Blauweißer Ellis Park, pretorianische Party

cache/images/article_1436_blackstar_140.jpg WM-BLOG Das erste World-Cup-Wochenende sah die richtigen Sieger und brachte neue Erkenntnisse: der Ellis Park ist leiwander als die Soccer City, in Pretoria darf man durchs halbe Stadion tanzen und auch zwei WM-Spiele an einem Tag sind für den geübten Groundhopper kein Ding der Unmöglichkeit.
Der Kontrast könnte stärker kaum sein. Vom beschaulichen Melville geht die Taxifahrt durch weitere adrette Vororte Johannesburgs in Richtung Innenstadt, ehe die Wohnblocks von Hillbrow, einem der berüchtigtsten Viertel der Stadt, auftauchen. »Nirgendwo auf der Welt leben so viele Menschen auf derart engem Raum«, sagt Kevin, der Taxifahrer. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Fest steht, dass der einst mondäne Innenstadtbezirk um den alles überragenden Hillbrow-Tower in den 1990er Jahren zu einem schwarzen Ghetto geworden ist, in dessen Hochhaussilos neben mittellosen Südafrikanern vor allem Immigranten aus anderen Teilen Afrikas wohnen.

Fünf Autominuten weiter, in Doornfontein, liegt der Ellis Park, in dem der erste Auftritt der Argentinier gegen Nigeria über die Bühne geht. Doornfontein ist eine ehemalige Minenarbeitersiedlung, in der mittlerweile ebenfalls fast ausschließlich Schwarze wohnen. Das Klima ist zwar deutlich entspannter als in Hillbrow, wirklich einladend wirken die Kneipen und Billigläden zwischen den teils heruntergekommenen Reihenhäusern aber nicht. An einer Straßensperre, rund einen Kilometer vor dem Stadion ist die Taxifahrt zu Ende, da hilft auch die FIFA-Akkreditierung nicht weiter.

Bienenschwarm im Ellis Park
Sorgen um die eigene Sicherheit brauchen sich an diesem Samstagnachmittag jedoch auch zart betuchte Fußballtouristen nicht machen. Die Polizeipräsenz ist enorm, an jeder Ecke stehen Sicherheitskräfte, dazwischen patrouillieren Streifen in Autos und zu Pferde. Dem WM-Besucher soll mit großem Aufwand ein Gefühl der Sicherheit vermittelt werden, die auch bei den Eingangskontrollen groß geschrieben wird. Jeder Fan muss wie am Flughafen einen Körperscanner durchschreiten, Rucksäcke und Taschen werden extra durchleuchtet. Erst nach dieser Kontrolle gelangt man auf den Stadionvorplatz, der von Tausenden argentinischen Fans in Weiß-Blau getaucht wird, das sich mit dem Grün der ebenfalls zahlreichen Nigerianer zu einer friedlich-fröhlichen Masse mischt, wie sie den Idealvorstellungen der FIFA entspricht.

Im Inneren des 1928 erbauten und 2009 renovierten Rugby- und Footballgrounds bietet sich ein ähnliches Bild. Von den steilen Tribünen flattern die Transpis der argentinischen Fans »Ferro en Europa« ist genauso präsent wie »Hasta Tokyo no paremos«. Leider gehen die Gesänge der geschätzten 15.000 »Albiceleste« bis auf drei, vier Ausnahmen im Vuvuzela-Getröte unter, nur einmal wird der Takt eines von Trommeln begleiteten Chants von den Hornbläsern übernommen. Angemerkt sei, dass neben den nigerianischen und den »neutralen« Besuchern auch zahlreiche argentinische Fans zur Vuvuzela greifen und so ihren Teil zum Übertönen der eigenen Gesänge beitragen. Der Siegeszug des umstrittenen Blasinstruments scheint zumindest bei dieser Endrunde unaufhaltbar.

Großer Messi, schneller Alex
Auf dem Rasen zeigt die argentinische Elf eine über weite Strecken souveräne Leistung. Aus einer geschlossenen Mannschaft stechen Lionel Messi und Juan Sebastián Verón hervor. Ersterer zeigt seine vielleicht beste Leistung im Nationaldress und ist von den körperbetont agierenden Nigerianern nie unter Kontrolle zu bringen. Kapitän Verón dagegen wirkt wie ein Fremdkörper im Spielaufbau, kann das Tempo seiner Mitspieler nicht mitgehen und sich nur über vereinzelte gute Pässe und den Assist beim Tor von Gabriel Heinze vor einem Vollverriss retten. Für Verzweiflung bei den argentinischen Kollegen hinter mir sorgt zudem die Abschlussschwäche von Gonzalo Higuain, der drei Mal aus aussichtsreicher Position am glänzend aufgelegten nigerianischen Torwart Vincent Enyeama scheitert.

