»Brasilien sollte den Ball stoppen«

cache/images/article_2106_dsc_3088_kl_140.jpg CONFED-BLOG Zehntausende Demonstranten haben das Spiel zwischen Uruguay und Nigeria in Salvador zur Nebensache werden lassen. Vor der Arena Fonte Nova geriet die Lage außer Kontrolle. Nach einem Polizeieinsatz kam es zu Straßenschlachten, Fahrzeuge brannten. Die Dokumentation eines Spießrutenlaufs. 
Reinhard Krennhuber aus Salvador | 21.06.2013
An einem Tunnel der Avenida Centenario ist die Fahrt zu Ende. Demonstranten haben die Straße blockiert. Nichts geht mehr. Der Taxifahrer weiß auch nicht weiter. Gut 20 Minuten seien es zu Fuß noch zum Stadion, meint er. Näher ran an die Arena Fonte Nova, wo in etwas mehr als einer Stunde das Spiel zwischen Uruguay und Nigeria beginnt, könne er mich nicht bringen. Auf meine Frage, wie er die Situation einschätze, sagt er: »Sie werden dir nichts tun, das sind Studenten.« Mit einem etwas mulmigen Gefühl steige ich aus und durchquere den Tunnel, an dessen anderem Ende sich rund 1.000 Demonstranten versammelt haben. Die Situation ist hektisch und angespannt. Einige Vermummte karren Müllcontainer herbei, die als Barrikaden dienen sollen. Schaulustige mischen sich unter die Demonstranten, es laufen zahlreiche Diskussionen. Ein paar hundert Meter weiter brennt ein Bus. Dahinter ist die Spezialeinheit der Polizei in Stellung gegangen.

Der Kontrast könnte größer kaum sein: Eineinhalb Stunden davor bin ich noch am Strand von Porto da Barra gelegen, als mich ein SMS des Kollegen Martin Curi aus der Idylle gerissen hat: »Komm jetzt zum Stadion. Es ist alles dicht!« Martin hatte sich schon am frühen Nachmittag zum zentralen Ausgangspunkt der Demonstration am Campo Grande aufgemacht. Von dem großen Platz in der Nähe der historischen Altstadt von Salvador setzte sich ein Zug von mehreren Zehntausend Menschen in Richtung Stadion in Bewegung. In der Nähe meines jetzigen Standorts ist die Situation dann eskaliert. Provoziert einmal mehr von einem Tränengaseinsatz der Polizei. In Sao Paulo hat sie in den letzten Tagen angeblich so viel davon versprüht, dass die Vorräte zwischenzeitlich zur Neige gegangen sind.

»Geh mal in die Krankenhäuser«
Ich frage einen Studenten, warum er sich dem Protest angeschlossen hat. »Ich demonstriere hier gegen die Korruption und die Fahrpreiserhöhungen bei den Bussen«, sagt der junge Mann, Anfang 20, der sich als Igor vorstellt. Auch gegen die Polizei? »Ja, man hat ja heute wieder gesehen, wie die drauf sind. Wenn sie nicht mit Tränengas auf uns geschossen hätten, würden jetzt keine Fahrzeuge brennen.« Andere Demo-Teilnehmer sind weniger gesprächig und auf Stress aus. Sie nähern sich der Polizei, kommen aber schnell wieder hastigen Schritts und wild gestikulierend retour. Die Menge beginnt zurück zum Tunnel zu laufen, und ich schaue, dass ich Abstand gewinne. Die Hoffnung, heute noch ein Fußballspiel zu sehen, schwindet.

Es sind nicht nur Studenten, die hier protestieren. Mit mir entfernt sich Edilson aus der Kampfzone. Er ist Arbeiter und wohnt im angrenzenden Viertel Canela. Sein Zorn über die Zustände und die Politik in Brasilien entlädt sich in deutlichen Worten: »Die Arena haben sie in zwei Jahren aus dem Boden gestampft, aber bei der U-Bahn ist geht schon seit zehn Jahren nichts weiter. Daran siehst du, wie scheiße unsere Politik ist.« Der Mittdreißiger ist aufgebracht, er schreit mich förmlich an: »Geh mal in die Krankenhäuser und in die Schulen in Salvador! Dann wirst du verstehen, warum die Leute demonstrieren!« Als ich ihm sage, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien billiger sind als in den brasilianischen Großstädten, schüttelt er nur den Kopf.

