Brasilien kennt keine Gnade

cache/images/article_1674_heraf02_140.jpg U20-WM Es hätte schlimmer kommen können. Am bisher schwülsten Abend dieser Endrunde zeigen sich die Brasilianer den Österreichern nicht nur technisch, sondern auch konditionell überlegen. Selecao-Teamchef Ney Franco hatte jedoch nicht nur mit dem 3:0, sondern auch mit dem ballesterer-Korrespondenten seinen Spaß.
Robert Florencio | 02.08.2011
Bereits bei der Abschlusspressekonferenz am Sonntag zeigt sich der brasilianische Teamchef von einem hohen Sieg am nächsten Tag überzeugt. Auf meine Frage, wie er mit dem Druck nach den teilweisen blamablen Leistungen brasilianischer Auswahlen wie dem 0:3 gegen Uruguay bei der U-17 WM, dem frühen Ausscheiden einer unsportlichen Mannschaft bei der Frauenfußball-WM und dem totalen Elfmeterversagen bei der Copa America in Argentinien umgehe, antwortet er mit einer Souveränität, wie sie nur ein Coach einer fußballerischen Weltmacht an den Tag legen kann. Man solle doch bitte bedenken, dass sein Land immerhin schon viermal die U20-WM gewonnen habe, überlegener Sieger des südamerikanischen Qualiturniers im Februar dieses Jahres geworden sei und auch das Fehlen der Starstümer Neymar und Lucas kompensieren könne, meint Franco. Einen Teil seiner Auswahl wird sicherlich auch A-Trainer Mano Menezes für die WM 2014 im eigenen Land in Betracht ziehen. An ein frühes Scheitern bei dieser WM denkt Franco nicht einmal im Ansatz, auch wenn er die Österreicher auf Augenhöhe mit Ägypten und einem ähnlichen 4-2-3-1-System erwartet.

Im Spiel selbst sollten sich die taktischen Anweisungen des brasilianischen Teamchefs rasch bezahlt machen. 30 überraschend starke Minuten der österreichischen Mannschaft sind vor allem durch Abstimmungsprobleme zwischen den Mannschaftsteilen der »Selecao« zur erklären. Das 1:0 nach schöner Kombination durch Henrique lässt dann aber die Dämme brechen. Ab diesem Zeitpunkt wechseln auch die zunächst abwartenden rund 11.000 Besucher immer mehr ins Lager der Brasilianer und sorgen für südamerikanische Stimmung auf den Rängen. Mit Glück bleibt es beim 1:0 zur Pause. Mein Gefühl besagt jedoch nichts Gutes, und dem verleihe ich auch auf meinem Twitter-Account »@Flor_bear« Ausdruck.

In der zweiten Hälfte folgt nach einer guten Chance von Andreas Weimann fast im Gegenzug ein Foul von ÖFB-Schlussmann Samuel Radlinger an Danilo. Der Refereee aus den USA zeigt sofort auf den ominösen Punkt, Inters Coutinho verwandelt und danach gibt es kein Halten mehr. Das Spiel der Österreicher zerfällt. Die von Teamchef Andreas Heraf bei gegnerischem Ballbesitz anvisierte 3-3-3-1 Variante lässt Weimann in der Offensive im Stich, in der 68. Minute muss er völlig erschöpft vom Platz. Mit dem 3:0 durch Willian nach einer schönen Kombination über mehrere Stationen, bei der die österreichischen Verteidiger wie staunende Fans zuschauen, reicht den Brasilianern und sie schalten einen Gang zurück. Andernfalls wären auch fünf oder sechs Gegentore im Bereich des Möglichen gewesen.

Nach dem Match ist Coach Franco nona hochzufrieden. Er kann sich an den österreichischen Fragesteller noch gut erinnern und lächelt mich beim Hereinkommen an, als wollte er mir sagen: »Siehst du, mein Freund, du warst gestern ein bisschen vorlaut, aber wir sind immer noch Brasilien und haben nichts verlernt!« Ich erinnere mich an den Sager seines Trainerkollegen Muricy Ramalho, aktueller Copa-Libertadores-Sieger mit dem FC Santos, der letztes Jahr als Fluminense-Coach seinen Spieler Alan an Red Bull Salzburg verlor und dies mit den Worten kommentierte: »Unglaublich, was diese Spielervermittler aufführen. Ich kann nicht verstehen, wie sie so ein großes Talent in ein Land lotsen können, das eine nur so geringe fußballerische Ausdruckskraft auf der internationalen Landkarte dieses Sports besitzt.« Ich drücke es etwas schärfer aus und frage Franco, ob er Österreichs Fußball jetzt im Stadium eines »toten Moskitos« sieht, was im ganzen Saal für Heiterkeit sorgt. Der Teamchef antwortet diplomatisch, dass er die Meinung des Kollegen Ramalho keinesfalls teile. Österreich hätte auch gegen Ägypten, die er zwar als körperlich robuster einstufe, durchaus Chancen. Heraf gibt er den Tipp, unbedingt einen echten zweiten Stürmer neben dem bis dato als Solospitze gut agierenden Weimann aufzubieten, weil das die Abschlusseffektivität wesentlich erhöhen würde.
 
Nach Ende der Pressekonferenz werde ich zum gefragten Interviewobjekt von Radio- und TV-Stationen. Obwohl ich mit Heraf sowohl Geburtsmonat als auch Jahr teile, sind manche Fragen so gestellt, dass sie eigentlich nur der Teamchef beantworten kann. Ich schlingere mich durch die Antworten, tausche noch schnell mit einem Kollegen von globo.com aus Rio die Daten und schenke ihm einen Rapid-Schlüsselanhänger in der Hoffnung, für die WM 2014 in guter Erinnerung zu bleiben. Danach macht sich die österreichische Delegation auf den Heimweg. Als mir Ney Franco beim Vorbeigehen nochmals zuwinkt, sage ich: »Senhor Franco, auf Wiedersehen im Finale am 20. August in Bogoto.« Das Lächeln des sympathischen graumelierten Herrn wird daraufhin noch etwas breiter

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Rubrik: Aktuell
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