Ballbesucher

cache/images/article_1860_clfinale_140.jpg Wenige Tage bevor ich nach München aufbrach, rief mich ein guter Freund und Journalist bei einer österreichischen Tageszeitung an. Er arbeite gerade an einem Artikel über das TV-Abendprogramm an diesem Samstag und sammle Argumente dafür, warum das Champions-League-Finale der Übertragung des Life Balls vorzuziehen sei. Ich hielt seine Frage für absurd: Welche Beweggründe auch immer Menschen dazu treiben sollten, den oberen Zehntausend beim Feiern im Fernsehen zuzusehen, mir sind sie unbekannt.
Stefan Kraft | 20.05.2012

Zwei Stunden vor Spielbeginn stehe ich vor dem Eingang des Pressezentrums der Allianz Arena mit einem Becher randvoll mit Kaffee deutscher Röstkunst. Selbst wenn man das Rauchen aufgegeben hat, sollte man seine Rituale nicht völlig über Bord werfen. Sonst würde einem entgehen, wie im Minutentakt beim offiziellen UEFA-Eingang all jene aus den Bussen ausgespien werden, denen der Fußball in etwa so sehr am Herzen liegt wie den meisten Besuchern des Life Balls der Kampf gegen AIDS in Afrika.

Nebst dem bayrischen Ministerpräsidenten werden sie per Shuttle-Service vor das Stadion gebracht. Für 3.650 Euro gibt es heute das »Platinum Hospitality Package«, das für die Genießer unter den Stadionbesuchern unter anderem folgendes verspricht: »Zutritt zu ihrer privaten Loge«, »Begrüßungscocktail«, »Kulinarische Köstlichkeiten der absoluten Spitzenklasse vor, während und nach dem Spiel« sowie »Persönliche Betreuung durch aufmerksame Hostessen und freundliches Personal«. Einige dieser Hostessen erhalten gerade von einem etwa 40 Jahre älteren Mann genaue Anweisungen für die persönliche Betreuung und Schals des FC Bayern mit dem Aufdruck »Mia san dahoam«. Die Verbindung von modernem Business-Ambiente mit charmanter Provinzialität weiß immer wieder aufs Neue zu begeistern.

Wieder umgeschaltet
Wer eins der Platinum-, Silver- oder Golden Packages für den Abend gebucht hat, fährt mit dem Lift hinauf in der Allianz Arena: dritter Stock Sponsoren Lounges, vierter Stock Business Club, fünfter Stock VIP-Logen. Meine Liftgefährten schämen sich offensichtlich für das Ambiente: »Ich bin ja eher der Fußballfan, nicht so der Gesellschaftsfan« erklärt mir der Mann mit Trikot und Schal, bevor er im vierten Stock aussteigen muss. Ich sehe ihm bemitleidend hinterher und erklimme im sechsten Stock die Pressetribüne.


Noch einmal muss ich über die Umfrage meines Freundes bei der österreichischen Tageszeitung nachdenken und darüber, dass zwischen dem Finale der Champions League und dem Life Ball nur mehr ein Druck auf der Fernbedienung liegt. Wie nahe diesen beiden Events der absoluten Spitzenklasse beieinander liegen, beweist auch der Stadionsprecher des FC Bayern München, der mit dem Spruch »Footballs coming hoam« schon vor Spielbeginn an meinen Nerven kratzt. Ebenso wie die Eröffnungsshow mit einem wildgewordenem Champions-League-Ballett, das sich um einen Tenor mit Mikrofon und einen Geiger schart, die die ohnehin an keinem Fußballplatz der Welt passende Hymne der »Königsklasse« zu ihrem Tiefpunkt bringen.

Doch dann, nachdem die Lautsprecher erloschen sind, bemächtigt sich die Südkurve des FC Bayern mit einer fantastischen Choreographie ihres Stadions. Und dann wird Fußball gespielt, und man hat für 120 Minuten und ein Elfmeterschießen Abstand gewonnen von aller Verzierung und den fünf Stockwerken weiter unten.

Bis zur Pokalvergabe an Roman Abramowitsch, zu der erneute die Beschallung des Stadions einsetzt, die alle Jubelgesänge der Chelsea-Fans zum Verstummen bringt. Das große Geld präsentiert sich für einen guten Zweck und für einen Moment ist es wieder so, als hätte jemand auf der Fernbedienung umgeschaltet.

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Rubrik: Aktuell
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