Zwischen den Fronten
Kurz darauf begegnen uns vier Fußballfans in Bahia-Dressen, die in Richtung Stadion gehen und sich nach der Situation erkundigen. Sie kennen die Gegend und bieten mir an, sie zu begleiten. Erneut geht es durch den Tunnel. Viele Demonstranten haben sich inzwischen zurückgezogen, geblieben ist fast nur noch der harte Kern. Der Abstand zur Polizei hat sich etwas vergrößert. Wir passieren die Gruppe im Laufschritt und steuern auf eine Polizeikette zu. Als wir an dem in Vollbrand stehenden Bus vorbei sind, kommt es zu einer Explosion. Die Burschen bleiben cool und winken mit ihren Tickets. Die Militärpolizisten des Batalhao de Policia de Choque beäugen uns zwar skeptisch, aber die Zeichen stehen auf Deeskalation, und wir können die erste Kette der Spezialeinheit passieren. An dem großen Kreisverkehr dahinter hat die Polizei alle Zufahrten abgeriegelt, dazwischen stehen Anwohner, friedliche Demonstranten und Fußballfans. Wir werden gefilzt und können dann entlang der Lagune bis zum Stadion weitergehen. Anders als zu Fuß ist es zu diesem Zeitpunkt nicht zu erreichen, auf den Straßen sieht man nur Fahrzeuge von Polizei und Rettung.



Unwissenheit und Arroganz
An den Eingängen zur Arena nimmt das Chaos seinen Lauf. Ein Volunteer schickt mich auf die Frage nach dem Presseeingang den Hügel hinauf zur anderen Seite des Stadions. Dort erfahre ich, dass sich der richtige Eingang ganz in der Nähe meines Ausgangspunkts befinden soll. Polizisten sind rund das Stadion fast keine zu sehen, sie stehen alle an den Straßensperren. Das Leitsystem zu den verschiedenen Eingängen ist schlecht. Alles, was ich finden kann, ist das Broadcasting Center der Fernsehstationen. Als ich dort, völlig verschwitzt und etwas gereizt, eine FIFA-Mitarbeiterin nach dem Weg frage, sagt sie nur: »Sie wissen aber schon, dass Sie sich eigentlich nicht hier aufhalten dürften.« Ein weniger arroganter Kollege erbarmt sich und führt mich ins Pressezentrum. Auch er verläuft sich einmal im Gewirr der Zugänge.

Mit der Abholung der Matchkarte ist der Irrweg aber noch nicht beendet. Die Pfeile auf den Beschilderungen zu den Medieneinrichtungen des Stadions weisen in entgegengesetzte Richtungen, die Freiwilligen in ihren FIFA-Dressen zucken bei der Frage nach dem Weg oft nur mit den Achseln. Mit dem Einlaufen der Mannschaften erreiche ich die Pressetribüne direkt unter dem Stadiondach. Doch das Spiel gerät aufgrund der Ereignisse zur Nebensache. Das eindrucksvolle Stadion ist mit 26.000 Zuschauern nur halbvoll. Wahrscheinlich haben viele Fans angesichts der Situation draußen wieder kehrtgemacht oder die ungewisse Fahrt zum Spiel erst gar nicht angetreten.

Offene Fragen
Nach dem Spiel fahre ich mit dem Mediashuttle nach Rio Vermelho, wo sich das offizielle Medienhotel befindet. Die Verantwortlichen haben die ältesten Busse aus dem Fuhrpark aufgeboten, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Vor dem Spiel waren bereits zwei Minibusse der FIFA von Demonstranten demoliert worden. Doch nun verläuft die Fahrt ruhig. Es sind nur noch kleine Gruppen von Demonstranten zu sehen, an jeder Straßenecke patrouilliert die Polizei. Von Rio Vermelho geht es per Taxi weiter nach Barra zu meinem Hotel. Wir passieren einige mittlerweile verwaiste Blockaden, an denen Demonstranten Müll auf die Straße gekippt und angezündet haben. In Ondina ist die Avenida Atlantica mit Scherben und Steinen übersäht. Hier hat es offensichtlich gekracht, jetzt fahren die Spezialeinheiten der Militärpolizei in offenen Pick-ups unbehelligt Streife.

Vom schwedischen Journalisten Henrik Jönsson von Offside erfahre ich, dass brasilienweit an diesem Abend mehr als eine Millionen Menschen demonstriert haben. An zahlreichen Orten ist die Situation eskaliert. In Rio haben Randalierer einige berühmte Samba-Bars im Bezirk Lapa zerlegt, in Brasilia konnten Sicherheitskräfte nur mit Mühe die Stürmung des Außenministeriums verhindern. Im Hotelzimmer lese ich das Mail eines brasilianischen Kollegen, dem ich meine Eindrücke aus dem Stadion geschildert hatte. Er schreibt: »Wir verstehen nicht, was in Brasilien passiert. Zumindest nicht vollständig. Brasilien sollte den Ball stoppen.« Vielleicht hat er Recht. Doch die Regierung und die FIFA werden alles daran setzen, das Turnier durchzuziehen. Die Frage, wie sie im kommenden Jahr bei der WM einen geordneten Ablauf und die Sicherheit der Besucher garantieren wollen, können sie derzeit jedoch nicht beantworten.

Referenzen:

ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png