Auf Zak: Wie im tschechischen Film

Während in der Ukraine bereits alle EM-Stadien eröffnet worden sind, lässt in Polen die Einweihung des neuen Nationalstadions immer noch auf sich warten. Warum, weiß niemand so richtig, am 27. Februar soll es aber so weit sein.
Radoslaw Zak | 16.02.2012
Eigentlich hätte es schon im September 2011 so weit sein sollen. Die beleuchtete Außenfassade des Stadion Narodowy verschönerte auf der rechten Weichselseite das Stadtbild Warschaus bei Nacht, es fehlten nur die Gäste aus Deutschland, um mit dem ersten offiziellen Länderspiel die 55.000 Zuschauer fassende EM-Arena zu eröffnen. Komplikationen bei der Baufreigabe verhinderten das Aufeinandertreffen. Schlecht montierte Treppen und Fehler bei der Elektrik sorgten für eine Verlegung nach Danzig in die PGE-Arena, wo die polnische Nationalmannschaft in letzter Minute noch den 2:2-Ausgleich Deutschlands hinnehmen musste.

Polnisches Kabarett
Doch auch die für den 11. Februar geplante Eröffnung mit dem Supercup-Spiel zwischen Legia Warszawa und Wisla Krakow wurde abgesagt, weil die Polizei im Vorfeld Sicherheitsbedenken äußerte und die Stadtverantwortlichen sich ebenfalls gegen die Eröffnung aussprachen. Außerdem hätte wegen der frostigen Temperaturen noch ein Rasen aus den Niederlanden importiert werden müssen. Von nun an fühlte sich das ganze Land wie in einem »tschechischen Film«. Mit dieser Phrase werden in Polen seit dem 1947 veröffentlichten tschechoslowakischen Film »Niemand weiß nichts« Situationen beschrieben, in denen weder die Statisten noch die Protagonisten wissen, worum es eigentlich geht.


Tage vor dem geplanten Spiel wurde wild über eine Absage spekuliert. Den Verantwortlichen von Legia und Wisla wurde es dann zu bunt. Sie stellten der Liga, dem Ausrichter des Spiels ein Ultimatum. Beide Vereine wollten drei Tage vor der Austragung Gewissheit haben, sonst würden sie nicht antreten. Erst am Schlusstag des Ultimatums gab die Liga bekannt, dass das Spiel ins Wasser fällt. »In den heutigen Zeiten ist Polen anscheinend nicht im Stande ein Spiel im besten Stadion, das uns zur Verfügung steht, auszutragen«, schrieb das Massenblatt Super Express.

Cliffhanger
Diejenigen, die Ahnung haben sollten, zeichnen sich aber entweder durch Unwissenheit oder Inkompetenz aus. Sportministerin Joanna Mucha war von der Absage so überrascht, dass sie in Gegenwart des renommierten Journalisten Roman Kolton fragte, wer die beiden Teams für die Partie ausgesucht habe. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Öffentlichkeit verlangte über die Gesamtkosten des Stadions (1,7 Milliarden Zloty; rund 400 Millionen Euro) aufgeklärt zu werden und forderte einen Schuldigen für die sich immer wieder verzögernde Freigabe. Der war mit Bauleiter Rafal Kapler, dem Vorsitzenden des Nationalen Sportzentrums, für die Boulevardpresse auch schnell gefunden.


Kapler soll trotz der noch nicht bespielbaren Arena monatlich ein Gehalt von 6.000 Euro netto kassiert haben und in Kürze eine Prämie in Höhe von 150.000 Euro bekommen. »Ich habe entschieden, dass es im Sinne des Projekts sein wird, wenn ich zurücktrete. Ich hoffe, den verbliebenen Mitarbeitern verschafft das Ruhe«, sagte er dem Privatsender TVN. Sowohl Mucha als auch Premierminister Donald Tusk versicherten, nicht nur die Stadionplanungen sowie die Verzögerungen bei der Eröffnung sondern auch den Vertrag Kaplers zu untersuchen. Zu allem Ärger wurde nun auch bekannt, dass sich das Dach der Arena nur bei Wärme ausfahren lässt. Laut Empfehlung des Herstellers soll dies nicht bei unter fünf Grad Celsius passieren. Der nun dritte geplante Anlauf zur Eröffnung, das Freundschaftsspiel Polen gegen Portugal, soll am 27. Februar dennoch stattfinden.

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