Blatters Blumen und Portugals Vorsicht

cache/images/article_1692_blatter_140.jpg Der ballesterer-Korrespondent lernt auf der Fahrt nach Bogota eine weibliche Ultra kennen und bleibt im Hotel im Lift stecken. Bei der Pressekonferenz vor dem Finale erlebt er einen frauenfreundlichen FIFA-Präsidenten mit unrealistischen Versprechungen und einen portugiesischen Trainer, der ihn erst beim zweiten Versuch versteht.
Robert Florencio | 20.08.2011
Nachdem sich die Abfahrt nach Bogota verzögert, treffe ich am Busbahnhof von Pereira überraschend Michael Grubinger. Andi Herafs Übersetzer ist nicht mit dem Team nach Wien geflogen, sondern hat sich das Semifinale in Pereira angesehen. Da er keine Karten für das Endspiel bekommen hat, macht er sich jetzt auf den Weg zum Wandern in ein Naturschutzgebiet. Der ballesterer-Korrespondent hat mehr Glück. Kurz zuvor hat die FIFA, meinen Platz auf der Tribüne und bei der Pressekonferenz beim stark besuchten Finale bestätigt.

Gleich zu Beginn der langen Fahrt in dem vollbesetzten Minibus fragt mich meine Sitznachbarin, wo ich denn herkomme und was ich denn in Kolumbien machen würde. Auf die Antwort Sportjournalist, reagiert sie begeistert und stellt sich mit Hinweis auf ihr grünes Fanarmband vor. Sie heißt Luisa, ist 18 Jahre alt, kommt aus Medellin und fanatische Hincha von Nacional Medellin. Sie erzählt mir, dass sie das ganze Land auf ihren Fanreisen zu den Auswärtsspielen kennengelernt habe, die etwas anders als in Europa ablaufen. In Kolumbien machen sich Fangruppen von der Heimatstadt aus oft als LKW-Stopper auf. Auf der Strecke kommen bei Zwischenstopps weitere Fans dazu und nach ein, zwei Tagen erreicht man das Stadion im Zielort. Übernachtet wird in kleineren Ortschaften bei freundlichen Dorfbewohnern. Nächstes Jahr möchte Luisa bei einer eventuellen Zulosung einer argentinischen Mannschaft in der Copa Libertadores sogar die geschätzte einwöchige Landreise in Angriff nehmen.

Bei der spätnächtlichen Ankunft in meinem Hotel am Journalistenpark von Bogota, wo sich aber außer mir keine Journalisten blicken lassen, gibt es eine Schreckminute. Ein uralter Aufzug, der mit Handkurbel betrieben wird, und eigentlich nur vom Rezeptionisten bedient werden darf, wird von mir in einem Anfall von Abenteuerlust allein für die Runterfahrt in Betrieb gesetzt. Ohne Licht und genaue Bedienungsanleitung schaffe ich es zwar fast bis hinunter, die Türe will sich allerdings nicht öffnen lassen. Erst laute Hilferufe wecken den Rezeptionisten, der mich schließlich aus der misslichen Lage befreit.

Am nächsten Tag dann neuerliche Konfusion. Weil es zwei Marriot-Hotels in der Stadt gibt, bringt mich der Taxler ins falsche. Vor dem Spielerhotel begehrt zwar gerade die hübsche Freundin von Brasiliens Capitano Bruno Uvini bei den strengen Sicherheitsleuten um Einlass, die Abschlusspressekonferenz findet aber in der zweiten Luxusherberge statt. Nach einem Spezialtransport treffe ich gerade noch rechtzeitig ein, die PK hat glücklicherweise noch nicht begonnen. Nach FIFA-Koordinator Wolfgang Resch ergreift FIFA-Präsident Joseph Blatter das Wort. Seine Schmeicheleien reichen von seiner ersten Kolumbienreise 1969 und dem weltbesten Kaffee bis zur besten Organisation einer U20-WM aller Zeiten. Danach ermuntert Blatter die Gastgeber, sich doch um die Ausrichtung einer A-WM zu bewerben. Eine Endrunde in Südamerika wird es allerdings vor 2030 nicht geben, und da hat dann im 100-Jahr-Jubiläum der ersten WM sicherlich die gemeinsame Kandidatur von Uruguay und Argentinien die besseren Karten. Noch dazu, wo doch die FIFA keine Laufbahnen mag, und hier mit Ausnahme des Finalstadions alle der renovierten Arenen über eine solche verfügen. Gleichzeitig macht Blatter den Kolumbianern Hoffnung auf  die Ausrichtung einer Frauen-WM und bezeichnet Südamerika als Macho-Kontinent, der einen Kurswechsel mit mehr Frauenpartizipation im Fußball benötige. Einzig der kolumbianische Verband in der südamerikanischen Konföderation würde dem Frauenfußball eine erhöhte Aufmerksamkeit widmen.

In der anschließenden Pressekonferenz der Finalgegner, bei der die beiden Trainer gemeinsam auftreten, frage ich den portugiesischen Teamchef Ilidio Vale etwas frech, warum die portugiesische Fußballschule eine derartige Quantität an abschlussschwachen Stürmern hervorbringe, während die Brasilianer eine unglaubliche Schusspräzision auszeichne. Vale, der nicht unfreundlich wirkt, versteht mich zuerst nicht, vermutlich ist er die brasilianischen Fachausdrücke nicht gewohnt. Nachdem ich mich präziser ausgedrückt habe, streitet er das natürlich ab und behauptet, viele Teams hätten bei dieser WM Probleme mit der Finalisierung von Torchancen und sein Team würde einfach das tun, was es am besten könne: mit der größtmöglichen Effizienz spielen und auf eine starke Defensive vertrauen. Gerade gegen eine Großmacht wie Brasilien sehe er das auch als legitimes Mittel an. Am Sonntag werden wir auf dem Spielfeld die Antwort erhalten haben, wohin der Weg führen wird.

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Rubrik: Aktuell
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