Auf Zak: Tusks Seitenwechsel

cache/images/article_1635_polen_140.jpg Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat als Fan von Lechia Danzig und Aktivist der Solidarnosc-Bewegung für Demokratie und freie Meinungsäußerung gekämpft. Mittlerweile sieht er die Sache etwas anders: Mit einer Kriegserklärung an die Hooligans will er den Wahlkampf für sich entscheiden.
Radoslaw Zak | 23.05.2011
Der Danziger Donald Tusk war schon immer ein Mann der Tat. Als Schüler war er in den 1970er Jahren Mitglied eines Fanklubs von Lechia Gdansk und stimmte auf der Tribüne und der Straße gern Fangesänge an. Sogar eine Umdichtung der Marsellaise, die immer noch im Stadion ertönt, wird ihm auf der offiziellen Website des Klubs zugeschrieben. Ehemalige Weggefährten erinnern  sich an einen jungen Mann aus gutem Elternhaus, dem Freundschaft viel bedeutete. Als die Miliz nach einem Auswärtsspiel den Zug der rückreisenden Anhänger von Lechia anhielt und Tusks Freund Tomasz Zbierski Sachbeschädigungen ankreidete, war der heutige Regierungschef der Einzige, der sich für ihn einsetzte. »Ich habe Freunde und Bekannte gebeten, mit mir aufs Revier zu gehen und zu sagen, dass ich kein Bandit bin. Nur Donald ist gekommen, um mich zu verteidigen«, erinnert sich Zbierski in der Zeitung Polska The Times.

Ein Jahrzehnt später bekam Tusk als oppositioneller Student mit, wie sich das 1983 ausgetragene Cupsiegerspiel zwischen Lechia und Juventus zu einer großen politischen Manifestation für die Solidarnosc und Lech Walesa entwickelte. Juves Siegestorschütze zum 3:2, Zbigniew Boniek, denkt in einem Interview gern an die Begegnung zurück: »Dort zu spielen, war ein herrliches Gefühl. 40.000 Menschen skandierten die Namen Walesas und der Solidarnosc.« Im Buch »Bialo-zielona Solidarnosc« (Grün-Weiße Solidarität), denkt der Fan und Aktivist Jaroslaw Wierzbicki ebenfalls mit Freude an das Match zurück: »Es war so knapp, dass man gebetet hat, nicht auf Toilette gehen zu müssen. Irgendwann haben wir bemerkt, dass Lech Walesa unter uns ist und begannen, patriotische und antikommunistische Parolen zu skandieren. Das Ganze wurde von ausländischen TV-Teams gefilmt, der Geheimdienst muss geschockt gewesen sein.« Seit diesem Match können sich gegnerische Fans in Danzig ein Bild machen, mit wem sie es zu tun haben: »Wir machen Geschichte« ist bei Heimspielen in der Fankurve zu lesen.
 
Vom Fan zum Premier
Viel Zeit ist seit diesem legendären Spiel vergangen. Als Polens junge Demokratie in den 1990er Jahren mit großen wirtschaftlichen Problemen kämpfte und regelmäßige Gewaltexzesse in Fußballstadien an der Tagesordnung waren, bastelte Tusk im Parlament an seiner Karriere. 2001 gründete er mit zwei weiteren Politikern die Partei »Platforma Obywatelska« (Bürgerplattform), sechs Jahre später wurde er zum Ministerpräsidenten Polens gewählt. Donald Tusks Stadionbesuche sind seitdem seltener geworden, sein Hang zu tatkräftigen Entscheidungen ist ihm im Laufe der Jahre jedoch nicht abhanden gekommen. Am 6. Mai, nur einen Tag nach den Ausschreitungen im polnischen Cupfinale zwischen Legia Warschau und Lech Posen in Bydgoszcz präsentierte der Politiker auf einer eiligst einberufenen Pressekonferenz einen vorläufigen Aktionsplan gegen Hooligans.

Nach den Ausschreitungen polnischer Fans im litauischen Kowno Anfang März und den anhaltenden medialen Sicherheitsdebatten im Hinblick auf die Heim-Europameisterschaft im kommenden Jahr, geriet der Premier in die Schusslinie der Opposition. Politiker der von Lech und Jaroslaw Kaczynski gegründeten Partei »Recht und Gerechtigkeit« warfen der Regierung vor, Hooliganismus in den Stadien zu tolerieren, weil sie es für besser halte, wenn Aggressionen im Stadion kanalisiert würden und nicht auf der Straße.

Mit eiserner Hand
Tusk musste also bei einem weiteren Vorfall gewappnet sein und Handlungsfähigkeit beweisen, schließlich stehen in einem halben Jahr Sejm-Wahlen ins Haus. »Die Symbiose aus Klubvertretern und Fandachverbänden, bei denen sich häufig Hooligans und auch Verbrecher verstecken, ist eine Quelle unserer Ohnmacht, wenn es um das Bekämpfen der Stadiongewalt geht. Wir haben in Bydgoszcz bestens organisierte Gruppen gesehen«, gab Tusk zu Protokoll. Die darauf von ihm bekanntgegebenen ersten Maßnahmen, ließen die polnischen Medien von einer »Kriegserklärung« sprechen. In Zukunft werden wieder Polizisten im Stadion präsent sein, außerdem wurde ein Vermummungsverbot verabschiedet. Für den größten »Kracher« sorgte aber Tusks Anweisung an die staatlichen Administrationen, Stadien nicht zu öffnen, wenn die Polizei die Sicherheit nicht gewährleisten könne.
 
