China liebt das Ferkelchen

cache/images/article_959_schweini_140.jpg Das Viertelfinale Portugal gegen Deutschland brachte unter anderem eine Leistungsexplosion des Bastian Schweinsteiger. Für den Glamour-Boy aus München steht man auch in Fernost gern früh auf.
Carsten Germann | 21.06.2008
Alles ging blitzschnell. Gegen 7.00 Uhr chinesischer Zeit ging die Pekinger Gazette Xinjingbao Freitagfrüh nach einer Rekordandruckzeit von etwas mehr als zweieinhalb Stunden mit 330.000 Exemplaren in den Vertrieb. »Dou Ou« (Kampf um Europa) lautete der martialische Titel einer sechsseitigen Beilage zum Fußballspektakel im fernen Westen. Thema Nummer eins war natürlich das erste Viertelfinale zwischen Portugal und Deutschland, für das die beiden eigens nach Basel geschickten Redakteure im Eiltempo ihre Reportagen strickten. Auf dem Cover verteilte Chinas neuer Liebling Handküsschen. Es ist Xiao Shu fußballinteressierten Mitteleuropäern besser bekannt als der deutsche Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger.

Xiao Shu, das »Ferkelchen«, wie Schweinsteigers Name in chinesischer Übersetzung lautet, taucht auch im Innenteil wieder auf. »Berliner Fans feiern Xiao Shu«, berichtet das Blatt stolz und bringt die sportliche Wiederauferstehung des schon als EM-Verlierer titulierten Münchners in jede noch so entlegene Provinz. Der Frust über explodierende Benzinpreise und der Tibet-Konflikt sind für einige Stunden kein Thema mehr dank Schweini. Während der blonde Publikumsliebling in Basel von den gut gemeinten Ratschlägen von Kanzlerin Angela Merkel berichtet, rauscht im fernen China der Blätterwald.

China und die EM. Gut 50 Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Peking ist die Begeisterung für die EURO in Fernost riesengroß. Und das, obwohl die Spiele erst um 2.45 Uhr Ortszeit angepfiffen werden. Die Freude der Chinesen kann das nicht bremsen. Sie haben ihren Favoriten schon ausgemacht und halten es dieser Tage mit dem dreimaligen Europameister aus Deutschland. Xinjingbao bezeichnete die Deutschen nach ihrem überzeugenden Erfolg über Portugal als »Zhen Yemen« (Echte Kerle).

Für Schweinsteiger & Co. legt man in den Redaktionsstuben von Xinjingbao eine Sonderschicht ein. »Mit zwanzig Journalisten haben wir in der Redaktion zwei Optionen vorbereitet und noch während des Zuschauens die ersten Texte geschrieben«, erklärt Dai Zigeng. So habe man einen entscheidenden Zeitvorsprung und könne die riesige Konkurrenz in Peking ins Abseits stellen.

Nach dem Vorrundenmatch zwischen Österreich und Deutschland kam die EM-Euphorie in China ins Rollen. Die sonst so nüchterne Handelszeitung Changjiang Shangbao legte jegliche Zurückhaltung ab und schrieb in englischen Lettern nur »O-Yeah!«. Der Leitkommentar formulierte einen frommen Wunsch: »Wir warten auf einen chinesischen Michael Ballack.« Das kann freilich noch eine Weile dauern.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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