Aus der Beobachterperspektive

cache/images/article_2134_jarc02_140.jpg Alois »Burschi« Jarc ist nicht mehr. Am 23. Juli 2013 starb der Entdecker von Mario Haas, Markus Schopp und Roman Wallner. Seine hartnäckige Lungenkrankheit hatte dem langjährigen Sturm-Graz-Jugendleiter endgültig die Luft zum Atmen genommen. Ein Nachruf auf einen Spielerbeobachter und Idealisten aus einer Zeit vor der digitalen Revolution.
Martin Schreiner | 01.08.2013

Hier hätte er nicht sein wollen. Mitten im VIP-Klub unter sehr wichtigen Leuten. Im Glanz des Geldes. Als seine Todesnachricht vor dem Spiel Sturm gegen Grödig am 28. Juli auf der Leinwand im Stadion Liebenau aufscheint, ist ihr Kontrast zur Glitzerwelt unter dem Stadiondach treffend: »Alois Jarc 1934 - 2013«. Einfach, in schwarz und weiß gehalten. »Ein Idealist«, fügt der Stadionsprecher hinzu.


»Eh klor, bei die Wichtigen oben sitzen und gratis Bier saufen, des taugt euch.« Diese oder eine ähnliche scharfe Verurteilung seinerseits wäre ihnen sicher gewesen, hätte er sie hier erwischt. Seine Kinder. Und Kinder hat der ewige Junggeselle hunderte gehabt. Als Trainer und Jugendleiter beim SK Sturm Graz hat er sich über Jahrzehnte hinweg seine eigene Familie, die er privat nicht hatte, aus Nachwuchsspielern aufgebaut. Viele seiner Kinder sitzen heute hier als erwachsene Männer im VIP-Klub, als sein Nachruf die Zuschauer im Stadion still werden lässt. Jene, die ihn gekannt haben, sitzen hier fast mit einem schlechten Gewissen. »Hobts vergessen, wo ihr hingehörts?«, hätte er gefragt. Den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren. Das war einer seiner Leitsätze, die er rau unter die Leute gebracht hat. Er hätte das Vorspiel zum Heimspiel der Kampfmannschaft nicht bei Prosciutto aus San Daniele und einem Glas Weißwein aus der Südsteiermark verbracht. Sein Vorspiel war das der U21-Mannschaft. Wie es noch bis in die 1990er Jahre veranstaltet wurde. Hier konnte er seine Kinder kurz vor ihrem möglichen Sprung in die erste Mannschaft beobachten. Sehen, ob aus ihnen etwas geworden ist.


Schließt man die Augen und versetzt sich 25 Jahre zurück, würde jene Generation an Kickern, die Sturm Graz zuerst aus der Krise und später zu den größten Erfolgen der Vereinsgeschichte geschossen hat, dieses U21-Vorspiel in der Gruabn bestreiten. Er würde im Poloshirt und Bundfaltenhose auf dem Stehplatz stehen, nun gut, vielleicht sitzen, weil ihn die Hüfte schmerzt, und seine Spieler beobachten. Wie er es in unzähligen Stunden, auf allen Fußballplätzen, Schulhöfen, Wiesen und Käfigen der Stadt Graz getan hat. Unterwegs mit der Straßenbahn und dem Autobus. Oder später chauffiert von seinem treuen Begleiter Herrn Bertuzzi. Von seiner Wohnung in der Krottendorferstraße im Bezirk Wetzelsdorf hinaus in die Fußballwelt der Steiermark. Alle hat er sie zusammengeholt. Sie und ihre Eltern angesprochen. Zum SK Sturm Graz eingeladen. Kleinere Vereine um ihre besten Talente gebracht. Mannschaften über Mannschaften zusammengestellt. Gleich auch die Trainer mitrekrutiert. Scouting ohne Mobiltelefon, Internet und vor allem ohne extra Bezahlung. On the Road mit der GVB, dem Festnetz aus der Telefonzelle und seinem Notizbuch.


Hier beim Vorspiel der U21 in der Gruabn. Da würde ihm in einem unbeobachteten Moment der Stolz auf seine Buben übers Gesicht huschen. Nur kurz, um dann im direkten Kontakt mit dem jeweiligen Protagonisten scharfe Kritik anzubringen. Offenes Lob kam ihm selten aus. Seine Zuneigung drückte er anders aus. Sein unerbittliches Urteil war jedoch gepaart mit seiner bedingungslosen Unterstützung im Hintergrund, hatte er jemand einmal in sein Herz geschlossen. Dabei war sein Ziel zuerst klar dem Leistungssport zu dienen. Es galt Spieler für die erste Mannschaft heranzubilden. Die dabei zwangsläufig notwendigen harten Entscheidungen gegen die Träume so manchen Kindes und vieler zu ehrgeiziger Eltern inklusive. Wie ein guter Lehrer alle seine Schüler schätzt, hatte auch er seine Gedanken bei den weniger talentierten, die den Verein verlassen mussten. Eine liebevolle Beleidigung von der Sorte »du wirst immer ein Schweinskicker bleiben«, erreichte den Adressaten zusammen mit einer gratis Eintrittskarte für das nächste Spiel der Kampfmannschaft. Eine kleine Gefälligkeit da, ein Gespräch dort. Vielleicht am Grazer Jakominiplatz beim Umsteigen von der einen in die nächste Straßenbahnlinie. Er stand bereit. Wirklich verhärmt war er nur zur Jahrtausendwende als Nachwuchsspieler in der Vereinspolitik plötzlich keine Rolle mehr spielten. Er hätte Roman Wallner niemals zu Rapid Wien gehen lassen.


