»Dann kommt der Hans, und alles lebt auf«

cache/images/article_1583_58weidenau_140.jpg Erich Weidenauer kennt Hans Krankl als Gegner, Mitspieler, Freund und Vorgesetzten. Im Interview mit dem ballesterer spricht der Tormanntrainer und Ex-Bundesliga-Keeper über die »Krankl-Hocke«, den Trainer und Familienmenschen und gescheiterte Beruhigungsversuche in Belfast.
ballesterer: Sie haben Hans Krankl in vielen Situationen und Facetten erlebt. Wie war er im direkten Umgang?
Erich Weidenauer: Er war Freund, Kamerad und eine Symbolfigur. Vor allem aber ein hundertprozentiger Profi. Er war auch im Training eiskalt und hat seine Tore gemacht. Wenn er drei oder vier Wochen kein Tor geschossen hatte, hat er sich damals beim Sport-Club den Keglevits geschnappt und der hat ihm dann 20, 30 Bälle aufgelegt bis der Hans seinen Lauf wiedergefunden hat. Er hat ja irrsinnig gut volley schießen können. Von zehn Schüssen waren fast alle drin, da hast du schon froh sein können, wenn du einen oder zwei gehalten hast.

War Krankl in manchen Situationen zu eigensinnig?
Der Hans war ein Vollblutstürmer und wenn er am Sechzehner eine Chance gehabt hat, dann hat er niemanden mehr gesehen nur das Tor. Wenn er einen Lauf gehabt hat, hat er aus einer Chance zwei Tore gemacht. Deswegen war er auch so erfolgreich und ist zu Barcelona gekommen. Er hat sich diesen Erfolg erarbeitet, und das hat ihn geprägt. Hans Krankl war zu seiner Zeit ein perfekter Stürmer und er wäre wohl auch heutzutage Weltklasse.

Wie hat sich der persönliche Ehrgeiz auf die Mannschaft ausgewirkt?
Sehr positiv. Der Hans war und ist eine Galionsfigur, fast eine Art Vaterfigur. Er hat versucht, jedem Spieler zu helfen. Er war da, wenn jemand Probleme hatte. Ich kenne wenige Leute, die so sind wie er. Es war auch immer ein Spaß mit ihm. Ich erinnere mich an ein Sport-Club-Trainingslager am Semmering. Wir hätten dort mit Langlauf-Skiern zehn Sprints auf einen Hügel machen sollen, aber der Hans hat nach dem dritten gesagt: »Burschen, nach dem nächsten fahr ma runter, schnallen ab und gehen zurück ins Hotel.« Wir sind also vom Hügel Schuss runter gefahren, alle dem Hans nach, der in der Hocke voraus. Eine lustige Aktion, auch wenn der Trainer das ein bisserl anders gesehen hat.
Gab es einen Unterschied, wenn er für einen anderen Verein als Rapid gespielt hat?
Rapid ist in seinem Herzen, das ist heute so und das wird immer so sein. Aber wenn er für einen anderen Verein gespielt hat, hat er das auch zu 100 Prozent gemacht, sei es für Salzburg oder den Sport-Club. Er hat immer alles gegeben, weil er um jeden Preis gewinnen wollte auch gegen Rapid.

