China statt Österreich

Wieder einer weniger: Für elf Millionen Euro wechselt Alan Carvalho von Red Bull Salzburg zu Guangzhou Evergrande. Damit verzichtet er auch auf einen möglichen ÖFB-Einsatz. Wir werfen einen Blick auf den neuen Klub des Stürmers und die Chinese Super League.

Martin Hanebeck | 19.01.2015

Marcello Lippi, Fabio Cannavaro und Alberto Gilardino - es sind bekannte Namen, die für den derzeit erfolgreichsten Verein Chinas aktiv sind. Der wiederum trägt einen in Europa nicht ganz so bekannten Namen: Guangzhou Evergrande Taobao wurde 1954 gegründet und ist in der Zehn-Millionen-Stadt Guangzhou in Südchina beheimatet. Der Klub gewann 2013 die asiatische Champions League und in den vergangenen vier Jahren die Chinese Super League. Die jüngste Geschichte von Guangzhou verrät jedoch auch einiges über die schwierige Situation des Fußballs in China.

Stars mit Kurzengagement
Bevor Guangzhou den ersten Meistertitel holte, war der Verein 2010 nach Vorwürfen von Bestechung und Spielmanipulation zum Zwangsabstieg verdonnert worden. Mit dem Einstieg der Immobilienfirma Evergrande Real Estate begann der rasante sportliche Aufstieg, hinter dem beträchtliche Geldsummen steckten. Für Schlagzeilen sorgte im August 2011 der Transfer von Dario Conca, Brasiliens Fußballer des Jahres, der laut der spanischen Tageszeitung Marca mehr verdient hat als Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Auch Lucas Barrios wechselte 2012 von Borussia Dortmund nach Guangzhou. Er blieb, ebenso wie Conca, nur eine Saison. "Diese Spieler sind von den lukrativen Angeboten aus China geblendet und unterschreiben", sagt Journalist Michael Radunski, der als Asien-Korrespondent aus Delhi unter anderem für die deutsche FAZ berichtet und sich auch intensiv mit dem chinesischen Fußball befasst. "Aber dann merken sie oft, dass die Liga, der Wettbewerb und die Bedingungen doch nicht ganz ihren Vorstellungen entsprechen und verlassen schnell wieder das Land." Mitunter auch weil die versprochenen Gehälter ausbleiben: So verkündete Barrios vor seinem Wechsel zurück nach Europa auf seiner Website, ein erheblicher Betrag seines vereinbarten Gehalts sei nicht ausbezahlt worden. Didier Drogba, der nach nicht mal einem Jahr wieder zurück nach Europa wechselte, belastete seinen Ex-Verein Shanghai Shenhua ebenfalls, sein Gehalt nicht gezahlt zu haben.

Investition mit Imageproblem
Der professionelle Fußball in China hat mit der Gründung der nationalen Liga, der Jia A League, 1994 Einzug gehalten. Die Vereine sind im Besitz großer staatlicher oder privater Firmen - und von deren Geld abhängig. Daniel Fuchs, Universitätsassistent an der Sinologie der Universität Wien, beschäftigt sich mit der wirtschaftlichen und politischen Situation des heutigen China. Er sagt: "Fußballfans in China sehen die Investitionen in den chinesischen Fußball positiv, zum einen wegen finanziellen Möglichkeiten für ihren eigenen Verein, zum anderen weil es ein Signal für andere Unternehmen ist, ebenfalls in den chinesischen Fußball zu investieren." Im vergangenen Juni war es der Internethändler Alibaba.com, der dieses Signal hörte. Das Unternehmen übernahm um 141 Millionen US-Dollar 50 Prozent der Anteile von Guangzhou. "Wir investieren nicht in Fußball, wir investieren in Unterhaltung", sagte Firmengründer Ma Yun.

Die Werbeeffekte, die mit einem Engagement im chinesischen Fußball verbunden sind, waren in der Vergangenheit jedoch durchaus zweifelhaft. Die Jia A League wurde 2003 nach einem umfassenden Korruptionsskandal eingestellt und ein Jahr später die Chinese Super League aus der Taufe gehoben. Die Hälfte der Spiele soll manipuliert gewesen sein, die Liga verlor Sponsorengelder, und das schlechte Image ließ sich auch unter dem neuen Namen nicht ohne Weiteres abschütteln. 2008 stellte das staatliche Fernsehen CCTV die Übertragung der Ligaspiele wegen der mangelnden professionellen Ethik der Aktiven vorübergehend ein. Die Ermittlungen wegen Spielmanipulation und Bestechung führten 2012 schließlich zu harten Konsequenzen: Rund 50 Funktionäre, Spieler und Schiedsrichter wurden verurteilt, darunter zwei Vizepräsidenten des Verbandes, die Haftstrafen von zehn Jahren absitzen müssen. 2013 wurde Shanghai Shenhua der Meistertitel aus dem Jahr 2003 aberkannt, über elf weitere Vereine wurden Punktabzüge und Geldbußen verhängt.

"Die Korruptionsskandale haben das Image der chinesischen Liga und auch der Spieler beschädigt", sagt Journalist Radunski. "Die Fans in den Stadien kommen sich verschaukelt vor." Trotz aller Korruptions- und Bestechungsskandale ist Fußball in China populär. Der Zuschauerschnitt der Super League lag in der Saison 2014 bei knapp 19.000, Spitzenreiter ist auch hier Guangzhou mit 42.000 Zuschauern.

Auf einen weiteren internationalen Titel muss der Verein noch etwas warten, in der Champions League 2014 war im Viertelfinale gegen die Western Sydney Wanderers Schluss. Marcello Lippi war für das Rückspiel gesperrt, nachdem er während des Hinspiels nach einer zweiten Roten Karte für sein Team auf das Spielfeld gestürmt war. Lippis Engagement in China zumindest ist kein kurzfristiges. Er war ab Mai 2012 Trainer von Guangzhou, im Februar 2014 wurde die Vertragsverlängerung bis 2017 bekannt gegeben. Doch seit dem vierten Meistertitel ist er als Sportdirektor tätig - im November 2014 wurde Fabio Cannavaro als neuer Cheftrainer vorgestellt. Auch Ex-Salzburg-Stürmer Alan hat sich langfristig verpflichtet und bis 2019 bei Guangzhou Evergrande unterschrieben. Das, mit Ralf Rangnicks Worten, außergewöhnliche Angebot aus China, das Spieler wie Klub mehrere Millionen Euro einbringt, ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf eine Karriere als österreichischer Teamspieler: Um diese Möglichkeit wahrzunehmen, hätte Alan noch zwei Transferperioden in Österreich bleiben müssen. 

Referenzen:

Thema: China
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