Brasuca-Power für Vietnam

cache/images/article_1161_fabio_140.jpg Der Tormann Fabio dos Santos, gebürtig in Rio de Janeiro, ist der erste eingebürgerte Ausländer, der die vietnamesische Nationalelf verstärkt. Auf den ersten Blick keine Sensation, für die patriotischen Vietnamesen jedoch ein tiefer Einschnitt.
Robert Florencio | 06.02.2009
Wenn der 1,98 m große und 92 kg schwere, schwarze Spieler mit seinen kleineren und leichteren Mannschaftskollegen aufs Feld läuft, weckt das bei älteren Vietnamesen optisch die Erinnerung an einen Drill-Sergeant der US-Army für die einstmals verbündete südvietnamesische Armee. Historische Assoziationen weckt auch unser Treffpunkt: das Hotel Rex im Stadtzentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt diente im Vietnamkrieg als Kommandozentrale der US-Geheimdienste. Von diesem dunklen Kapitel der Geschichte ist heute aber nichts mehr zu spüren, als wir Fabio und seine Frau auf der weiträumigen Dachterrasse des Luxushotels treffen.

ballesterer: Wie bist du zu deinem Engagement in Vietnam gekommen?
Ich hatte in Brasilien keine Chance mehr auf einen professionellen Vertrag. Ich habe in Rio bei Vasco da Gama die gesamte Jugendabteilung durchlaufen, konnte mich in der Kampfmannschaft aber nicht durchsetzen. Ich bin dann zu einem Verein in die dritte Division gewechselt. Als ich mit den Gedanken an eine Profikarriere eigentlich schon abgeschlossen hatte, hat mir eine Freund erzählt, dass ein Verein der zweiten Liga in Vietnam einen großgewachsenen Tormann sucht.

Wie war der Start für dich in dieser neuen Umgebung?
Ich habe mich sehr kurzfristig in dieses Abenteuer gestürzt und nichts von dem Land gewusst. Mein Flugtermin hat das anfängliche Unbehagen keineswegs erleichtert: der Flug ging am Tag nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New York. Ich konnte die Dinge nicht richtig einordnen. Bin Laden und der Vietnamkrieg haben mich so verwirrt, dass ich beim Besteigen des Flugzeugs gehörig Schiss hatte. Danach ist aber alles wie am Schnürchen gelaufen. Zum Zeitpunkt meines Engagements haben schon die ersten Ausländer in Vietnam gespielt, was die Sache wesentlich vereinfacht hat. Außerdem waren wir auch gleich sehr erfolgreich. 2002 ist mein Verein Dong Tam Long An in die V-League aufgestiegen und 2005 und 2006 haben wir sogar den Titel geholt.

Wie schaut es aktuell bei deinem Verein aus?
Die letzte Saison haben wir mit zwei Punkten Rückstand auf den Meister beendet, aber streng genommen wurde uns der Titel gestohlen. Wir wurden mehrmals schwer benachteiligt. Einmal ist die gegnerische Mannschaft nach unserem Tor zum 2:1 aus Protest gegen ein vermeintliches Stürmerfoul abgetreten. Anstatt wie international üblich abzubrechen, ließ sich der Schiedsrichter von der Intervention des Gegners überzeugen und setzte beim Stand von 1:1 fort. Am Ende haben wir dann 2:3 verloren. Da trainierst du ein ganzes Jahr, und dann passieren aufgrund der amateurhaften Strukturen solche Dinge. Da war die Fair-Play-Trophy für meine Mannschaft auch nur ein schwacher Trost.

Du hast den Ruf ein exzellenter Freistoßschütze zu sein. Wie bist du zu dieser Rolle gekommen?
Meinem damaligen Vereinstrainer und aktuellen Nationalteamcoach Henrique Calisto ist aufgefallen, dass ich eine gute Ballbehandlung habe und über einen scharfen Schuss verfüge. Daher hat er mich Freistöße schießen lassen, was auf Anhieb gut funktioniert hat. In der Meisterschaft sind mir schon neun Tore gelungen, in der AFC-Champions League [http://www.the-afc.com/eng/competitions/news/index.jsp_ACL-08-08-485-1.html] bin ich der bis dato einzige Tormann in der Schützenliste, nachdem ich 2006 gegen die wesentlich stärkeren Chinesen von Shanghai Shenhua zum 2:2-Endstand getroffen habe.

