Crossing the border

cache/images/article_1872_lwiw2_140.jpg Auf der 16-stündigen Zugfahrt von Warschau nach Lwiw lässt sich einiges erleben: Man trifft niedersächsische Allesfahrer, freundliche Grenzbeamte und für den Biernachschub müssen kreative Lösungen gefunden werden. Wer die Arena Lwiw besuchen will, sollte sich auf einen Fußmarsch einstellen.
Reinhard Krennhuber | 10.06.2012

Zwei Stunden nach Abpfiff des Eröffnungsmatches tauchen Tausende polnische Fans den Warschauer Hauptbahnhof in Rot-Weiß. Um 23.05 soll mein Zug nach Krakau abfahren, doch zehn Minuten davor gestaltet sich das Betreten des Bahnsteigs Nr. 3 mit einem großen Koffer als äußerst schwierig. Der Bahnstein ist bummvoll mit vom Spiel gegen Griechenland ernüchterten, aber alles andere als nüchternen Polen, die nach dem 1:1 im Nationalstadion die Heimreise antreten wollen. Schließlich gelingt es aber doch, den Zug zu entern.


Biernachschub per Taxi
Im Abteil sitzt Mirko, ein Fan von Eintracht Braunschweig, der ebenfalls nach Lwiw, zum Match der Deutschen gegen Portugal, will. Vor uns steht eine 16-stündige Zugreise über Krakau und Przemysl, inklusive einem Übertritt der polnisch-ukrainischen Grenze. Mirko ist am Vortag ebenfalls mit dem Zug aus Hannover gekommen und hat seither nichts geschlafen. Was ihn nicht davon abhält, sich ein Bier aufzumachen und auch mir eines anzubieten. Der Braunschweiger Allesfahrer erzählt von seinen Reisen mit dem DFB-Team, die ihn noch in viel entfernte Destinationen geführt haben nach Aserbaidschan, auf die Färöer und sogar in den Iran. Als uns das Bier ausgeht, wenden wir uns an sechs junge Polen im Nachbarabteil. Die haben ein ähnliches Problem und die passende Lösung: Sie stehen in Kontakt mit einem Taxifahrer in Kielce, unserer nächsten Station, der sie mit Bier versorgen wird. Um 30 Zloty (rund sieben Euro) gebe ich vier Zywiec in Auftrag. In Kielce wird der Nachschub durchs Fenster gereicht.

Nach einem frühmorgentlichen Zwischenstopp in Krakau, wo sich rund um den Bahnhof die übriggebliebenen Nachtschwärmer mit Fans in schwarz-rot-goldenen Maurerhüten mischen, geht es weiter nach Przemysl, an der polnisch-ukrainischen Grenze. Auf dem Bahnhof der ansonsten verschlafenen Kleinstadt herrscht dichtes Gedränge. Deutsche Fans in allen Facetten mischen sich mit Polen und grün-rot gewandeten Portugiesen. Züge aus Krakau und anderen Teilen Polens haben sie ausgespuckt. Alle wollen zum Schlager der Gruppe B nach Lemberg, jenseits der Grenze. Die Stimmung ist entspannt. Volunteers verteilen Infobroschüren und kleine Fußbälle, Mitarbeiter der Stadtverwaltung erklären den Weg zum Supermarkt, in dem die Biervorräte geplündert werden, Polizisten beobachten das bunte Treiben aus der Distanz.


Unkomplizierte Grenzkontrolle
Kurz nach Mittag fährt der EM-Sonderzug nach Lwiw ein. Eine steinalte Garnitur mit einer Diesellok und fünf Großraumwagen. Intercity auf Ukrainisch. Die Schaffnerin kann ihrem Ordnungsdrang nicht nachkommen, weil sich die Fans nicht an die Platzreservierungen halten. Schnell bemerkt die junge Dame die Aussichtlosigkeit ihrer Lage und gibt auf. Als drei gutaussehende polnische Grenzbeamtinnen das Abteil betreten, geht ein Johlen durch den vollbesetzten Waggon. Die Grenzerinnen quittieren es mit einem Lächeln und lassen sich sogar bei der Arbeit fotografieren. Beim Abschied winken Fans und Ordnungshüter einander zu.

