die ersten Fans verlassen das Stadion. Um mich herum wird getanzt und gesungen, sogar der eine oder andere Journalist trägt plötzlich ein Lächeln! Womöglich sind sie ja doch nicht so abgebrüht, wie sie immer tun.

Felicitas Freise, Nürnberg

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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