Brasiliens Wellenreiter

cache/images/article_1487_blog_fans_140.jpg WM-BLOG Die olympische Idee gilt bei der WM auch für Fußballfans: Dabeisein ist Alles. Mit Plastikblumenkränzen und bunten Perücken kämpfen sie um einen Platz vor den Kameralinsen der Weltöffentlichkeit und ein Fotoalbum voller Partyerinnerungen.
Ungläubig schweift ihr Blick auf die Ränge des Ellis Parks. Nur 50 Zuschauer haben sich ihrem verzweifelten Bemühen angeschlossen. Und das beim schon dritten Versuch. »Lets start a wave«, hatte sie ihrer Umgebung mitgeteilt, nur aufstehen wollte nur eine Handvoll Leute. Die amerikanische Kleinfamilie vor mir könnte der TV-Serie »7th Heaven« entsprungen sein so brav ist sie geschniegelt, so spießig stellt sie ihren Enthusiasmus zur Schau, so perfekt ist sie auf das WM-Achtelfinale Brasilien gegen Chile eingestimmt: der smarte Vater bekundet seine Brasilien-Sympathien fast schon dezent in einem grellgelben T-Shirt, seine Frau trägt neben der Trainingsjacke eine Gelb-Grün-Blaue-Perücke und die beiden Töchter dürfen sich ihrer Gesichtsbemalung erfreuen. Vuvuzelas gehören selbstverständlich ebenso zum Familienfanpack.


Faschingshochburg Südafrika
Die Verkleidungsindustrie wird sich über die WM wie kaum eine andere Branche freuen das traditionelle Sommerloch ist mit Schwarz-Rot-Goldenen Blumenkränzen, bunten Perücken, orangen Riesenhüten und Grün-Gelb-Blauer Gesichtsfarbe mehr als gestopft. Die WM-Fans bekennen nur allzu deutlich Farbe. Für das Hartz-IV-Deutschland oder die »Internationalmannschaft«? Egal, das Bekenntnis zählt auch wenn es nur Spaß ist. Dabeisein, Dabeigewesensein ist beim Megaevent alles.

Auf den Rängen tut sich der »klassische« Support gegenüber dieser Konkurrenz schwer. Die Veranstalter kontrollieren penibel, ob die Kartenbesitzer auch tatsächlich auf den richtigen Sitzen Platz genommen haben. Fanklubs, die die Ticketlotterie der FIFA in einer organisierten Gruppe überstanden haben oder sich den Platz im Stadion einfach selbst wählen und einen Block bilden, geraten sofort ins Fadenkreuz. Völlig zurecht, meint Bastian Schweinsteiger, der in der Pressekonferenz vor dem Viertelfinale gegen Argentinien bemängelte, »dass argentinische Fans sich einfach zusammensetzen und anderen Zuschauern ihren Platz wegnehmen. Da sieht man ihre Mentalität


Tugendhafte Trommeleinlage
Doch Ordnung ist nicht nur Schweinsteigers Tugend, sondern auch die der FIFA: als sich eine Gruppe von brasilianischen Fans im Match gegen Chile auf der Hintertortribüne dem Sitzdiktat widersetzt, werden sie sofort von einem Trupp Stewards umzingelt. Da sie in den oberen Reihen stehen und niemandem die Sicht verstellen, ergeht Gnade vor Recht unter der Kontrolle der Ordner dürfen sie stehen bleiben.


Weniger Glück hat ein brasilianischer Fan auf der Gegengeraden. Zu penetrant verschafft er sich und seiner Trommel Platz und Gehör in den vorderen Reihen. Nach einer Intervention des Ordnerdiensts wird er kurz vor der Pause des Stadioninnenraums verwiesen. »Sie haben mir mit einer Verhaftung gedroht, dabei habe ich doch nur getrommelt«, erzählt der angetrunkene Fan seinen Kollegen. »Dieses Turnier ist einfach schlecht organisiert. Die Leute haben ja keine Ahnung, was ich unternommen habe, um überhaupt anreisen zu können.« In spontanen Solidaritätsbekundungen kommt in den Katakomben der Tribüne erstmals hörbare Stimmung auf: Schmähgesänge gegen die Chilenen sowie Lobeshymnen auf die Brasilianer und den Trommler folgen. Zurück auf seinen Platz darf er trotzdem nicht.


Massenexodus vorm Elfmeterschießen
In der zweiten Hälfte klappt sie endlich, die Welle. Auch wenn sie von einer anderen Tribüne gestartet wurde, der WM-Urlaub ist für die amerikanische Kleinfamilie gerettet. Zufrieden packt sie zehn Minuten vor Schluss ihre Sachen. Sie ist spät dran, der Massenexodus hat schon vor fünf Minuten begonnen, die Tribünen leeren sich in einem rasanten Tempo. Eine Beobachtung, die sich auch im Spiel zwischen Mexiko und Argentinien machen lässt. Und selbst vor der Elfmeterentscheidung bei Paraguay gegen Japan zieht es zahlreiche Stadionbesucher zu den Ausgängen. Was ist schon ein versäumtes Tor oder eine verpasste Entscheidung gegen eine im Stau vergeudete Viertelstunde?

Bevor die Kleinfamilie ihre Plätze im Ellis Park ganz räumt, bittet sie den Sitznachbarn noch um ein Erinnerungsfoto mit dem laufenden Spiel im Hintergrund. Schließlich will man bei der WM gesehen werden, nicht die WM sehen.

ballesterer # 120

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