Brennende Reifen, prügelnde Polizisten

cache/images/article_2101_passelivre_140.jpg CONFED-BLOG Während sich Brasiliens Fußballer auf das erste Gruppenspiel gegen Japan vorbereiteten, ist es auf den Straßen von Brasilia und Sao Paulo zu teils heftigen Protesten gekommen. Demonstriert wurde gegen die hohen Staatsausgaben im Vorfeld der WM und Teuerungen im öffentlichen Verkehr.

Der vom lokalen Volkskomitee der WM-Gegner und der »Bewegung obdachloser Arbeiter« getragene Protest in Brasilia wurde öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt. Freitagvormittag gingen an einer großen Zufahrtsstraße des Mane-Garrincha-Stadions 150 Autoreifen in Flammen auf, riesige Rauchsäulen verdunkelten den Himmel. Die Aktion traf die Polizei offensichtlich unvorbereitet, obwohl die Hauptstadt wegen des Premierenauftritts des Gastgebers beim Confed-Cup derzeit einer einzigen Sicherheitszone gleicht. Im Zuge der Aufräumarbeiten wurden mehrere Zufahrtsstraßen zum Stadion gesperrt, was zu einem Verkehrschaos und langen Staus in weiten Teilen des Stadtgebiets führte.

Die Demonstration in Brasilia wandte sich gegen die hohen öffentlichen Ausgaben und die Zwangsumsiedelung im Zuge der Vorbereitungen auf die FIFA-Veranstaltungen und die Olympischen Spiele 2016. Allein für das Garrincha-Stadion hat die öffentliche Hand über 400 Millionen Euro an Baukosten ausgegeben. Erstklassiger Fußball wird darin allerdings nur zu sehen sein, wenn die großen Vereine aus Rio oder Sao Paulo ihre Spiele in die Hauptstadt verlegen, was zuletzt beim Neymar-Abschied bei Santos gegen Flamengo der Fall war und nach dem Confed-Cup auch für einzelne Rio-Derbys angedacht ist. Ähnlich wie das Maracana in Rio soll auch die Arena in Brasilia an ein privates Konsortium verpachtet werden. Kritiker bezweifeln jedoch, dass die getätigten Ausgaben dadurch vollständig wieder eingespielt werden können.   

Zu hohe Preise

Während die Kundgebung in Brasilia friedlich über die Bühne ging, laufen die in der Vorwoche gestarteten Proteste gegen die Erhöhung der Fahrpreise für öffentliche Verkehrsmittel in Sao Paulo zunehmend aus dem Ruder. In der Nacht auf Freitag gingen erneut tausende Menschen wegen der Preiserhöhung um 20 Centavos auf 3,20 Reais (rund 1,3 Euro) pro Fahrt auf die Straße. Die Polizei setzte Tränengas, Gummigeschosse und Schlagstöcke gegen die großteils friedlichen Demonstranten ein. Lediglich einzelne Teilnehmer hatten die Ordnungshüter zuvor mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen.

Der überharte Polizeieinsatz gegen dezidiert friedliche Demonstranten ist auch in zahlreichen Videos und Fotos dokumentiert. Auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken machten die Demonstranten ihrem Ärger über die Polizeigewalt Luft. Demos gegen die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr wurden auch aus Rio, Curitiba, Porto Alegre und Maceio gemeldet.

Die Inflation ist in Brasilien in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen - besonders stark betroffen sind die Sektoren Wohnen und öffentlicher Verkehr. Auch in Rio de Janeiro waren die Preise für die Verkehrsmittel kürzlich um 20 Centavos angehoben worden und liegen nun bei 2,95 (Bus) bzw. 3,50 Reais (U-Bahn). Wer auf seinem Weg zum Arbeitsplatz einmal das Verkehrsmittel wechselt, muss an einem Tag rund 12 Reais (5 Euro) nur für den Transport auslegen. Die Tickets sind in Brasilien damit bei einem viel geringerem Durchschnittseinkommen - viele Brasilianer müssen mit dem Mindestlohn von umgerechnet 250 Euro auskommen - teurer als in vielen europäischen Städten.

Gesalzen sind auch die Preise für Essen und Trinken in den sechs Confed-Cup-Stadien. Eine Flasche Wasser kostet sechs Reais (2,4 Euro) und ist damit doppelt so teuer als im Ligabetrieb, eine Limonade wandert um sieben Reais über den Tresen. Für ein Bier von Turniersponsor Budweiser müssen die Stadionbesucher zwölf Reais hinblättern. Neben dem Faktum, dass Alkohol in brasilianischen Stadien ansonsten verboten ist, werden diese stolzen Preise nicht unbedingt zu einem hohen Konsum beitragen.

 

Update, 16.6.: Bei neuerlichen Demonstrationen vor dem Eröffnungsspiel in Brasilia wurden mindestens 19 Personen verhaftet. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschoße ein, mehr als 50 Menschen wurden (großteils leicht) verletzt. ESPN-Kommentator Paulo Vinicius Coelho, bekannt aus Fernsehen und dem ballesterer, kritisierte das Vorgehen der Sicherheitskräfte als unverhältnismäßig und machte sie für die chaotischen Zustände vor dem Mane-Garrincha-Stadion verantwortlich.

Foto: Movimento Passelivre Sao Paulo (die Botschaft auf dem Transparent lautet: »Wenn die Preise nicht sinken, wird Sao Paolo anhalten«)

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