Für das Abendspiel zwischen England und den USA begleitet mich Harald, mein Vermieter, in die 7th Street, die Fortgehmeile von Melville, wo wir im »Rat'z« zwischen einer Gruppe von Holländern und zwei deutschen Ghana-Supportern gerade noch einen Stehplatz bekommen. Kurz vor Spielbeginn erreicht mich ein SMS von Alex Marner, einem ballesterer-Autor und Groundhopper, der sich zum Ziel gesetzt hat, 33 WM-Spiele vor Ort im Stadion zu sehen. »Hat funktioniert, Grüße aus Rustenburg«, schreibt Alex. Am Nachmittag habe ich ihn noch im Ellis Park getroffen, ehe er sich in einem Hyundai Atos um 18 Uhr in den 120 km entfernten Spielort aufgemacht hat, um den ersten »Doppler« seiner WM-Reise abzuhaken. Wie es ihm dabei ergeht, kann in seinem Blog auf www.footballfans.eu und in der Kolumne »Unser Fan am Kap« in der Welt nachgelesen werden. Der Abend klingt aus bei einem von mehreren Bieren begleiteten Gespräch mit dem Account-Manager Richard, das bei Viktor Frankl beginnt und nach einer Diskussion von Jörg Haider bis Hector Pieterson mit ein paar praktischen Tipps endet, wie ich am nächsten Tag öffentlich das Stadion in Pretoria erreiche, in dem Ghana und Serbien aufeinandertreffen.

Bekannte Gesichter im Pressezelt
Ein SMS später sind die guten Ratschläge zumindest vorerst hinfällig. Ein ehemaliger APA-Kollege gibt Bescheid, dass er einen Platz im Auto von Krone-Fußballchef Peter Linden für mich aufgestellt hat. Um 11 Uhr lassen wir die ebenso teuren wie trostlosen Hotelburgen von Sandton, in dem die beiden ihr Quartier aufgeschlagen haben, hinter uns und rauschen auf der fünfspurigen Autobahn unter der Baustellen-Trasse des Gautrains in Richtung Norden. Die Hauptstadt macht einen recht aufgeräumten und deutlich provinzielleren Eindruck als Joburg, die Straßen sind gesäumt von den Jacaranda-Bäumen, deren signifikante, purpurne Blüten leider schon abgefallen sind. Lindens Chaffeur bringt uns direkt zum Loftus Versfeld Stadium, an dessen Eingang wir die lange Liste an im Stadion verbotenen Gegenstände bewundern und froh sind, dass wir keine Stehleitern und afrikanische Kampfschilde mit uns führen.

Im Pressezentrum kommt es zum Wiedersehen mit ein paar alten Bekannten: Tim Jürgens, der als einziger Abgesandter für die 11Freunde sowohl deren Homepage als auch die Printseiten des Kooperationspartners vom Tagesspiegel zu füllen hat, und Christoph Biermann, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und die TAZ aus Südafrika berichtet. Ebenfalls anwesend: standard.at-Blogger Martin Obermayr, dessen Printkollege Christian Hackl und Bernhard Hanisch vom Kurier sowie ein Fotograf der Gepa.

We can dance if we want to
So ruhig die Atmosphäre im Medienzentrum war, so hektisch ist sie kurz vor Anpfiff auf der Pressetribüne. Die Tische sind offensichtlich falsch nummeriert, was dazu führt, dass die halbe Journalistenmeute auf der Suche nach dem richtigen Platz über die Stufen der Haupttribüne stolpert. Schließlich findet aber jeder irgendwo ein Pult, um ein Spiel zu verfolgen, in dem man sich fragt, was den einen oder anderen Experten dazu verleitet hat, die Serben zumindest als Anwärter auf einen Platz im Viertelfinale zu sehen. Am Rasen des pretorianischen Stadions, in dem an diesem Nachmittag mehr als 5.000 Sitze leerbleiben, zeigt sich vielmehr eine biedere Truppe mit einem in die Jahre gekommenen Spielmacher (Stankovic), einem schwer überschätzten Rechtsaußen (Krasic) und einem neben sich stehenden Stuttgart-Legionär (Kuzmanovic), dessen Blackout den Ghanaern einen Handselfer und der Partie den verdienten Sieger bringt.

Auf den Rängen wird das Spiel zu einer Demonstration dessen, was afrikanische Fankultur ausmacht. Zu Beginn der zweiten Hälfte sammelt sich vor den Abgängen der Haupttribüne spontan eine Gruppe von Fans, die hinter den Absperrungen zum Spielfeld unter Bongogetrommel und dem Schwenken diverser afrikanischer Fahnen bis zur gegenüberliegenden Seite des Stadions tanzt. Immer wieder stoßen neue Leute dazu, die Sicherheitskräfte lassen der von einer ghanaischen Schamanin angeführten Parade ihren Lauf ein Szene, wie sie bei der Weltmeisterschaft in Deutschland wohl nicht möglich gewesen wären. Ein Flitzer, der Asamoah Gyan nach dessen Elfertor um den Hals fallen will, wird nicht niedergestreckt, sondern von den Ordnern sanft zur Räson gebracht und aus dem Stadion geleitet.

Nach dem Schlusspfiff feiert das Stadion den ersten afrikanischen Sieg dieser WM-Endrunde. Gyan schnappt sich eine ghanaische Fahne und zieht im Sprint eine Runde vor den jubelnden Fans durch, seine Teamkollegen freuen sich, als hätten sie soeben das Finale gewonnen. Die Sonne verabschiedet sich hinter dem Loftus Versfeld Stadium und taucht den Abendhimmel über Pretoria in ein Dämmerungslicht, das den kitschigen Rahmen für eine ausgelassene Party bildet, die sich hoffentlich noch einige Male wiederholen wird.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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