Wieso wurdest du vietnamesischer Staatsbürger?
Eigentlich wollte ich das ursprünglich gar nicht. Der Trainer war damals der Meinung, er benötige noch einen zusätzlichen Legionär. Aufgrund der Ausländerbeschränkungen kam die Idee mit der Einbürgerung auf. Motivation kam auch vom Klubpräsidenten, der mir erzählt hat, dass Staatspräsident Nguyen Minh Triet von meinen Leistungen sehr angetan sei, und er mich gerne in der Nationalelf sehen würde.

Wie waren die weiteren Schritte bis ins Nationalteam? Du musstest auch deinen Namen ändern, oder?
Weil ich bereits 6 Jahre im Land gewesen bin, habe ich, trotz der mangelnden Vietnamesisch-Kenntnisse, die formalen Voraussetzungen erfüllt. Ohne die Hilfe des Präsidenten wäre aber nichts gegangen. Es stimmt, laut meinem Pass heiße ich »Phan Van Santos«. Meine brasilianische Staatsbürgerschaft habe ich aber behalten, das war für mich eine Grundbedingung. Ins Nationalteam wurde ich gleich nach der Amtsübernahme von Calisto Anfang 2008 berufen. Höhepunkt war für mich das Spiel gegen die brasilianische Olympiaauswahl mit Spielern wie Diego, Ronaldinho und Pato. Wir haben zwar 2:0 verloren, aber es war eine einmalige Erfahrung. Die brasilianischen Journalisten sind auf mich aufmerksam geworden und ich habe mich mit Ronaldinho unterhalten. Nach seiner anfänglichen Verwunderung, hat er mir gratuliert, ein so guter Repräsentant des brasilianischen Fußballs zu sein.

In den letzten fünf Jahren sind über 100 brasilianische Fußballer nach Vietnam gekommen, viele aber bald wieder zurückgekehrt. Hat das mit einer gewissen Arroganz gegenüber dem Fußball in Vietnam zu tun?
Ich glaube nicht, dass die brasilianischen Fußballer arrogant sind. Natürlich gilt Brasilien als das Fußballland schlechthin, als Heimat des »jogo bonito«. Die vietnamesischen Fans wissen das auch zu schätzen, und erweisen uns eine besondere Ehrerbietung. Das Problem ist, dass viele Brasilianer nicht akzeptieren wollen, in einem fußballerischen Entwicklungsland zu sein, wo vieles noch nicht professionell funktioniert. Wenn sie aber glauben, gut genug zu sein, um sich höhere Gehälter zu verdienen, warum haben sie dann keinen Verein in Europa gefunden?

Wie siehst du die Entwicklungschancen für den vietnamesischen Fußball?
Es gibt einige Spieler mit toller technischer Grundausstattung. Was oft fehlt, ist das Talent, das dann auch im Mannschaftsspiel umzusetzen. Zu viele Spieler trauen sich einfach selbst zu wenig zu oder sind in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten außerhalb des Platzes zu unprofessionell.

Was sind deine schönen und weniger schönen Erfahrungen in Vietnam?
Toll ist die allgemeine Aufbruchsstimmung und speziell die Leidenschaft, die dem Fußball entgegengebracht wird. Wir Sportler werden sehr respektvoll behandelt, auch wenn die Neugier der Einheimischen über dein Privatleben manchmal zu groß ist. Negativ sehe ich vor allem die Journalisten, die Geschichten oft einfach erfinden, Interviews mit mir abdrucken, die ich nie gegeben habe und sich bei Pressekonferenzen die Antworten selbst geben.

Wie schauen deine persönlichen Zukunftspläne aus?
Zunächst steht für mich das Wohl meiner Familie an erster Stelle. Deshalb habe ich auch meinen Teamchef ersucht, auf meine Teilnahme an der Südostasienmeisterschaft, dem AFF-Cup (Anm: Vietnam gewann den Bewerb Ende Dezember 2008 völlig überraschend), zu verzichten, um bei meiner schwangeren Frau sein zu können. Sportlich möchte ich noch fünf bis sechs Jahre aktiv sein, danach könnte ich mir eine Tormanntrainerkarriere bei Dong Tam Long An vorstellen. Gut möglich also, dass ich meine Zukunft in Vietnam verbringe. Mir gefällt es hier.

Robert Florencio hat im Zuge seiner Vietnam-Reise auch Alfred Riedl besucht. Mit welchen Schwierigkeiten der ehemalige ÖFB-Teamchef bei seinem neuen Arbeitgeber Xi Mang Hai Phong zu kämpfen hat, lesen Sie in der aktuellen ballesterer-Ausgabe.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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