Belo Horizonte probt die Revolution

cache/images/article_2104_dsc_3010_kl_140.jpg CONFED-BLOG Die Massenproteste gegen Regierung, FIFA und Polizeigewalt sind am Montag endgültig auf ganz Brasilien übergesprungen. Der Confed-Cup dient vielen Brasilianern als Ventil für den aufgestauten Frust. In Belo Horizonte legten 40.000 Demonstranten das fragile Verkehrsnetz der Stadt lahm, die Polizei setzte massiv Tränengas und Gummigeschoße ein.
Belo Horizonte ist eine unübersichtliche Stadt. Ende des 19. Jahrhunderts für 300.000 Menschen konzipiert, ist die Bevölkerungsentwicklung in der Industriemetropole und Hauptstadt des Bundesstaats Minas Gerais in den vergangenen Jahrzehnten völlig aus dem Ruder gelaufen. Aktuell leben offiziell 3,1 Millionen Menschen in BH (sprich: »be aga«), und die städtische Infrastruktur wird diesen Massen nicht gerecht.

Das Estadio Mineirao liegt acht Kilometer außerhalb des Zentrums in Pampulha, wo sich der im vergangenen Jahr verstorbene Architekt Oscar Niemeyer unter anderem mit seiner Kirche des Heiligen Franz von Assisi ordentlich austoben durfte. Öffentlich erreicht man das Stadion nur per Bus. Und schon kurz nach Antritt der Fahrt wird klar, dass sich dieses Manöver zu einer zähen Angelegenheit entwickeln könnte. Zwar sind es noch mehr als zwei Stunden bis zum Anpfiff der Partie, doch der Bus bewegt sich weitgehend nur im Schritttempo durch das geometrisch angelegte und hoffnungslos verstopfte Straßennetz.

Baustellen und Blechlawinen
Die Fahrt geht die Baustelle für die Transrapid-Busse entlang, mit denen die Stadtverantwortlichen die Verkehrsprobleme von BH lösen wollen. Aktuell ist genau das Gegenteil der Fall: Auf den zwei übrigen Spuren der breiten Avenida geht nichts mehr. Und wer die wenigen Bauarbeiter auf den weiträumig aufgerissenen Straßen beobachtet, kann verstehen, warum sich die Behörden hinsichtlich des Fertigstellungsdatums bedeckt halten. Vielleicht geht es sich noch aus vor der WM, vielleicht aber auch nicht.

Die Situation wird auch nicht besser, nachdem wir die Baustelle hinter uns gelassen haben. Zehn Minuten bewegt sich der Bus überhaupt nicht von der Stelle. Die Fahrgäste werden ungeduldig und steigen teilweise aus, um an ihr Ziel zu kommen. Der Bus erreicht eine mehrspurige Tangente, die sich entlang eines der vielen Hügel hochzieht. Kilometerlang stauen sich auf den beiden Busspuren die Gefährte. Von einem Fahrgast erfahre ich, dass das Chaos von einer Demonstration gegen die WM 2014 und die schlechte Infrastruktur der Stadt ausgelöst wurde. Studenten hätten in der Nähe des Stadions an mehreren Stelle wichtige Straßen blockiert, heißt es. Die Uhr zeigt da kurz nach 16 Uhr, und Nigeria ist gegen Tahiti bereits 1:0 in Führung gegangen, als mir die Schaffnerin empfiehlt, auszusteigen und ein Taxi zu suchen, um es zumindest zur zweiten Halbzeit ins Mineirao zu schaffen.

Auch neben der Ausfahrtstraße ist einiges los. Zahlreiche Studenten kommen von der Demo retour. Als endlich ein Taxi anhält, lässt mir eine Demonstrantin freundlicherweise den Vortritt. Über Seitenstraßen rast der Taxler - ein Cruzeiro-Fan - hügelauf- und hügelabwärts. Ich fühle mich wie in den »Straßen von San Francisco«. Mit dem feinen Unterschied, dass wir nicht über die Kuppen springen. Nach 20 Minuten sind wir endlich am Ziel, zumindest was die Taxifahrt betrifft. Denn zum Stadion ist es noch ein Kilometer, die vorhandenen Straßen dürfen nur Vertreter der Exekutive und der FIFA nutzen. Und der Transrapidbus, wenn er denn einmal fahren sollte.