Sein hartes Urteil richtete sich auch gegen ihn selbst, wenn er über seine aktive Zeit als Fußballer erzählte. Er kam in der Saison 1957/58 vom Eggenberger Sportklub zum SK Sturm. Von einem Arbeiterfußballklub aus dem Westen von Graz. Als laut Eigendefinition »harter linker Außenverteidiger und Mittelfeldspieler mit wenig Ballgefühl« verstärkte er die Mannschaft um Franz Mikscha, Helmut Senekowitsch und Otto Mühlbauer in der Staatsliga A. »Kein großer, aber ein wertvoller Spieler«, wie Sturm-Chronist Herbert Troger meint. Eine harte Zeit. Aber trotz Abstieg in die Staatsliga B und Finanzkrise bekam die Gruabn damals erstmalig eine Rasendecke. Der Verein feierte 1959 sein fünfzigjähriges Bestehen. In seiner letzten Saison als Spieler bei Sturm scheiterte der Verein 1960/61 nur knapp am Kapfenberger SV im Kampf um den Aufstieg in die Staatsliga A. Jarc schied als Spieler nach nur drei Saisonen aus, kehrte aber Anfang der 1980er Jahre als Trainer, Jugendleiter und vor allem Spielerbeobachter zu Sturm zurück. Dieses Handwerk hatte er nach seiner aktiven Zeit als Fußballer bei seinem Heimatverein ESK gelernt. Wie viele Fußballer fand Herr Jarc eine Anstellung im öffentlichen Dienst. Bei der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft arbeitet er bis zu seiner Pensionierung. Für seine Leidenschaft galt jedoch keine Altersgrenze. Erst seine schwere Lungenerkrankung hinderte ihn an der Beobachtung junger Spieler. Viele haben durch ihn den Weg zum SK Sturm und den Erfolgen im Profifußball gefunden. Durch ihn Karriere und Geld gemacht. Mit Hilfe der grimmigen Pädagogik eines Arbeiters aus der Eggenberger Vorstadt von Graz.


Vor der Feuerhalle des Grazer Zentralfriedhofs ist es glühend heiß an diesem Montagvormittag des 29. Juli. Die Sonne simuliert scheinbar das Fegefeuer auf dem Weg in den Himmel. Hier auf der Tändelwiese verabschieden sie sich von Herrn Jarc. Die Aufbahrungshalle ist brechend voll. Hätte er eine Wahl gehabt, er hätte solche Menschenansammlungen in seinem Namen gemieden. Er hätte stattdessen lieber die nahe Triestersiedlung nach Fußballplätzen abgesucht. Auf der Suche nach unentdeckten Talenten. Den Blick in die Zukunft seines Vereins gerichtet. Alleine und im Hintergrund tätig. Weit weg von diesem Auflauf. Danach im Zwiegespräch am Rande eines Sportplatzes hätte er jene auf die Seite genommen, die dabei waren. Dann hätte er es sich erzählen lassen. Wie es war, bei seinem Begräbnis. Wie bei einem SK-Sturm-Legendentreffen war es, hätte er gehört. Roman Wallner kam extra aus Innsbruck angereist. Markus Schopp aus seinem Heimatbezirk Eggenberg. Roland Goriupp, Günther Neukirchner, Arnold Wetl, Gerhard Goldbrich, Rupert Marko, Dietmar Pegam, Patrick Wolf und sein Mario Haas waren da. Mit Freunden, Feinden und Wegbegleitern früherer Jahre. Alle in seinem Namen vereint. Eine ziemliche Energie für Sturm ist da entstanden, neben der ganzen Hitze. Mit glänzenden Augen hätte er eine schnelle Handbewegung gemacht. »Wegen mir sollen die Buabn alle dagewesen sein? Kann i ma net vorstellen.« Er hätte sich umgedreht und verschmitzt gelächelt. Um im Geiste schon mit ihnen allen eine Mannschaftsaufstellung zu machen. Seine ultimative Sturm-Mannschaft. Für die nächste Partie.


Foto: Friedrich Fischer

Referenzen:

Verein: SK Sturm
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png