Autos mit Fahrrädern vergleichen

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Die schwedische Öffentlichkeit diskutiert über den Vergleich von Männer- und Frauenfußball und die Verdienste langjähriger Spielerinnen und Spieler. Nun hat sich Zlatan Ibrahimovic zu Wort gemeldet - mit einer unsportlichen und respektlosen Wahrheit.

Nicole Selmer | 26.12.2013

Der schwedische Mittelfeldspieler Anders Svensson hat 146 Spiele in der Nationalmannschaft absolviert, die gerade die WM-Qualifikation verpasst hat. Ein Rekord. Dafür bekam er vom schwedischen Fußballverband bei dessen jährlicher Gala ein Auto geschenkt. Die schwedische Mittelfeldspielerin Therese Sjögran hat 187 Länderspiele bestritten und ist mit dem Nationalteam im Sommer EM-Dritte im eigenen Land geworden. Sie ging bei der Gala leer aus. Das konnte Zlatan Ibrahimovic nicht mitansehen. Er hat ihr und den Mitspielerinnen jetzt ein Fahrrad angeboten - mit Autogramm.

Das ist allerdings nur eine Möglichkeit, diese Geschichte zu erzählen. Eine andere kommt von Nilla Fischer, Teamkollegin von Sjögran und im Ligabetrieb beim deutschen Meister VfL Wolfsburg unter Vertrag. Sie twitterte zu Zlatans Statement: "Eine der dümmsten Aussagen, die ich je gelesen habe."


Nicht vergleichbar

Die Entscheidung des schwedischen Fußballverbandes, den männlichen Rekordhalter zu ehren, die Rekordleistung der Spielerin jedoch zu ignorieren, wurde schon nach der Gala im November in der Öffentlichkeit kritisiert, auch von Spielerinnen und Pia Sundhage, der Trainerin des Frauenteams. Das Weihnachtsinterview des Boulevardblatts Expressen mit Zlatan Ibrahimovic hat das Thema in Schweden nun jedoch erneut auf die Tagesordnung gebracht.

 

Ibrahimovic empört sich in dem Interview darüber, dass seinem Kollegen Svensson das Autogeschenk nicht gegönnt werde. Er kann die Forderung nach einer Gleichbehandlung nicht verstehen, Therese Sjögran hat in seinen Augen kein Auto verdient. "Wie kann man die Leistung einer Frau mit der eines Mannes vergleichen? [...] Bei allem Respekt für das, was die Frauen machen, sie haben es großartig gemacht, aber man kann Frauenfußball nicht mit Männerfußball vergleichen. Hört auf damit, das ist nicht mal witzig."

Ibrahimovic verteidigt Anders Svensson, der in seinen Augen durch die Diskussion erniedrigt worden ist: "Wir senken seinen Wert völlig herab, wenn wir ihn mit den persönlichen Leistungen der Frauen vergleichen. Die können ein Fahrrad mit meinem Autogramm bekommen, das reicht." Es sei jedoch nicht nur Svensson, der unter dieser Debatte leide, sondern auch er selbst, wenn er von Paris nach Schweden zurückkomme, meint Ibrahimovic: "In Europa werde ich mit den besten Fußballern der Welt verglichen, und wenn ich nach Hause komme, wollen sie mich mit Frauenfußball vergleichen. Zum Teufel, soll ich mich schämen, nach Hause zu kommen?"

 

Wertedefizit

Nun ist der Vergleich von Männer- und Frauenfußball - oder Fußball und Frauenfußball, wie es meistens heißt - eine schwierige Sache und etwas, auf das sich die meisten Aktiven im Frauenbereich nicht einlassen wollen. Langsamer, weniger athletisch, weniger Schusskraft, weniger Leistungsdichte als bei den Männern lautet nämlich das meist gefürchtete Urteil. Zusammenfassen ließe sich das auch als: Fußball unter unprofessionellen Bedingungen. Während die Männer auch in der schwedischen Liga selbstverständlich Profis sind, die sich vollständig auf den Fußball konzentrieren können, ist das bei den Frauen nur teilweise der Fall. Die anderen gehen daneben noch einer Ausbildung oder einem Beruf nach - um auch nach der aktiven Karriere ein Einkommen zu haben. Trainings, Meisterschafts-, Cup- und Länderspiele absolvieren sie trotzdem, meist ohne Sponsoren, Werbeverträge und große öffentliche Aufmerksamkeit. In der Tat, das ist schwer zu vergleichen.

Darum allerdings geht es Ibrahimovic nicht. Seine Vergleichskategorien sind nicht Titel und Rekorde, nicht der sportliche Wettkampf oder der persönliche Einsatz von Spielern und Spielerinnen im Training und auf dem Platz. Sein Argument, warum Männerfußball und Frauenfußball nicht zu vergleichen sind, warum Anders Svensson ein Auto verdient hat und Therese Sjögran allenfalls ein Fahrrad, ist ganz und gar unsportlich. Es geht schlicht ums Geld: "Wir spielen das ein, was sie ausgeben. [...] Respekt für die Frauen, aber sie sollen danach belohnt werden, was sie einbringen. Das ist die Art, nach der man vergleichen muss."

 

Es scheint eine Eigenheit von Zlatan Ibrahimovic zu sein, Dinge auszusprechen, die andere nur denken. Seine Worte lösen - zu Recht - Empörung aus, sie legen allerdings auch offen, was sonst gern übertüncht wird: Auch Fußballverbände orientieren sich an der Privatwirtschaft und dem wirtschaftlichen Kalkül, für Gleichbehandlung ist da kein Platz. Die schwedische Nationaltrainerin Pia Sundhage bezeichnete Ibrahimovics Äußerungen als "traurig und enttäuschend für den schwedischen Fußball" und sagte dann: "Das weist auf Defizite im Wertesystem des männlichen Fußballs hin." Das Wertesystem, das Ibrahimovic vertritt, ist klar: Männer bringen mehr ein, also sind sie mehr wert.

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