Ankunft am Betongiganten
Dann taucht er auf, der Gigant von Pampulha. Wie eine Festung thront die mächtige Silhouette des in nüchternem braunen Beton gehaltenen 60.000er-Stadions auf der Hügelkuppe. Ein kitschiges Bild im Abendrot, das man längere Zeit genießen könnte, wenn es nicht schon so spät wäre. Von der Demo in Pampulha, an der 20.000 WM-Gegner teilgenommen haben, ist am weiträumig abgesperrten Gelände nichts zu bemerken. Sicherheitskontrollen und das Abholen der Matchkarte im Pressezentrum werden aus Zeitgründen gestrichen, ich muss mich an den Securitys vorbeischmuggeln.

Das Mineirao ist auch von innen durchaus ansprechend. Auf den zwei Rängen, die an die Donbass-Arena von Donezk erinnern, verteilen sich 20.000 Besucher, die das 1:3 von Tahiti bejubeln, als ich erschöpft neben Martin Curi, dem Autor des Buchs »Brasilien - Im Land des Fußballs«, in den Pressesessel falle. »Auch schon da«, sagt er und erzählt mir, was ich verpasst habe. Die restlichen Nigeria-Tore verpasse ich dann auch, da ich mich im Pressezentrum um die Vermeidung eines »No Shows« bemühe.

Martin und das Tränengas
Nach Schlusspfiff trennen sich unsere Wege auch schon wieder. Martin, der bereits über zehn Jahre in Brasilien lebt, geht mit Freunden aus Belo Horizonte in Stadionnähe noch auf ein Bier, während ich das Angebot des Media Shuttles zurück ins Zentrum nicht ausschlagen will. Im Nachhinein keine schlechte Entscheidung, denn der Kollege gerät in die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten und schnüffelt unbeteiligterweise ein bisschen Tränengas. Die Kneipe, in der er sitzt, muss vorübergehend geschlossen werden, weil die Polizei mit dem Gas sehr großzügig umgeht.

Auf dem Rückweg sind auch im Zentrum noch vereinzelt Demonstranten zu sehen, die seit der Großdemo am Nachmittag an der Praca 7 durchgehalten haben. »FIFA go home« und »Copa pra quem?« (»Für wen ist die WM?«) steht auf ihren Transparenten. Aber auch Botschaften gegen die Sozialpolitik der Regierung und das gewalttätige Vorgehen der Polizei (»Wer schützt mich vor der Polizei?«) sind zu lesen. Der Confed-Cup ist das Ventil für die Unzufriedenheit, die sich bei vielen Brasilianern aufgestaut hat. Das Land probt den Aufstand, die Demos haben eine Dimension und Eigendynamik angenommen, die nicht zu erwarten war. Denn die Brasilianer sind nicht unbedingt als demonstrationsfreudiges Volk bekannt.

Polizeigewalt als Funke
An den Protesten haben sich am Montag allein in Belo Horizonte rund 40.000 Menschen beteiligt, das Internetportal em.com.br berichtete von Staus in einer Gesamtlänge von 115 Kilometern. In Rio waren es 100.000 Teilnehmer, eine radikale Truppe lieferte sich mit den Einsatzkräften vor dem Regionalparlament heftige Straßenschlachten, bei denen fünf Polizisten verletzt wurden. Weitere Großdemos wurden aus Salvador, Brasilia, Fortaleza und fast allen weiteren brasilianischen Großstädten gemeldet. Es sind die größten Proteste seit Anfang der 1990er Jahre.

Wie schon in den Vortagen wurden dabei zahlreiche Menschen verletzt. Die Polizeigewalt ist es auch, die sehr stark dazu beigetragen hat, dass die Proteste, die in Sao Paulo aus Anlass von Preiserhöhungen für den öffentlichen Nahverkehr ihren Ausgang genommen hatten, mittlerweile auf das ganze Land übergeschwappt sind. »Die Regierung hat dieses Vorgehen der Polizei zu verantworten«, sagt Gabriella, die Besitzerin des Hostels in Belo Horizonte, in dem ich die Nacht verbringe. »Durch die Gewalt gegen friedliche Demonstranten haben sie vermittelt, dass wir eigentlich kein Recht darauf haben, auf die Straße zu gehen. Und das lassen sich die Menschen nicht gefallen.«

Referenzen:

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