Brasiliens steiniger Weg zur WM

cache/images/article_1672_dsc00558_w_140.jpg Wenn am Samstag im Jachthafen von Rio die Qualifikation für die WM 2014 ausgelost wird, kennen zwar die 174 in verschiedene Töpfe zugeteilten Länder ihre Gegner, für den Gastgeber bleiben aber viele Fragezeichen übrig. Ein Lokalaugenschein des ballesterer und ein Gespräch mit dem CBF-Vizepräsidenten im Februar dieses Jahres zeigten, dass nur zu wenig Anlass zur Vorfreude besteht.
Robert Florencio | 28.07.2011
Am 22. März äußerte sich FIFA-Boss Joseph Blatter erstmals kritisch über den schleppenden Stand der WM-Vorbereitungen in Brasilien. Als Lösung empfahl er, dem Fußballverband CBF und seinem Präsidenten Ricardo Teixeira noch mehr Macht zu geben, um divergierende Meinungen von Lokalpolitikern zu koordinieren. Eine klassischer Ansatz Marke Blatter: Denn wer den immer wieder mit Korruptionsvorwürfen konfrontierten Politikern ausgerechnet den skandalgebeutelten Teixeira als obersten Aufpasser zur Seite stellt, könnte gleich den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben versuchen.

Die Verflechtungen von Teixeiras Familie mit jener des ehemaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange Teixeira ist der Ex-Schwiegersohn von Havelange, seine Tochter sitzt im WM-Organisationskomitee wurden neulich sogar Romario zu viel. Der als Parlamentsabgeordneter in die Bundespolitik gewechselte Ex-Stürmer beantragte eine Anhörung Teixeiras vor dem Sportausschuss des Parlaments zur überbordenden Machtfülle des CBF-Präsidenten. Viel Staub wirbelte auch die im Zuge des jüngsten FIFA-Skandals ans Tageslicht gekommene Konversation zwischen dem Ex-Vorsitzenden der englischen FA, David Triesman, und Teixeira bei einem FIFA-Treffen 2009 in Katar auf. Triesman hatte die Rolle des damaligen Staatspräsidenten Lula in Zusammenhang mit der englischen WM-Bewerbung gewürdigt, wurde von Teixeira mit dem lapidaren Hinweis korrigiert, dass Lula nichts zu sagen habe, sondern er derjenige sei, der das Heft in der Hand halte. Aufgrund seines Verhaltens schlägt dem Verbandspräsidenten und OK-Chef immer heftiger werdender öffentlicher Widerstand entgegen: Für den Samstag der Auslosung haben brasilianische Fans in Rio eine Demonstration unter dem Motto »Für eine WM des Volkes - raus mit Ricardo Teixeira« angemeldet.

Nach der WM: Rodeo und Agrarmessen
Ein Gespräch mit CBF-Vizepräsident Jose Maria Marin bestätigt die schlechte Meinung der Öffentlichkeit über die brasilianische Verbandsspitze. Normalerweise redet der 77-jährige Ex-Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo nicht mit ausländischen Journalisten. Da er aber schöne Erinnerungen an einen Wien-Besuch hat, macht er für den Gast aus Österreich eine Ausnahme und empfängt ihn in seiner Hochhausvilla mit vorgelagertem Park im feinen Finanzviertel von Sao Paolo. Auf die Einstiegsfrage, welche Rolle er und die anderen vier Vizepräsidenten hätten, die die fünf großen Regionen des Landes repräsentieren, antwortet er erstaunlich offen, dass es vor allem darum gehe, die Reihen fest geschlossen zu halten und eine dichte Barriere gegenüber jedweder Kritik von außen an der Amtsführung Teixeiras, der sich oft im Ausland aufhält, zu bilden. Tatsächlich hat es Teixeira mittels großzügiger Zuwendungen auch an die ärmeren der 26 Landesverbände des CBF geschafft, interne Kritik zu unterdrücken und nicht nach außen dringen zu lassen. Nach Lobhudeleien über die Amtsführungen von Teixeira und Havelange, kommt Marin bei der ersten kritischen Frage ins Stocken. Die Frage nach etwaigen »weißen Elefanten«, nach der WM leerstehenden Stadien in peripheren Orten ohne Fußballtradition wie Cuiaba und Manaus, will er zuerst gar nicht beantworten, bevor er allgemeine Floskel von differenzierter Nachnutzung vom Stapel lässt: Rodeoreiten und Agrarmessen im Stadion von Cuiaba, Indianerfestivals im Stadion von Manaus, so oder so ähnlich wäre das dann vermutlich zu verstehen.

