Balestrinis Wütende im Rabenhof

cache/images/article_868_ifuriosi_w_140.jpg Am 20. Mai feiert das Stück »I Furiosi« von Nanni Balestrini Premiere im Wiener Rabenhof-Theater. Im Mittelpunkt steht dabei die Erlebniswelt einer Gruppe Ultras des AC Milan. Der ballesterer fm hat bereits im Vorfeld mit dem italienischen Autor gesprochen und verlost 15 x 2 Tickets.
Jakob Rosenberg | 21.05.2008
Was haben die süditalienischen Massenarbeiter in den Fabriken der norditalienschen Großindustrie, ein im Untergrund gegen den Kapitalismus kämpfender Verleger, Erwachsenwerden im Schatten der Camorra Clans und die Milan-Ultras der Brigate Rossonere gemeinsam?

Der Schriftsteller Nanni Balestrini versucht in seinen Büchern diese höchst unterschiedlichen Subjekte vom gesellschaftlichen Rand ins Zentrum zu rücken. Er popularisiert die Geschichten der Marginalisierten. Dass er dafür, wie er im Gespräch mit dem ballesterer fm offen zugibt, kein Fußballfan sein muss, tut dem Ergebnis keinen Abbruch.

Das 1994 erschienene Buch »I Furiosi« erzählt die Abenteuer der Brigate Rossonere in der Sprache der Akteure. Balestrini beschränkt sich darauf, Erzählungen auszuwählen, zu sortieren und zu imitieren: »Das Buch ist einer dem Gesprochenen sehr nahen Sprache geschrieben. Nicht dialektal, aber sehr einfach und in einem umgangssprachlichen Jargon.« Das Buch handelt von den (selbst-)zerstörerischen Auswärtsfahrten der Brigate, ihren gewalttätigen Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen, aber vor allem von kollektiven Erfahrungen und Solidarität.

»Fußballfansein erlaubt dir, auf eine bessere Art zu leben und nicht nur ein vereinzeltes Individuum zu sein«, sagt Balestrini. Die Idee, es könnte sich dabei um sozialromantischen Kitsch handeln, kommt dennoch nie auf. Im Gegenteil: das Fehlen moralischer Wertvorstellungen brachte Balestrini von Seiten der Presse den Vorwurf der Verhetzung und des Aufrufs zur Gewalt ein. Anders die Wahrnehmung in der Welt der Ultras, wo der Klassiker Pflichtlektüre ist.

Am 20. Mai feiert das Werk Theaterpremiere im Rabenhof. Balestrini zeigt sich ob der Bühnenfassung begeistert: »Das Buch eignet sich sehr gut für das Theater, weil alles gesprochen ist. Aber auch, weil das Theater eine kollektive Sache ist. Im Grunde gibt es eine Kurve in der die Zuschauer etwas sehen, was die Zuschauer zum Thema hat.« Ob die Rabenhofbesucher das Stück im Stehen verfolgen und als Ultras verlassen werden, ist zwar noch nicht gesichert, aber man muss ja auch kein Fußballfan sein, um grandiose Fußballbücher schreiben zu können..

»I Furiosi - Die Wütenden«

Fußball, Fans & Prügeleien

Mit: Holger Schober, Sebastian Wendelin
Musik: Didi Bruckmayr, Siegmar Aigner
Visuals: Chili Gallei

Premiere: 20. Mai 2008

Weitere Vorstellungen: 23., 24., 29. und 30. Mai sowie 5. und 6. Juni - Beginn jeweils: 20 Uhr. Karten und weitere Infos unter: www.rabenhof.at bzw. 01/712 82 82

Der ballesterer fm verlost 15 x 2 Tickets. Gewinnspielfrage: An welchem antiken Drama orientiert sich Balestrini mit »I Furiosi«? Einsendungen bis 22. Mai an: gewinnspiel@ballesterer.at

Webtipp: »I Furiosi« (in der italienischen Originalversion) auf der Seite von Nanni Balestrini www.nannibalestrini.it/furiosi/furiosi.htm
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png