Tusks Befehl wurde 48 Stunden später von seinen Parteifreunden in die Praxis umgesetzt. Die Woiwoden Masowien und Großpolen statuierten als erste ein Exempel, schlossen die Stadien von Legia und Lech und lösten ein landesweites Erdbeben an Protesten aus. In Warschau und Posen gab es Demonstrationen, in fast allen offenen Stadien wurde gegen die Regierung gewettert. »Tusk, du Trottel! Wir stürzen deine Regierung«, hallte durch die ganze Republik. Knapp eine Woche später wurden die nächsten Stadien geschlossen. Slask Wroclaw und Widzew Lodz trugen ihre Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus und auch Zaglebie Lubins Stadion wird in dieser Saison keine Fans beheimaten.
 
Grotesk ist vor allem die Schließung in Lodz. Die konservative Zeitung Rzeczpospolita gab an, dass regierungskritische Gesänge und Transparente bei Widzews letztem Heimspiel die Polizei veranlasst hätten, Sicherheitsbedenken zu äußern und somit die Schließung des Stadions vorzuschlagen. Von der entscheidungstragenden Instanz, der Tusk-nahen Landeschefin Jolanta Chelminska, wurde das nicht dementiert. Mancherorts wurden regierungskritische Transparente an den Stadiontoren konfisziert oder von den Zäunen genommen. Beim Erstligisten Podbieszkide Bielsko-Biala mussten einige Anhänger nach dem Spiel ihrer Mannschaft auf der Polizeiwache vorstellig werden, weil sie sich geweigert hatten, ihr Transparent mit der Aufschrift »Wo sind die Flughäfen und Autobahnen? Mit uns werdet ihr auch nicht fertig!« von Ordnern abnehmen zu lassen.

Stadien werden sicher
In Umfragewerten stieg die »Platforma Obywatelska« nach Tusks hartem Durchgreifen deutlich. Der Schuss könnte aber auch nach hinten losgehen. Schätzungen der Polizei zufolge gibt es in Polen etwa 2.000 gewaltbereite Hooligans und daneben 150.000 hartgesottene Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen. Der Politologe Rafal Chwedoruk warnt auf dem Portal Wirtualna Polska: »Wenn die Fans anfangen, sich zu organisieren, werden sie - trotz unterschiedlichen politischen Ansichten - zu einer ernst zu nehmenden Kraft. Es ist schwer vorstellbar, dass all diese Menschen eine Partei wählen würden. Denkbar ist hingegen, dass sie alle gegen eine Partei stimmen.«

Fans aller Vereinsfarben äußern in Internetforen den Verdacht, dass das harte Durchgreifen von innenpolitischen Problemen und nicht eingehaltenen Wahlversprechen ablenken soll. Statistiken stützen diese Theorie, denn die polnischen Stadien sind sicherer geworden. Hatte es 2009 noch 237 gewalttätige Vorfälle gegeben, waren es ein Jahr später mit 152 nahezu 36 Prozent weniger. Durch die im ganzen Land neugebauten oder renovierten Stadien scheint auch ein neues Publikum angezogen zu werden. Während im letzten Jahr knapp eine Million Zuschauer die 240 Spiele der Ekstraklasa verfolgten, sind es heuer schon 1,6 Millionen und das vor Ablauf der Saison. Die neue Klientel soll nach Wunsch des polnischen Verbandes aus Eventpublikum und Familien bestehen. Verbandspräsident Grzegorz Lato macht daraus keinen Hehl und rechtfertigte die horrenden Eintrittspreise für das im Juni stattfindende Eröffnungsspiel der Danziger PGE-Arena gegen Frankreich. »Wir haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit billigen Tickets gemacht. Sie bringen nur Hooligans ins Stadion. Familien mit Kindern sollen zu Spielen der Reprezentacja kommen«, sagte Lato zum Boulevardblatt Fakt.  

Doch die Rechnung des Verbands könnte nicht aufgehen. Die billigsten Karten kosten 80 Zloty (rund 20 Euro), die teuersten sind für 240 Zloty zu haben. Das durchschnittliche Einkommen in Polen beträgt 3.000 Zloty (rund 760 Euro). Geht nach den Fans von Lechia, soll das neue Stadion leer bleiben, sie sehen diese Summen als realitätsfern an und riefen deshalb zum Boykott des Spiels auf. Donald Tusk wird der Eröffnung der Arena jedenfalls beiwohnen, auch wenn gerade Krieg herrscht. Ob er Transparente mit Slogans wie »Wir haben die Russen überlebt! Wir überleben auch die Tusks!«,  lesen wird, ist fraglich. Wahrscheinlich werden sie nicht montiert werden dürfen.

Zum Blog: In Hinblick auf die EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine wird ballesterer-Redakteur Radoslaw Zak die Vorbereitungen unter die Lupe nehmen. Geplant sind monatliche Updates mit Meinungen, Stimmen und Stimmungen aus den Vorbereitungsländern.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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