Brückners Koeffizienten

cache/images/article_1029_karel_140.jpg Bei seiner Antrittspressekonferenz erklärte Teamchef Karel Brückner, sein Alter basiere auf einem Berechnungskodex, der von fünf Koeffizienten abhänge. Einige Spekulationen darüber, wie diese gestaltet sein könnten.
Julia Zeeh | 29.07.2008
»Nach diesem Spiel wird er wohl einige graue Haare mehr haben« ist ein von Journalisten mehr als überbeanspruchter Satz. Meistens wird er im Bezug auf den Trainer einer Mannschaft, die gerade ein schwaches Match abliefert, angewandt. Von der österreichischen Nationalmannschaft hat man solche in der jüngeren Vergangenheit immer wieder gesehen.

Dass Karel Brückners schlohweißes Haar wegen seines Teamchef-Engagements eine graumelierte Tönung annehmen wird, ist aber eher unwahrscheinlich. Es sei denn, der Tscheche besäße gottgleiche Fähigkeiten. Diese werden auch nötig sein, um seinen Wunsch zu erfüllen, nicht älter zu werden. Dass sei nämlich der Grund, warum er dem Fußball nun doch erhalten geblieben wäre, verkündete Brückner bei der PK. Sein gefühltes Alter folge einem auf fünf Koeffizienten basierenden Berechnungskodex.

Der erste, einzig belegbare Koeffizient sind offensichtlich die Spielergebnisse: So meinte Brückner, dass er sich zurzeit wie 55 fühle. Nach dem verlorenen Spiel gegen Türkei, das das Ausscheiden in der EM-Gruppenphase bedeutete, wäre er aber 92 gewesen. Unklar bleibt, wie Brückner das mit seiner Begründung, durch den Trainerposten in Österreich jung zu bleiben, verbindet. Denn, wie gesagt, Karel ist nicht Gott und drei Siege, sieben Unentschieden und neun Niederlagen seit Anfang 2007 sprechen für sich.

Als zweiter Koeffizient könnte die Qualität der Liga des von Brückner gecoachten Teams herhalten. Rein rechnerisch wird dieser Punkt den Tschechen weniger altern lassen als der vorangegangene: Nach der UEFA-5-Jahres-Wertung befindet sich Österreich aktuell auf Platz 20, fünf Plätze hinter Tschechien. Gemeinsam ist den beiden Nachbarländern, dass sie sich in den letzten Jahren verschlechterten.

Eine weiterer Koeffizient, mit dem sich Karel Brückner in den nächsten Wochen beschäftigen wird müssen, sind die Verbandsstrukturen. Dass der 68-Jährige das versteinerte Gefüge und die Freunderlwirtschaft des ÖFB durcheinanderwirbeln wird, ist zu bezweifeln. »Wenn es Gewohnheiten gibt, die positiv sind, werde ich sie nicht verändern.« meinte er zwar nur im Bezug auf eine Weiterarbeit mit Roger Spry, insgesamt kann das aber als Grundtenor der Pressekonferenz ausgemacht werden.

Die Anzahl der Besserwisser und selbsternannten Teamchefs wird als vierter Koeffizient Brückners Alter in ungeahnte Höhen treiben. Dazu gehören auch die skandalsuchenden Boulevardjournalisten, die sich schon bei seinem ersten Medienauftritt mit der Frage vorgestellt haben, ob er mit Österreich das Viertelfinale erreicht hätte. Brückner machte seinem weisen Aussehen alle Ehre und ignorierte die Frage. In Österreich muss er sich aber unweigerlich auch mit einem weiteren Phänomen auseinandersetzen, dem der omnipräsenten und laut Selbstverständnis auch omnipotenten Cordobaveteranen. Denn ein Krankl würde auf die oben gestellte Frage mit Sicherheit anders antworten.

Bevor aber nun angesichts solcher Kategorien Karel Brückner ein Herzstillstand angedichtet wird, soll auch der fünfte und letzte Koeffizient nicht unerwähnt bleiben. Entscheidend ist hier das Alter seiner Schützlinge. Für Österreichs Fußball ergibt sich dadurch folgendes Szenario: Entweder der Teamchef folgt der gängigen Meinung, wer sich mit jungen Menschen umgibt, bleibt selbst jung. Das hieße, er würde Hickersbergers Konzept, jungen Talenten eine Chance zu geben und sie schrittweise in die Nationalmannschaft einzubauen, weiterverfolgen. Oder er lässt Österreichs Spieler »reifen«, um sich alterstechnisch ihnen immer mehr anzunähern. Dann würde er seiner eigenen Philosophie folgen, die er so in Tschechien anfangs auch sehr erfolgreich praktiziert hat.

Referenzen:

Rubrik: Aktuell
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png