»Bis heute warte ich auf Stögers Medaille«

cache/images/article_1798_austria_mu_140.jpg Die Austria hat im Mai 2009 mit der Eröffnung des ersten vereinseigenen Museums in Österreich Pionierarbeit geleistet. Museumskurator Gerhard Kaltenbeck spricht im Interview über die Geschichte vieler besonderer Ausstellungsstücke.
ballesterer: Nach welchem Vorbild haben Sie das Museum gestaltet?
GERHARD KALTENBECK: Im Zuge des Europacups sind wir in den letzten Jahren viel herumgekommen. Wir waren unter anderem in Amsterdam, Barcelona und Dortmund. Wir haben uns dann zusammengesetzt und beschlossen, ähnlich wie im »Borruseum« von Dortmund, die Geschichte der Austria aber auch des Wiener und österreichischen Fußballs nachzuerzählen.

Nacherzählt wird die Geschichte durch viele Ihrer Ausstellungsstücke, die auch von ehemaligen Spielern stammen. Wie leicht trennen sich Spieler von ihren Erinnerungsstücken?
Die Spieler haben einen unterschiedlichen Bezug zu den Dingen. Peter Stöger war 2006 gemeinsam mit Frenkie Schinkels der letzte Meistertrainer der Austria. Ich habe ihn gefragt, ob er irgendein Erinnerungsstück von damals hat. Er hat gesagt: »Nein, ich habe nichts mehr.« Drei Wochen später ruft er mich an: »Ich habe zufällig im Handschuhfach des Autos meiner Frau die Meistermedaille gefunden und werde sie zur Verfügung stellen.« Vier Wochen später habe ich ihn gefragt, wo die Medaille ist, da hat er geantwortet: »Ich finde sie nicht mehr.« Bis heute warte ich darauf. Einige Spieler wie Herbert Prohaska, Felix Gasselich und Toni Polster haben uns zahlreiche Exponate zur Verfügung gestellt. Manche geben gar nichts her, wie zum Beispiel der Walter Schachner, die haben ihr eigenes Museum, das akzeptieren wir. Auch viele Fans haben uns Stücke zur Verfügung gestellt.

Auch jüngere Spieler sind im Museum prominent vertreten.
Wir haben das Trikot von Milenko Acimovic, mit dem er sich beim Derby zum letzten Mal für die Austria aufgewärmt hat, ausgestellt, und ebenso eins vom »Mister Europacup« Nacer Barazite.

Einen wichtigen Platz nehmen auch die Geschenke von anderen Vereinen ein.
Von den Europa-League-Spielen im vergangenen Herbst haben wir eine Glaskugel von Malmö bekommen. AZ Alkmaar hat uns ein verglastes Modell ihres Stadions geschenkt, das ich für eines der schönsten Stadien überhaupt halte. Als wir in Alkmaar gewesen sind, haben sie dem Modell Handschuhe beigelegt. Wir haben uns nichts dabei gedacht und das Modell ohne die Handschuhe ausgestellt. Beim Rückspiel in Wien hat ein Vereinsvertreter von Alkmaar das Museum besichtigt und gesagt: »Das Museum ist schön, aber es fehlt etwas ganz wichtiges: die Handschuhe.« Das Objekt darf man nur mit Handschuhe angreifen. Wozu das gut sein soll, haben sie uns aber auch nicht erklären können.

Ein besonderer Pokal hat einiges mitgemacht
Es gibt den Goldpokal, eine Replika des Mitropacups, den die Nazis von der Austria einkassieren wollten. Einige Austria-Funktionäre haben den Pokal dann rechtzeitig in die Steiermark gebracht und dort in einem Wald vergraben. Die haben ihn dann 1945 wieder ausgegraben und dem damaligen Präsidenten Emanuel Schwarz zurückgegeben.

Veranstalten Sie auch Sonderausstellungen?
In der Mitte des Museums gibt es einen Bereich für Sonderthemen, der zum Beispiel für Jubiläen speziell neu gestaltet wird. Vor eineinhalb Jahren haben wir gegen Ried unser 500. Spiel im Horr-Stadion gefeiert und deshalb eine Sonderausstellung zur Entwicklung des Stadions ab den 1920er Jahren bis in die Gegenwart gemacht.

Auf welche neuen Aspekte der Vereinsgeschichte sind sie dabei gestoßen?
Das wissen viele gar nicht, aber in Favoriten war damals die zweitgrößte Sportstätte neben der Hohen Warte geplant. Die Hohe Warte hatte für 90.000 Zuschauer Platz, hier sollte ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 80.000 gebaut werden. Das war aber, vermutlich aus finanziellen Gründen, nicht realisierbar. Daraufhin wurde für die Arbeiterolympiade das Praterstadion gebaut, das es sonst wohl nicht gegeben hätte.

 

Einen Vergleich der Vereinsmuseen von Austria und Rapid anlässlich des 300. Wiener Derbys finden Sie in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 69, März 2012) ab sofort österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

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