Cafe con aroma de Menezes

cache/images/article_1688_mano_140.jpg U20-WM In Pereira wird nicht nur Kaffee angebaut, auch die brasilianischen Fußballsprösslinge stehen in der Auslage. Der Teamchef der »Selecao«, Mano Menezes, ist direkt aus Stuttgart gekommen, um sich ein Bild von möglichen Verstärkungen für die Heim-WM 2014 zu machen. Die Kolumbianer sorgen sich derweil um die Nachhaltigkeit ihrer WM-Investitionen.
Robert Florencio | 14.08.2011
Der ballesterer-Korrespondent ist wohlbehalten in der auf angenehmen 1400 Metern Seehöhe gelegenen Provinzhauptstadt des Departments Risaralda im sogenannten Eje de Cafe  Colombiano (kolumbianisches Kaffeedreieck) angekommen, wo ihn am Sonntag das Viertelfinale zwischen Brasilien und Spanien, für viele ein vorgezogenes Finale, sowie das Semifinale am Mittwoch erwarten. Die Luft ist klar, die Schwüle angenehm trockenen 22 Grad gewichen und die Landschaft völlig zu Recht von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt worden. Hier werden die hochwertigsten kräftigen Arabica-Sorten angebaut, die jedes klassische Journalistenherz getreu des Berufsmottos Nikotin-Koffein-Schreibmaschin höherschlagen lassen.

Das Markenlogo des Bauern Juan Valdez und seiner Eselin Conchita hat über viele Jahre auch dem Ski-Weltcup-Zirkus als Hauptsponsor gedient. Und wer es nicht glauben will: In Kolumbien gibt es tatsächlich auch eine kleine Skistation am Nevado de Ruiz. Ein Vergnügen für Millionarios, womit wir wieder beim Fußball gelandet sind. Gerade entnehme ich einem interessanten Artikel der taz, der mir von Kollegin Nicole Selmer aus Hamburg zugemailt wurde, dass der langjährige Traditionsverein aus Bogota, den auch der SK Rapid auf seiner Kolumbientournee 1983 mit 2:1 besiegen konnte, und der später in die Hände der Drogenmafia fiel, einen neuen Anlauf unternimmt und diesmal über die Börse zu »sauberem« Geld kommen will.

Am Trainingsgelände der Brasilianer, der Platz ist Teil eines Freizeitkomplexes einer lokalen privaten Pensionskasse, lerne ich den Radioreporter Diego vom landesweit empfangbaren Sender RCN kennen. Diego erweist sich nicht nur als Kenner der europäischen Fußballszene und kann mir problemlos die Namen Polster, Linzmaier, Herzog, Konsel und Lindenberger aufsagen, also alles Namen aus einer Zeit, wo der österreichische Fußball international noch registriert wurde. Er erzählt mir auch von den zwei goldenen Zeitaltern des kolumbianischen Fußballs, der im Zeitraum von 1949 bis 1962 seine Hochblüte hatte und später dann im Zuge des sogenannten Narco-Booms von 1978 bis 1992 ein Revival erlebte, als in Kolumbien verarbeitetes Kokain die USA in Verzückung versetzte. In diesen Zeiten war es für das Land möglich, Stars aus ganz Lateinamerika zu engagieren, und sogar europäische Spieler wie der Steyrer Rudi Strittich fanden es vor allem in der ersten Hochphase lukrativ, hier ihre Fußballschuhe zu schnüren.

Die goldenen Zeiten sind vorbei. Heutzutage geht jeder überdurchschnittliche Kicker sobald als möglich nach Europa. Die beiden Stürmerstars der U20-WM James Rodriguez und Luiz Muriel sind schon nach Portugal bzw. Italien verkauft. Die Finanzlage der Vereine ist oft so klamm, dass sie neben den Spieler- und Betreuergehältern nicht einmal die Greenkeeper bezahlen können. Deshalb befürchtet Diego, wie auch das Beispiel Südafrika nach der WM 2010 verdeutlicht, dass die um viel Aufwand renovierten Stadien für die U20-WM in spätestens zwei Jahren wieder heruntergekommen sein werden, weil die Vereine nicht in der Lage seien, die vorhandene Infrastruktur instand zu halten und den Rasen zu pflegen. Die Kommunen werden dafür nicht aufkommen wollen, so der Radioreporter.

Von den Problemen des kolumbianischen Fußballalltags kommen wir aber rasch zum Höhepunkt dieses schönen Fußballnachmittags. Brasiliens A-Nationalteamtrainer Mano Menezes ist direkt vom Deutschland-Länderspiel in Stuttgart angereist und stellt sich nach einer 24-stündigen Reise den Fragen der Presse. Menezes inspiziert bei seinem Kollegen Ney Franco (Interview im nächsten Blog-Beitrag), wie weit er schon aus diesem Spielerfundus für die bevorstehende WM-Endrunde 2014 im eigenen Land schöpfen kann. Und nach all den kritischen Tönen aus der Heimat nach dem 2:3 gegen die DFB-Elf wirkt er sichtlich erleichtert, dass er hier eine angenehme Fragerunde vorfindet.

Menezes erzählt, dass er den Umbau in der »Selecao« notgedrungen beschleunigen müsse, da der Mittelbau nur sehr schwach besetzt sei. Radikale Schritte betreffend den Neueinbau von Spielern sind folglich zu erwarten. Interessant auch seine Meinung zu Deutschland. Er stellt die Mannschaft spielerisch sogar über die von Welt- und Europameister Spanien. Wohl das größte Kompliment, das eine DFB-Auswahl von einem brasilianischen Nationaltrainer seit langem erhalten hat. Die Pressekonferenz wird nach zehn knappen Minuten auch schon wieder beendet. Einige der Kollegen drängen auf ein persönliches Foto mit Menezes, der freundlich jeden Wunsch erfüllt. Für Diego und mich ist es an der Zeit, die 20 Autominuten zum Trainingsplatz der Spanier in Angriff zu nehmen. Leider kommen wir zu spät. Die Spieler steigen schon in den Bus zur Rückfahrt ins Hotel, wir können gerade noch Real-Madrid-Jungspund Sergio Canales beim TV-Interview ein wenig zuhören, in dem er sich auf die üblichen, nichtssagenden Respektfloskel beschränkt.
 
Es ist inzwischen dunkel geworden und die Temperatur schon merklich gesunken. Ich verabschiede mich von Diego und wir beschließen, morgen gemeinsam die große Runde zu den Abschlusstrainings und der Pressekonferenz im Stadion zu unternehmen.

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Rubrik: Aktuell
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