Baiser statt Ballett

cache/images/article_2705_2016-12-15_12.27.26_140.jpg

Das spanisch-mexikanische Halbfinale findet einen erwarteten Sieger. Unser Korrespondent jedoch hat Glück, das Spiel überhaupt bis zum Ende im Stadion von Yokohama erleben zu dürfen. Der Besucher aus Europa hat die japanische Höflichkeit falsch gedeutet.

Robert Florencio | 16.12.2016

Real Madrid, seit den Erfolgen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre auch als weißes Ballett tituliert, steht im Finale der FIFA-Klub-WM am Sonntagmittag unserer Zeit in Yokohama. So weit, so gut. Wer vor dem Semifinale anderes erwartet hätte, wäre wohl ein Träumer gewesen. Der mexikanische CONCACAF-Champion Club de Futbol America S.A. de C.V., wie er offiziell im Firmenregister eingetragen ist, ist zu keiner Zeit des Spiels in der Lage, den Tabellenführer der spanischen Liga ernsthaft zu gefährden. Die „Adler“ − vor jedem Heimspiel im Aztekenstadion landet das dressierte Wappentier punktgenau auf der Mittelauflage −, sind an diesem Abend im mit 50.000 Besuchern sehr gut gefüllten Finalstadion der WM von 2002 äußerst flügellahm. Eine ordentliche Defensivarbeit und die Hoffnung, dass ein Schuss aus der zweiten Reihe irgendwann den Weg ins Tor findet, sind zu wenig. Allerdings ist auch Real weit von einem Ballett entfernt, die Mannschaft spielt schaumgebremst und damit ähnelt der Auftritt eher einem Merengue. Die Bezeichnung des spanischen Schaumgebäcks ist ein heimischer Spitzname des Teams aus Madrid.

Sprachliche Divergenzen in der Muttersprache sind auch in der Pressekonferenz nach dem Spiel zu beobachten, als lateinamerikanische Reporter die beiden Coaches mit Profesor ansprechen, während die spanischen Kollegen ihre Fragen mit dem bei ihnen und in Italien üblichen Mister beginnen. Nach der Niederlage auf dem Feld ist zumindest Americas argentinischer Trainer Ricardo La Volpe – manchen vielleicht noch als kettenrauchender mexikanischer Teamchef bei der WM 2006 in Deutschland in Erinnerung − klarer Punktesieger gegen seinen Kollegen Zinedine Zidane. Sehr ausführlich und mit taktischen Fachvokabeln untermauert, bedauert er, dass das vertikale Spiel an diesem Abend einfach nicht funktionieren wollte, in Eins-zu-eins-Situationen habe man einfach zu oft das Nachsehen gehabt. Im Gegensatz dazu gibt Zidane zwar freundlich, aber sehr wortkarg oft amateurhaft wirkende Phrasen von sich und bestätigt so in gewisser Weise das alte Vorurteil, wonach ehemalige Weltklasseoffensivspieler im Trainerjob geringes taktisches Verständnis mitbringen. Von manchen Journalisten wird ihm ohnehin vorgeworfen, bislang keine stringente Linie zu haben. Die Erfolge beruhten auf Spielglück und den Experten im Trainerstab, die ihm mehr als beratend zur Hand stehen, zurückführen sind. Doch ausgerechnet der zuletzt viel kritisierte Karim Benzema, von dem es sogar schon hieß, vor allem seine besondere Freundschaft zum Trainer würde ihm einen Fixplatz im Team garantiere, erzielt in der Nachspielzeit der ersten Hälfte das vorentscheidende Führungstor.

Fotografieren verboten
Ein Führungstor, das mich übrigens fast meine Akkreditierung gekostet hätte, nicht ganz ohne eigenes Verschulden und interkulturelle Missverständnisse. Die enorme Höflichkeit, der man in Japan überall begegnet, sei es nur, wenn man das Wechselgeld an der Kasse eines Cafés erhält, und mit welcher Ehrfurcht und Wortschwall an Dankeswörtern die Scheine überreicht werden, ist allein schon für sich eine Reise wert. Nicht anders auch bei den Securitys an der Einlasskontrolle, die nach dem Durchscannen der Reporterutensilien diese hochheben und wie ein Präsent wieder überreichen, oder beim Eingang zum Mediencenter, wo der Wachmann vor jedem Journalisten wie einem General salutiert. Das täuscht jedoch fatal über die Konsequenz hinweg, mit der vorgegebene Regeln durchgezogen werden. Dazu muss man wissen, dass bei allen FIFA-Turnieren das Fotografieren für schreibende Journalisten eigentlich verboten ist. Die meisten setzen sich aber darüber hinweg, und wenn so mancher ein Erinnerungsfoto mit seinem Handy schoss, wurde eigentlich immer ein Auge zugedrückt. Diesmal jedoch nicht: Nachdem ich schon zu Spielbeginn nach einigen wenigen Fotos von der Tribüne aus von einem japanischen FIFA-Offiziellen ermahnt wurde, das zu unterlassen, lässt mich der späte Führungstreffer instinktiv zur Handykamera greifen. Ich komme gar nicht zum Auslöser, denn schon ist wieder jener Medienaufseher da, greift mir auf die Schulter und sagt mit strengen Ton in perfektem Englisch: „This is my last warning. My boss over there is watching you all time long, next time we’ll take your accredidation and the game is over for you.“

Die Drohung hat ihre Wirkung nicht verfehlt, wer reist schon gerne 20.000 Kilometer, um dann vom Besuchsgrund ausgeschlossen zu werden. In der Mixed Zone erlebe ich dann sogar, wie ein Kollege, der beim vorbeilaufenden Sergio Ramos nur sein Smartphone in der Hand hatte, nachher den Aufsehern sein Fotoarchiv zeigen musste, um zu beweisen, dass er kein Bild gemacht hat. Natürlich höflich.

Die Höflichkeit ist jedoch vergessen, sobald es in Japan in der U-Bahn in die Rush Hour geht. Dann ist alle Rücksichtnahme vorbei, es wird reingestürmt und die übrigen Fahrgäste regelrecht in die Ecke gequetscht. Die Konsequenz der Regelumsetzung findet ein Ende auf dem knapp einen Kilometer langen Fußweg zum Stadion. Dort haben sich nach fast brasilianischer Art zahlreiche Speisenverkäufer in improvisierten Ständen mit ihren privaten Grillern eingerichtet. Nicht lizensierte Trikotverkäufer bieten ihre Ware nur wenige Meter vor dem offiziellen Merchandising-Shop der FIFA auf der Wiese an. Mitunter siegt also auch in Japan Gerechtigkeit vor gedrucktem Recht …

Referenzen:

Thema: Klub-WM 2016
ballesterer # 119

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 16.03.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png