Cremen für Deutschland

cache/images/article_1866_fm_emblog3_140.jpg Längst vorbei die Zeiten, da mit Fußball nur Bier, Benzin und Baumärkte beworben wurden zumindest in Deutschland. Spätestens seit Bundestrainer Jogi Löw modisch stilsicher vom Spielfeldrand regiert, ist der mühsame Kampf ums gute Aussehen, den frischen Duft und das glatte Gesicht trotz langer Nacht Chefsache für den männlichen Fußballfan.
Nicole Selmer | 04.06.2012

Konnte sich der deutsche Fan früher über brustrasierte und eingeölte Italiener noch lustig machen, muss er sich in Löws aktuellen Kosmetik-Werbespot nun fragen lassen »Was wirst du für unsere Elf tun?« und als Antwort die revitalisierende Creme Q10 oder das Aftershave Balsam mild (!) benutzen. Aus feministischer Sicht ist es ganz und gar nicht gutzuheißen, dass nun auch Männerkörper dem Hygiene- und Schönheitsterror ausgesetzt werden, selbst wenn mitunter eine kleine Schadenfreude nicht zu leugnen ist. Vor allem dann, wenn die Werbeclaims so offensichtlich am Ziel vorbeigehen wie bei Deo-Testimonial Bastian Schweinsteiger. Zu den Tricks der bunten kapitalistischen Warenwelt gehört allerdings, dass es zu jedem Gift ein Gegengift im Regal gibt. Den Kontrapart zum glattrasierten, gestylten Löw und seinen 12. Männern gibt in diesem Fall Jürgen Klopp, das Gesicht der Werbekampagne »Dein Bart für Deutschland«. Meine erste Assoziation bestand darin, ein Lied aus Kindertagen vor mich hin zu summen: »Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.« Das klingt zugegebenermaßen eher wie das Line-up der niederländischen Mannschaft, kein Wort von Mesut, Ilkay und Philipp.


Aber es geht ja auch hier nicht um die Spieler, sondern um den 12. Mann: Statt exzessivem Cremen für Deutschland wie bei Löw ist mit Klopp auf den ersten Blick entspanntes Laissez-faire angesagt den Bart wachsen lassen, solange die Mannschaft im Turnier ist. Aber auch dahinter verbirgt sich letztlich mühsames Bodymanagement, denn der Bart soll ja nicht irgendwie wachsen, sondern (»Express yourself«) in wohlgeordneten und vom Rasierer regulierten Bahnen. Ist man einmal drin im Tretrad der Schönheitsideale, gibt es kein Entkommen oder fast nicht. Einen gewissen Charme hätte eine weibliche Variante der Kampagne mit, sagen wir, Schweinsteigers Freundin Sarah Brandner, die verspricht »Ich rasiere mir erst wieder die Beine, wenn Deutschland ausgeschieden ist.« Das aber ist in Zeiten, da Weiblichkeit dadurch definiert wird, dass ein Frauenkörper so haarlos zu sein hat wie der eines zehnjährigen Kindes, wohl kein durchsetzbares Werbekonzept.


Während sich Fußballdeutschland werbetechnisch mit Körperpflege beschäftigt, widmet man sich in Österreich der vertrauten Hasspflege, um dem Turnier dann doch eine national-emotionale Beteiligung abzugewinnen. Wie so oft allerdings wird das im Land der Adressaten entweder gar nicht wahrgenommen oder als patriotische Putzigkeit missverstanden: In Deutschland läuft der Wett-Werbespot mit einem orange gekleideten Voodoo-Püppchen.

ballesterer # 120

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