Um einen Eindruck vor Ort zu gewinnen, führt der nächste Stopp in das knapp 600 Kilometer entfernte Belo Horizonte, mit dem zweifachen Copa-Libertadores Sieger Cruzeiro und Atletico Mineiro der dritte fußballerische Hotspot im Land nach Rio und Sao Paulo. Hier steht das zweitgrösste Stadion des Landes, das 1965 erbaute Mineirao, das für die WM gerade einem profunden Umbau mit Absenkung des Spielfeldes und Konstruktion neuer Tribünen unterzogen wird. 129.377 Zuschauer sah dieses Stadion am 4. Mai 1969 beim Lokalderby zwischen den beiden Stadtrivalen. Da die Stadtverwaltung in einem Anfall von Auftragswut gleichzeitig auch das zweite Stadion der Stadt renovieren ließ, müssen beide Großklubs in ein Kleinstadion in eine 80 Kilometer entfernte Provinzstadt ausweichen. Das tun sich viele Fans nicht an, noch dazu weil die Spiele zumeist am Nachmittag ausgetragen werden. Aus den 129.000 Zuschauern sind deshalb zwischen 3.000 und 5.000 geworden, die sich ein Spiel in der lokalen Bundeslandmeiserschaft aktuell ansehen. Sogar in der Gruppenphase der Copa Libertadores kamen zum abendlichen Schlager zwischen Cruzeiro und Argentinos Juniors gerade einmal 10.000 Unentwegte. Hätte Cruzeiro das Finale erreicht, hätte der Verein aus der Drei-Millionen-Metropole ins 500 Kilometer entfernte Uberlandia ausweichen müssen.

Aussiedelungen und verstopfte Straßen
Aufgrund der Bauarbeiten ist das Mineirao-Stadion aus Sicherheitsgründen nicht betretbar, von empörten Anrainern aufgeklebte Plakate an den Außenwänden zeigen aber, dass einiges im Argen liegt. »7028 x 0« steht da geschrieben. Und zur Erklärung darunter: 7028 Familien, die wegen eines schönen neuen Stadions ihre Unterkunft verlieren werden und noch immer nicht wissen, wo sie hin übersiedelt werden. Ein anderes Plakat erinnert daran, dass Belgien sich zehn Jahre auf die EM 2000 vorbereiten konnte, Belo Horizonte aber erst drei Jahre vor der WM mit den Vorbereitungen begonnen hat. Und das sehr chaotisch: Der große Stadtpark im Zentrum ist aufgrund von Renovierung auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Hotelerie im Drei-Sterne-Bereich lässt in Bezug auf Komfort und Einrichtung eher Erinnerungen an die WM 1950 wach werden.

Das Stadion selbst liegt so weit außerhalb des Zentrums, dass es nur in einer langatmigen Fahrt durch dauerverstopfte Straßen zu erreichen ist. Metroanschluss zur WM: Fehlanzeige. Der Flughafen liegt 40 Kilometer außerhalb, ist nur über eine ebenfalls oft überlastete Schnellstraße zu erreichen und für eine Millionenstadt mickrig klein. Ob sich die Ausbauarbeiten bis zur WM ausgehen? Bis Februar haben sie jedenfalls noch nicht begonnen. Unweigerlich fallen einem hier die Worte von FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke ein, der jeder Austragungsstadt mit inadäquater Infrastruktur die Rute ins Fenster gestellt und mit der Streichung aus der Liste der Spielorte gedroht hatte.

Belo Horizonte hat so wie Brasilien bis zur WM noch einen steinigen Weg vor sich. 33 Milliarden Reais, knapp 15 Milliarden Euro, sollen in die WM und damit verbundene Infrastrukturprojekte fließen. Der Countdown läuft aber unerbittlich. Und obwohl es aufgrund des starken Wirtschaftswachstums der letzten Jahre nicht am Geld mangelt, erscheint es für den ausländischen Beobachter doch so, als würde man für eine Austragung 2018 oder 2022 planen. Die WM 2014 sollte trotzdem irgendwie stattfinden können, denn alles andere wäre für den Rekordweltmeister eine Riesenblamage. Südafrikanisches Niveau, das eigentlich als Maßstab herangezogen wurde, wird Brasilien aber kaum erreichen können. Es wird vermutlich an die Olympischen Spiele in Athen erinnern, wo die Baumaschinen erst am Eröffnungstag abtransportiert wurden und vieles nur halbfertig oder improvisiert wirkte

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Rubrik: Aktuell
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