Corinthianische Urinalprobleme

cache/images/article_1292_klokicker_140.jpg Zu einem ungewöhnlichen Zwischenfall ist es am 10. Oktober beim brasilianischen Meisterschaftsspiel SC Corinthians São Paulo gegen Grêmio (2:1) gekommen. Ein Besucher der VIP-Tribüne geriet wegen der zu geringen Anzahl an WCs in einen heftigen Disput mit Vereinspräsident Andrés Sanches. Die Häusldiskussion erheitert seither ganz Brasilien.
Robert Florencio | 19.10.2009
Besucher von Corinthians-Spielen brauchen eine große Blase. Denn für die teuersten Plätze im Pacaembu-Stadion von São Paulo stehen lediglich drei Toilettenanlagen zur Verfügung, die sich die VIPs auch noch mit den Gästen der Haupttribüne teilen müssen. Nachdem der Fan angesichts einer langen Warteschlange, die ihn nach eigener Schätzung 30 Minuten des Spiels gekostet hätte, kehrtgemacht hatte, begegnete er zufällig dem Klubchef. Auf die vorgebrachte Beschwerde, warum er als VIP-Kunde nicht auch die exklusiv von Funktionären genutzten luxuriösen WC-Bereiche benutzen dürfe, antwortete ihm Sanches mit der lapidaren Festsstellung, wem es im Stadion nicht gefalle, der könne ja auch zu Hause bleiben und sich das Spiel im Pay-TV ansehen.

Der treue Anhänger, der die Corinthians-Spiele seit 32 Jahren im Stadion verfolgt, fühlte sich entsprechend brüskiert, und antwortete, dass der Klub nicht das Privateigentum Sanches wäre und er überhaupt schon viel länger Fan sei als der »Präsi«. Dieser wiederum sah sich angesichts des wild gestikulierenden Anhängers dermaßen bedroht, dass er ihm für die gesamte zweite Halbzeit drei seiner Bodyguards als Bewacher vor dessen Sitz zur Seite stellte, die ihn kräftig beschimpft und ihm für den Fall weiterer Proteste eine Tracht Prügel vor dem Stadion angedroht haben sollen.

Der Fan wandte sich daraufhin an einen populären Blogger, der den Fall aufgriff und zur Debatte stellte. Zahlreiche Kommentare gaben dem um die Erledigung seines kleinen Geschäfts gebrachten Mann Recht und sahen einmal mehr eine unverhohlene Arroganz im Verhalten des Präsidenten. So wurde dem Beschwerdeführer u.a. geraten beim nächsten Stadionbesuch einfach von oben auf das versammelte Präsidium zu pissen, wobei er dann ja ein gravierendes Inkontinenzproblem als Entschuldigung anführen könnte. Einige wenige gaben aber auch Sanches Recht, schließlich gehöre das Stadion ja der Stadt Sao Paulo und nicht dem Verein, und man habe sich in Paris St. Denis auch nicht an Michel Platini wenden können, als es beim WM-Finale 98 zu längeren Warteschlangen in der Halbzeit kam.

Der Ausgang des Häuselstreits ist offen. Jedenfalls sind es keine leichten Wochen für den bisweilen zerstreut wirkenden Sanches, der schon einmal seine Pistole in einer Raststätte vergessen hatte. Denn der Klubchef muss neben dem aktuellen Disput noch die Abgänge einiger wichtiger Leistungsträger kompensieren und die Fans angesichts der nächstes Jahr anstehenden 100-Jahr-Feierlichkeiten bei Laune halten.

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