"Bill Shankly hatte Unrecht"

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Anfang November hat sich Marokko als Ausrichter des Afrika-Cups zurückgezogen - aus Angst vor der Ausbreitung von Ebola. Für unsere aktuelle Ausgabe haben wir noch vor dieser Entscheidung den Historiker Peter Alegi über den Umgang des Fußballs mit der Krankheit befragt. Im Interview spricht er über falsche Ängste und echte Probleme.

Jakob Rosenberg | 12.11.2014

"Das ist keine Panik, sondern regelrechte Hysterie." Peter Alegi ärgert sich derzeit häufig, wenn er die Zeitungen aufschlägt: Ebola bestimmt auch in den USA, wo der Historiker unterrichtet, die Schlagzeilen. Die Berichterstattung zur Krankheit schüre Ängste und vermittle negative Stereotype von Afrika, sagt der Autor mehrerer Bücher zum afrikanischen Fußball. Die Gesundheitskrise in den betroffenen Ländern müsse man jedoch ernstnehmen. In Liberia, Sierra Leone und Guinea trifft Ebola auch den Sport: Die Meisterschaften wurden unterbrochen, die Nationalteams müssen ihre Heimspiele auf neutralem Boden ausrichten.

ballesterer: John Kamara aus Sierra Leone wurde nach dem Nationalteamspiel in Kamerun von seinem Klub in der zweiten griechischen Liga für mehrere Wochen suspendiert. Obwohl er beim Nationalteam viermal täglich getestet wurde. Wie erklären Sie sich so eine Reaktion?

Peter Alegi: Es gibt im Westen die Tendenz, eine Sache, die in Afrika passiert, mit anderen Nachrichten aus Afrika zu assoziieren. Viele Europäer verstehen immer noch nicht, dass Afrika kein Land ist, sondern ein Kontinent. Sie kennen den Unterschied zwischen Yaounde und Monrovia nicht, obwohl das ungefähr gleich weit entfernt ist wie Reykjavik von Bari.

Die Spieler aus Sierra Leone wurden auch bei Qualifikationsspielen für den Afrika-Cup diskriminiert. Ist das Ausdruck von Rivalität, Rassismus oder einfach zu wenig Wissen über die Krankheit?

Da kommen sicher mehrere Faktoren zusammen. Die Fans der Elfenbeinküste haben die Spieler behandelt, als hätten sie die Pest, obwohl die meisten ohnehin nicht im Land spielen. Diskriminierung findet im Fußball immer wieder statt. Das ist ja das Paradoxe: Der Sport bringt uns zusammen, aber er trennt auch zwischen uns und denen. Die Fans haben mit diesen "Stop Ebola"-Schildern die aktuellen Nachrichten aufgegriffen, um den Gegner zu demütigen.

Erklärt das auch das Verhalten der Spieler, die sich geweigert haben, ihren Gegnern die Hand zu schütteln?

Das ist Ignoranz. Die Spieler haben Angst und sind schlecht informiert. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass sie sich durch einen Händedruck nicht anstecken können. Die Medien schüren Panik, und eine Sterblichkeitsrate von 50 Prozent klingt ja auch erschreckend.

Die Seychellen haben die Spieler von Sierra Leone nicht einreisen lassen und in Kauf genommen, aus der Qualifikation ausgeschlossen zu werden.

Auch eine Supermacht wie die USA hat zunächst nicht gewusst, wie sie mit der Krankheit umgehen soll. Die Reaktion der Seychellen war, die Grenzen zu schließen. Viel besser hat Nigeria reagiert, nachdem ein Ebola-Fall in Lagos aufgetreten ist und es Befürchtungen gegeben hat, dass sich der Virus in der Zehn-Millionen-Stadt ausbreiten könnte. Sie haben das sehr organisiert unter Kontrolle gebracht. Auch weitere westafrikanische Länder haben medizinisch gut reagiert, das sorgt vielleicht für ein Umdenken.

