Auf Zak: Ungeliebte Ukraine

13 der 16 für die EM-Endrunde qualifizierten Mannschaften werden während des Turniers in Polen wohnen und weite Anfahrtswege in Kauf nehmen. Die Ukraine erfreut sich keiner sonderlichen Beliebtheit.
Radoslaw Zak | 14.12.2011
Neben der ukrainischen Nationalmannschaft, die ein Hotel in Kiew beziehen wird, haben sich nur die Verantwortlichen Schwedens und Frankreichs für ein Quartier im Land des Co-Gastgebers entschieden. Die Russen, die ankündigt hatten, in der Ukraine wohnen zu wollen, mussten umdisponieren, weil sie das Los in Warschau und Breslau spielen lässt und wählten das Hotel Bristol. Trainieren werden sie in der Pepsi Arena von Legia Warschau, auf Facebook konnten sich Fans des Lokalrivalen Polonia Spott nicht verkneifen. In Anlehnung an die Armeevergangenheit Legias schrieben sie: »In diesem Umfeld wird sich die Sbornaja sicherlich wohlfühlen«.

Im Stadion Polonias an der Ulica Konwiktorska wird die polnische Nationalmannschaft trainieren, gastieren wird die »Reprezentacja« im Hyatt, unweit der Russen. »Die Spieler sollen die Nähe der Fans spüren und nicht abgeschieden sein«, begründete Trainer Franciszek Smuda die Entscheidung.  

In alten Kabinen
Die Nähe zu den Fans suchen auch Holland, England und Italien. Sie wählten die ehemalige Haupt- und jetzige Studentenstadt Krakau aus und werden in den Stadien von Hutnik, Wisla und Cracovia trainieren. Britische Journalisten fuhren nach der Bekanntgabe umgehend nach Krakau und inspizierten das Stadion Hutniks, das im sozialistischen Musterviertel Nowa Huta liegt. Fazit der Sun: »England teams Euro 2012 camp is a dump.« Der Telegraph hingegen nahm es lockerer: »Changing times: England's Premier League players probably haven't seen a changing room like this since they were schoolboys«.

Weite Wege
Die Engländer sind das einzige Team der Gruppe D, das nicht in der Ukraine residiert. Nachdem die Kroaten sich gegen Donezk entschieden, weil sie ihre Spiele in Polen austragen müssen, riss sich Frankreich deren anvisiertes Hotel unter den Nagel. Schweden wird in Kozin, in der Nähe von Kiew wohnen, die Ukrainer bleiben ihrer Hauptstadt treu.

Obwohl alle Mannschaften der Gruppe B ihre Spiele in der Ukraine austragen werden, entschied sich kein Verband für den Co-Gastgeber, man will sich lieber in Polen vorbereiten und Flüge nach Lwiw und Charkiw in Kauf nehmen. Die Dänen wählten den Meereskurort Kolobrzeg und werden im renovierten Sebastian-Karpiniuk-Stadion des Lokalvereins Kotwica trainieren. Von der polnischen Ostsee müssen sie für das Match gegen die Niederlande in Charkiw 1.700 Kilometer zurücklegen. »Das sehe ich nicht als Problem«, sagte Teamchef Morten Olsen. »Der nächste Flughafen ist nur eine Stunde entfernt. Wir wollten optimale Bedingungen und die haben wir vorgefunden. Die Spieler werden sich wie zuhause fühlen.« Auch die Deutschen (Danzig) und die Portugiesen (Opalenica) werden viel Zeit in der Luft verbringen.

Touri-feindlicher Bürgermeister
Glücklich über die Auslosung zeigte sich der tschechische Verband, alle Spiele werden in Breslau ausgetragen ein Katzensprung für die Nachbarn. »Wir sind froh, dass wir dort ein gut gelegenes Quartier gefunden haben. Wir werden keine logistischen Probleme oder lange Fahrtwege haben«, so Pressesprecher Miroslav Pelta. Warum so viele Verbände ihre Entscheidung für Polen und nicht für die Ukraine trafen, ließen sie unkommentiert. Vielleicht nahmen sich sie auch die Worte von Alexander Lukjantschenko, des Bürgermeisters von Donezk, zu Herzen. Dieser erklärte vor kurzem, dass die ausländischen Fans sich die Spiele ansehen und dann wieder gehen sollten.

 

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png