Sie haben 2002 bei der Admira im Trainerteam mit ihm zusammengearbeitet. Wie war er als Chef?
Der Trainer Hans Krankl wird immer ein bisserl unterschätzt. Dabei hat er sich weiterentwickelt und sich immer Leute ins Team geholt, die eine Ahnung vom Fußball haben. Für mich war er einer der besten Trainer, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Er hat den Fußball gelebt, hat mitgefiebert, sei es bei Mödling oder im Nationalteam. Bei Spielen hatte er einen Puls von 250. Aber er ist immer hinter der Mannschaft und seinem Trainerteam gestanden und hat Vertrauen zu uns gehabt.
Was sind die Unterschiede zwischen dem Trainer und dem Fußballer Hans Krankl?
Das sind zwei verschiedene Figuren. Als Spieler ist er über den Dingen gestanden, weil es keinen Besseren gegeben hat. Aber auch als Trainer hat er seine Qualitäten, sportlich und vor allem auch menschlich. Er hört zu, geht auf die Leute ein, lässt sich von außen nichts dreinreden. Dass er die Admira damals vor dem Abstieg gerettet hat, war eine Sensation. Wir waren damals 12 oder 13 Punkte hinten, als er gekommen ist. Als Teamchef hatte er das Pech, dass in unserer Gruppe starke Mannschaften wie Holland und Tschechien oder später England und Polen waren. Wir haben eigentlich immer recht gut gespielt und dann unglücklich verloren. Mit ein bisschen mehr Glück, wäre Krankl vielleicht heute noch Teamchef.
Unglücklich war auch das Match in Nordirland, das sie »3:3 gwunnen hom.« Krankls Interview nach dem Match ist legendär. Was war damals in der Kabine los?
Wir hatten davor ein 2:2 gegen England erreicht und sind voller Euphorie nach Nordirland gefahren. In Belfast haben wir 3:2 geführt. Kurz vor Schluss kassieren wir den Ausgleich aus einem Eigenfehler. Der Hans war in der Kabine natürlich »haß«. Wir haben versucht, ihn zu beruhigen und ihn zurückhalten müssen. Das Trainerteam hat zehn Minuten auf ihn eingeredet. Beim Fernsehinterview war er eh schon ziemlich herunten. Aber das ist halt der Hans. Der zeigt Emotionen und will Ungerechtigkeiten einfach nicht hinnehmen, das macht ich aus. Einem anderen ist das vielleicht vergleichsweise wurscht. Aber der Hans ärgert sich halt und nimmt seine Mannschaft in Schutz und bei der einen oder anderen Frage ist er dann halt ausgerastet.
Inwiefern ist Hans Krankl kritikfähig?
Man kann mit ihm über alles reden. Wir als Trainerteam haben oft stundenlang diskutiert und unsere Vorschläge eingebracht und er hat sich alles angehört. Dass er als Cheftrainer die letzte Entscheidung trifft, ist klar. Es kommt immer darauf an, wie man ihn angeht. Viele Leute verstehen das nicht und wenn ihn einer anpöbelt, dann hat er sein Schutzschild und lässt niemanden an sich heran. Das ist halt so: Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, den die Leute lieben oder nicht lieben.
Wie erklären Sie sich Krankls hohe Popularität?
Er hat eine irrsinnige Ausstrahlung. Du kannst zu einer Veranstaltung gehen, auf der nix passiert. Dann kommt der Hans, und auf einmal lebt alles auf. Er strahlt einfach Freude und Spaß aus, wenn er den Raum betritt. Das hat nicht jeder. Vor der EM 2008 war ich auf einem Konzert, bei dem viele österreichische Musikgrößen wie OPUS gespielt haben, und der Hans hat den meisten Applaus bekommen. Der Krankl zieht ganz einfach: Bei Mödling hatten wir 400 Zuschauer, dann ist der Hans gekommen und auf einmal hatten wir 4000.
Inwiefern spielt dabei auch sein skandalfreies Privatleben eine Rolle?
Er ist ganz einfach authentisch, er liebt seine Frau und seine Familie. Das ist genau seins, und darauf steht er. Das ist etwas irrsinnig Tolles, das es in der heutigen Zeit eh nur mehr selten gibt. Die Leute, die sagen, das sei alles nur aufgesetzt, sind wahrscheinlich nur neidisch, weil es keine Skandale gibt. Aber in Wahrheit ist er ein ehrlicher, gerader Kerl.
Wird Hans Krankl noch einmal ins Fußballgeschäft zurückkehren?
Das ist schwer zu sagen. Er hat mit der Band Monty Beton ja auch die Musik als zweites Standbein und ist in der Werbebranche drinnen. Der Hans hat als Teamchef gearbeitet. Soll er jetzt einen Abstiegskandidaten übernehmen und sich schimpfen lassen? Da musst du dich dauernd herumstreiten, und das will er sich nicht mehr antun. Soweit ich weiß, wollte er beim LASK weiterarbeiten, aber als Trainer brauchst du immer Perspektiven. Wenn das Ziel eines Präsidenten ist, zwischen Rang fünf und zehn zu landen, dann brauche ich dort nicht zu bleiben. Ein anderes Problem ist, dass viele Präsidenten Angst haben, durch einen populären Trainer wie Krankl im Schatten zu stehen.
Sehen Sie diese Angst aktuell auch bei Rapid?
Ja, auch wenn Rudi Edlinger seinen Job als Präsident prinzipiell sehr gut macht. Hans Krankl würde dort mit Sicherheit sehr viel bewirken. Dass der Verein so beliebt ist, ist aktuell ja fast ausschließlich der Verdienst von Andy Marek. Die Leute gehen ja nicht ins Hanappi-Stadion, weil die Mannschaft so erfolgreich wäre, sondern weil Rapid Rapid ist. Wenn man dem Hans eine Chance geben würde, da mitzuarbeiten, würde der Verein eine Euphorie erleben, die man sich kaum vorstellen kann. Aber wer weiß: Vielleicht kehrt Hans Krankl ja irgendwann in einer Funktion zu Rapid zurück.

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Rubrik: Aktuell
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