In den von Ebola stark betroffenen Ländern sind alle Ligaspiele und andere Großveranstaltungen ausgesetzt worden.

Derzeit ist das wahrscheinlich ein sinnvoller Ansatz. Wenn Leute auf Auswärtsfahrt in Bussen reisen, steigt das Ansteckungsrisiko. Geht es um Leben und Tod, hat Bill Shankly eben doch nicht recht: So wichtig ist Fußball nicht. Interessant wird, wie die Fußballverbände nach der Stabilisierung des Gesundheitsrisikos reagieren - schließlich brauchen die Leute auch Ablenkung. 

Glauben Sie, dass der Afrika-Cup im Jänner stattfinden wird? Und dann in Marokko?

Als Historiker treffe ich nur ungern Vorhersagen, aber ich denke schon, dass er wie geplant stattfinden wird. Nur Südafrika könnte so kurzfristig einspringen. Das hat es schon 2013 getan, als sich Libyen wegen der Bürgerkriegsfolgen zurückgezogen hat. Der Kontinentalverband CAF hat kein Interesse daran, die Botschaft zu transportieren, dass nur Südafrika in der Lage ist, große Sportveranstaltungen auszutragen. Das stimmt auch einfach nicht.

Welche Risiken bestehen denn tatsächlich? Von den betroffenen Ländern hat nur Sierra Leone kleine Chancen, sich für das Turnier zu qualifizieren.

Es geht also maximal um eine Mannschaft, ein paar Fans, Touristen und Journalisten, die anreisen würden. Marokko könnte aus dem Turnier sogar politisches Kapital schlagen. Der König könnte zeigen, wie modern das Land ist, weil es die Krise trotz der Bedenken gut in den Griff bekommen hat.


UEFA-Präsident Michel Platini hat in einem Interview angedeutet, dass man über eine Verschiebung nachdenken sollte. Die CAF hat sich die Einmischung der UEFA verbeten.

Platinis Botschaft war keine besonders radikale Ansage. Ich kann aber auch verstehen, dass die CAF aufgrund der langen Kolonialgeschichte sensibel auf Vorschläge aus Europa reagiert. Zusätzlich spielt da die FIFA-Politik hinein. CAF-Präsident Issa Hayatou ist ein enger Verbündeter von Sepp Blatter. Da werden Machtspiele für die Präsidentschaftswahlen 2015 ausgetragen. Auch schon in Hinblick auf 2019, wenn es um einen Blatter-Nachfolger gehen könnte. Die CAF möchte Platini diskreditieren, um Blatter zu helfen.

Wie sollte man auf die Ebola-Krise angemessen reagieren?

Neben finanzieller Unterstützung der Organisationen vor Ort ist eine kritische Bewusstseinsbildung wichtig, um den Blick des Westens auf Afrika zu verändern. Die Geschichte zeigt, dass das nicht einfach ist. Joseph Conrads "Herz der Finsternis" von 1899 war nicht nur ein Bestseller, sondern hat definiert, wie der Westen Afrika zum Teil bis heute sieht: als einen Ort der Barbarei, Perversion und Krankheit. Und dann ist da die Vorstellung der hungernden afrikanischen Kinder. Es stimmt, dass es in Biafra 1969, in Äthiopien 1985 und in Somalia 1993 zu schweren Katastrophen gekommen ist, aber zum Glück geschieht das nicht ständig. Das Bild bleibt jedoch im kollektiven Gedächtnis. Diese Stereotype sind wahnsinnig hartnäckig.

Zur Person:

Peter Alegi (44) lehrt an der Michigan State University in den USA. Sein Spezialgebiet ist der afrikanische Fußball. Zu dem Thema veröffentlichte er unter anderem die Bücher "Laduma! Soccer, Politics and Society in South Africa" und "African Soccerscapes. How a Continent Changed the World's Game".

Referenzen:

Heft: 97
Thema: Afrika-Cup
ballesterer # 121

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