Auf Speed

So etwas nennt wohl einen Einstand nach Maß. Neo-Trainer Zellhofer feierte mit seiner Austria Wien einen klaren Sieg. Freude, Friede, Hoffnung - nur, wie lange wird das neue Glück wohl anhalten?
Wenzel Müller | 30.10.2006

Austria Wien hat Wacker Innsbruck mit 4:1 geschlagen. So klar, wie es das Ergebnis vermuten lässt, war die Sache aber gar nicht. Nach dem Anschlusstreffer der Tiroler hätte das Spiel, wie es so schön heißt, auch leicht kippen können. Und was hätte Neo-Austria-Trainer Zellhofer bei einer Niederlage gemacht? Als Erstes wohl sein sorgenvolles Gesicht aufgesetzt, das wir noch zu gut aus seinen letzten Tagen bei Rapid kennen. Und als Nächstes vielleicht selber an seinem Verstand gezweifelt: Könnte mit großzügig bemessenem (Rapid-) Grundeinkommen noch gut zwei Jahre ein sorgenfreies Leben führen, mit dickem Sponsor-Auto durch die Gegend fahren, Sudokus lösen und die Frau öfters zum Essen einladen - und tut sich, ohne Not, das hier an. Lässt sich abwatschen.

Ein Abwatschen oder zumindest Kritik bzw. ein Infragestellen der Entscheidung für ihn als neuen Trainer hätte es im Fall einer Niederlage sicher gegeben, jedenfalls von jenen Austria-Fans, die es nicht gerne sehen, wenn Personal mit grün-weißer Vergangenheit bei ihnen anheuert. Doch es kam eben anders. Zellhofer fuhr einen Sieg ein. Beim ersten Tor der Seinen ballte er noch die Hand zu einer Faust, eine kleine, innige Geste, beim dritten hielt es ihn nicht mehr, er packte sich einen Ersatzspieler und herzte ihn nach Leibeskräften. Man hörte förmlich im Stadion, wie ihm ein großer Stein vom Herzen fiel.

Eben noch wegen Erfolglosigkeit geschasst, nun der neue Held. Eben noch der Verlierer, nun der Hoffnungsträger. Vor einer Woche fing ihn das Fernsehen noch als einfachen Besucher (im Trainingsanzug) im Pasching-Stadion ein, nun ist er begehrter Studiogast. So schnell kann es gehen. Mal oben, mal unten - ein Gefühl, das Drogenkonsumenten sehr gut kennen. Irgendwie ist die Verführungskraft des Trainergeschäfts mit der von Drogen vergleichbar.

Wer auf Speed ist, bei dem hapert es mit der Realitätswahrnehmung. Nach dem Spiel sprach Zellhofer auf der Pressekonferenz von einem "verdienten und glücklichen Sieg" seiner Mannschaft. Ja, was nun? Und er lobte über alles die "Kampf- und Laufbereitschaft" seiner Spieler. Das hört sich sehr nach Beißen von Gras an, und auf das reagiert ein gestandener Austrianer im Normalfall äußerst allergisch.

Wie geht es weiter? Der freundliche Zellhofer ist lang genug im Geschäft, um zu wissen, dass der Erfolg von heute schnell Schnee von gestern sein kann. In einem Anfall von Großmut ließ Boss Stronach wissen, dass Zellhofer nun alle Zeit eingeräumt würde, dass er seine Ideen in Ruhe umsetzen kann. Wir dürfen gespannt sein.

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Rubrik: Weekender
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