Auf Zak: Polens fehlender Adler

In Polen ist in dieser Woche die neue Trikotkollektion der Nationalmannschaft für die Heim-EM 2012 vorgestellt worden. Dabei wurde ein Traditionsbruch offenkundig, der für viel Ärger und nationalistische Nebengeräusche sorgte.
Radoslaw Zak | 11.11.2011
Selten hat eine Trikotpräsentation in Polen für so viel Wirbel gesorgt. Am Dienstag wurde im Vorfeld des freundschaftlichen Länderspiels gegen Italien in Breslau die neue Kollektion des Sportartikelerzeugers Nike vorgestellt. Die neuen Dressen wurden von Spielern, Fans und der Öffentlichkeit zunächst weitgehend positiv aufgenommen, bis einen Tag später jemandem auffiel, dass es erstmals in der Geschichte der Nationalmannschaft der weiße Adler, das polnische Wappentier, nicht auf das Trikot geschafft hatte.

Sofort brach in der Fanszene ein Sturm der Entrüstung los, denn anstatt des Wappens befindet sich nun das neue Logo des ungeliebten polnischen Fußballverbandes PZPN darauf. Jan Tomaszewski, ein kontroversieller Kritiker der Funktionärsriege, brachte den Unmut der Fans auf den Punkt: »Das ist nicht mehr die Nationalmannschaft Polens, sondern ein Team des Verbands, das sich aus unaufrichtigen Menschen zusammensetzt. Das ist ein verfickter Skandal.«

Mit den »unaufrichtigen« Menschen meint der Keeper, der seit Monaten gegen die Einbürgerungspolitik des Verbandes wettert, die eingebürgerten Spieler Ludovic Obraniak, Damien Perquis und Eugen Polanski, die so Tomaszewskis Argumentation in den Nationalmannschaften Frankreichs und Deutschlands keine Chance auf eine Nominierung hätten. Auch der Zusammenschluss von 50 polnischen Fanverbänden, OZSK, der gegen die von Premierminister Donald Tusk verordneten Repressionen gegen Fußballfans protestiert, meldete sich mit einer öffentlichen Aussendung zu Wort. »Der Adler ist nur seit der Unabhängigkeit Polens ein traditionelles Zeichen auf der Kleidung polnischer Sportler, die zu Wettkämpfen antreten«, so der Fanverband. Ironischer Nachsatz: »Eine andere gute Idee wäre gewesen, die Trikotfarben in meergrün-orange zu ändern.«

Maciej Lason, Pressesprecher von Nike in Polen, wies jegliche Schuld seines Arbeitgebers von sich: »Der Verband entscheidet darüber, welche Logos sich auf den Trikots befinden sollen und diese Entscheidungen werden von uns respektiert.« Die Entrüstung der Fans, die bei den Trainingseinheiten der »Reprezentacja« gegen die Trikots protestierten, teilt auch der renommierte Grafikprofessor Dawid Korzekwa. Er versteht nicht, wie sich das Verbandslogo mit der Aufschrift »Polska« kombinieren lässt: »Es ist das Logo einer Organisation, deswegen sollte PZPN darunter stehen. Es ist nicht das Symbol Polens und es kann daher nicht als solches funktionieren.«

Am selben Tag wurden übrigens auch die Trikots der ukrainischen Nationalmannschaft für die EM vorgestellt. Proteste blieben aus.

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Rubrik: Aktuell
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