Ein paar Minuten später entern die ukrainischen Kollegen den Wagen. Eine etwas resolutere, aber ebenfalls freundliche Gangart hält Einzug. In gebrochenem Englisch wiederholt eine der Beamtinnen mehrmals den auswendig gelernten Satz: »All Passangers are kindly requested to take their seats. No photos! No filming!« Dokumentieren darf die Kontrolle nur das Kamerateam eines lokalen Fernsehsenders. Der Sprecher wird bei seinem ersten Versuch der Einmoderation von den Fans niedergesungen. Danach geben sie ihm bereitwillig Interviews. Derweil werden die Pässe der rund 400 Passagiere einkassiert und zum Stempeln in den Grenzposten gebracht. Völlig außer Atem kommen die Staatsdiener 20 Minuten später retour unkomplizierter ist wohl selten jemand an diesem Grenzübergang in Ukraine eingereist.

Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof passiert der Zug eine Einheit Grenzpolizisten in Reih und Glied. Sie waren offensichtlich im Hintergrund bereitgestellt, um etwaige Unruhestifter zur Räson zu bringen. Doch heute haben sie keinen Auftrag. Die Deutschen teilen ihr Bier mit Portugiesen und Polen und unterhalten sich über Özil, Podolski und Ronaldo. Die EM zeigt sich im Grenzzug von ihrer schönsten Seite. Und die polnischen und ukrainischen Beamten haben ihren Teil dazu beigetragen.


Arena im Niemandsland
Nach der Ankunft ereilt mich eine SMS aus der deutschen Fanbotschaft, die im Zentrum der Stadt ihre Zelte aufgeschlagen hat. »Lwiw ist Schland«, heißt es darin und der Eindruck verfestigt sich an allen Ecken. Mindestens 15.000 Anhänger der DFB-Nationalmannschaft sind in die ehemalige k&k-Stadt gekommen. Ab dem Nachmittag streben sie an den Stadtrand, wo die Arena Lwiw aus dem Boden gestampft wurde. Die Taxifahrt ist zwei Kilometer vor dem Stadion zu Ende. Ein übereifriger Verkehrspolizist verweigert trotz Vorzeigen der Akkreditierungskarte die Weiterfahrt, die in einem Shuttlebus angetreten werden muss.

In dem übervollen Bus komme ich mit zwei Cottbuser Fans in Gespräch, die sich köstlich über meinen österreichischen Akzent amüsieren. Als der Bus irgendwo im Niemandsland zum Stehen kommt, beweisen auch sie Humor. »Wenn es aussieht wie eine Baustelle, sind wir da«, sagt Jens, der das Stadion bereits vor der EM einmal besucht hat. Und er hat recht: Außer einem geteerten Weg und viel Ödlandschaft ist hier nichts zu sehen, die letzten eineinhalb Kilometer zum Stadion müssen wir zu Fuß bewältigen. Der nicht endwollende Tross von Fans schiebt sich im Regen über einen kleinen Hügel, ehe das Ufo namens Arena Lwiw zum Vorschein kommt.  


Lwiw ist leergesoffen
Im Pressebereich des Stadions herrschen andere Verhältnisse als am Vortag in Polen. Dass das Media Café nicht von McDonalds betrieben wird, ist leider die einzige positive Errungenschaft. Das Personal ist heillos überfordert, es gibt quasi nichts zu Essen. Was zu kriegen ist, ist hoffnungslos überteuert. Nur die Hälfte der Arbeitsplätze ist mit einer Internetstandleitung ausgestattet. Wer nicht in den Genuss dieses Privilegs kommt, steht ohne Verbindung da, weil das WiFi nicht funktioniert. Die Abfahrt nach der Partie gestaltet sich ebenfalls schwierig es gibt keinen Mediashuttle zurück ins Zentrum und die Taxis werden nicht zum weiträumig abgesperrten Stadion durchgelassen.

Nach einem ausgedehnten Nachtspaziergang, weit nach Mitternacht, ist schließlich doch ein Busfahrer bereit, die am Straßenrand wartenden Fans, Volunteers und gestrandeten Journalisten aufzunehmen. Zurück im Zentrum ist einigen Kiosken das Bier bereits ausgegangen, »Schland« hat Lwiw leergesoffen. Glücklicherweise hat die ukrainische Fanbotschaft noch geöffnet. Im Container kommt es zum Wiedersehen mit den Karpaty-Fans Taras und Andy, die ich schon im Rahmen meiner Recherchereise im April kennengelernt habe. Sie öffnen die Hintertür und reichen mir ungefiltertes Bier aus der 1,5-Liter-Plastikflasche

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