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Belgisches Déjà-vu

cache/images/article_2300_2014-06-17_18.40.07_140.jpg WM-BLOG Geheimfavorit Belgien krampft sich gegen Algerien 70 Minuten durch die Partie, ehe zwei Joker das Spiel zu Gunsten der "Roten Teufel" drehen. Wieder einmal wurde bei dieser WM ein Pausenrückstand gedreht.

Die Ticketzuteilung hat bei jedem der Spiele dieser zwanzigsten Fußballweltmeisterschaft das Flair einer Prüfungssituation. Hofft man bei der Austeilung der Fragen bei der Diplomprüfung auf Themen wo man firm ist, verhält es sich beim Öffnen des Kuverts der FIFA-Medienabteilung ähnlich. Ein Platz mit Tisch für den Laptop, eine Zugangskarte für die anschließende Pressekonferenz der Coaches und man ist am Ziel der Träume angelangt. Gar kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass mitunter bis zu 8.000 Journalisten gleichzeitig um ein Ticket rittern, und ich als Negativpunkt ein unerfreuliches Interview mit LOK Boss Jose Maria Marin, dem seltenen Fall eines Sport- und Politganoven in einer Person, vorzuweisen habe. Würde es nach ihm gehen, wäre mir statt der Pressetribüne die Zuteilung zur Reinigung der neben dem Medienzentrum aufgestellten WC-Container gewiss. Doch heute war mir das Glück hold und statt die Fäkalien der geschätzten Kolleginnen und Kollegen aus aller Herren (und Damen) Länder entsorgen zu müssen, darf ich 44 teils durchaus hochkarätigen Kickerbeinen aus einer der besten Positionen im Stadion zuschauen und meinen Senf dazu abgeben.


Das Spiel Belgien gegen Algerien ist für die Brasilianer jedoch mehr Ouvertüre zum alles im Bann haltenden Spiel der Selecao knapp drei Stunden später. Im Vergleich zu Samstag, wo ein Meer kolumbianischen Fans das Stadion und die Stadt stürmte, hält sich die Begeisterung heute dagegen eher in Grenzen. Erstaunlicherweise sind die algerischen Fans im Stadion deutlich in der Überzahl, ich schätze sie auf etwa 8.000, die direkt neben der Pressetribüne auf Ober- und Unterrang Platz genommen haben und einen weissen Streifen bilden. Die Brasilianer stellen die große Mehrheit im neuerlich mit 56.800 Zuschauern fast ausverkauften Mineirao und machen sich gleich zu Anpfiff mit ihrem klassischen Lied "Sou brasileiro com muito orgulho, com muito amor" -"Ich bin Brasilianer mit großem Stolz, mit viel Liebe" bemerkbar.

 

Algerien ist im Gedächtnis der älteren brasilianischen Bevölkerung, die gegen die eigene grausame Militärdiktatur der 1960er und 70er opponierte, als erstes Exilland für die bewaffneten Guerilleros, die durch Botschafterentführungen inhaftierte und gefolterte Gesinnungsgenossen freipressten, noch in Erinnerung. Belgien liegt aber sporthistorisch - und darum geht es ja heute - näher. 2002 war es ausgerechnet der aktuelle belgische Coach Marc Wilmots, dem als Star einer damals als unscheinbaren Bürokratenmannschaft verschrienen belgischen Auswahl im Achtelfinale ein völlig reguläres Tor gegen Brasilien aberkannt wurde.  Kein Wunder, dass er im Vorfeld der Partie und angesichts der mehr als problematischen Schiedsrichterleistung im Eröffnungsspiel mehrfach dazu befragt wurde. Das ehemalige Schalker "Kampfschwein" hat aber nach eigener Aussage diese negative Erlebnis aus seiner Erinnerung gestrichen und geht völlig entspannt in dieses erste Spiel des gern als europäischen Geheimfavoriten gehandelten Teams. Da vor wenigen Tagen das südamerikanische Äquivalent hier aufgegeigt hat, ist es daher interessant zu beobachten, inwieweit man die Spielstärke der Kolumbianer erreichen kann.

 

Lange Zeit scheint es, als würde die Wilmots-Elf den WM-Startrekord von fünf nach Rückstand gedrehten Partien an fünf Spieltagen bewusst verlängern wollen. Spät aber doch das Déjà-vu. Wie sonst ist es zu erklären, dass mit Marouane Fellaini ein spielentscheidender Mann erst in 65. Minute eingewechselt und auch der zweite Joker Dries Mertens erst zu Beginn der zweiten Halbzeit gebracht wird? Belgien spielt eine zu vergessende erste Hälfte, verliert sich völlig in der massiven Defensive der Algerier, deren bosnischer Coach Valid Halihodzic eine Anleihe bei Jose Mourinho nimmt und den berüchtigten Bus vor dem Tor parkt. Der einzige gut vorgetragene Konter bringt den Algeriern das 1:0. Nach Foul von Verthongen an Feghouli in der 25.Minute, versenkt der gefoulte selbst den fälligen Elfmeter. Die Umstellungen von Coach Wilmots in der Halbzeit tragen schließlich, spät aber doch, Früchte und die beiden frischen Kräfte können das Ergebnis drehen und den Belgiern den schließlich doch mehr als verdienten Sieg sichern. 

 

Die wirkliche Spielstärke der Belgier ist noch schwer einzuschätzen. Im nächsten Spiel gegen Russland wird man sehen, ob Wilmots in der Lage ist, schon zu Beginn auf die richtige Elf zu setzen, auf der Ersatzbank wartet mit Adnan Januzaj ja noch ein weiterer Edeltechniker auf sein Debüt. Für mich ist es jetzt die Zelte hier in Belo Horizonte abzubrechen und morgen den Weiterflug in die Hauptstadt Brasilia anzutreten, wo zwei vielversprechende südamerikanisch-afrikanische Duelle auf mich warten.

 

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