Das Beste kommt zum Schluss

cache/images/article_1670_ff-wm.php_140.jpg Japan ist Weltmeister. Und das Finale war das beste Spiel des Turniers. Das sind zwei Sätze, die man so bisher noch nie über ein großes Fußballturnier sagen konnte. Jetzt schon. Das WM-Finale zwischen Japan und den USA in Frankfurt hatte alles, was ein Fußballspiel braucht.
Nicole Selmer | 18.07.2011
Frankfurt zeigt sich am Finaltag von seiner internationalen Seite, bereits am Bahnhof ist viel Amerikanisch zu hören, ebenso wie ich zumindest vermute Japanisch. Die Deutsche Bahn hat sich als Nationaler Förderer der WM etwas Besonderes einfallen lassen: Statt einfach nur Menschen von A nach B zu transportieren, hat sie im Frankfurter Hauptbahnhof neben einem ballförmigen Infostand eine Face-Painting-Station mit Bierbänken eingerichtet. Dort wartet schon eine recht lange Schlange darauf, sich us-amerikanische oder japanische Finalflaggen ins Gesicht malen zu lassen.


Give us Hope
Auch kreativere Fanbekleidungen werden präsentiert. In der S-Bahn steigen mit mir zwei Frauen im Kimono ein und am Stadion wieder aus. Auf den Sitzen nebenan sind zwei weitere Frauen damit beschäftigt, sich selbstklebende Sterne auf die Jeans zu pappen, während sie gleichzeitig immer wieder versuchen, ihren star-spangled Luftballon in Herzform am Wegfliegen zu hindern. Dennoch ist nicht zu übersehen: Ein großer Teil der Zuschauer hatte sich ursprünglich auf einen anderen Finalisten eingestellt und trägt nun, als Zeichen der Höflichkeit oder um dem Ruf als perfekter Gastgeber gerecht zu werden, über die deutsche Fahne auf den Schultern jetzt auch noch eine japanische oder ein kleines Sternenbanner im Gesicht. Andere allerdings scheinen vom Ausscheiden des deutschen Team nachhaltiger getroffen: »Give us Hope in our Neidmare« steht auf einem Plakat, das zwei deutsche Fans mitgebracht haben.


Vor dem Stadion wartet zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn schon eine größere Menschenmenge auf den Einlass und lässt sich von einer kleinen Gruppe Cheerleader-Mädchen mit lauten »USA«-Rufen unterhalten. Die Cheerleader haben entweder einen eigenen Ball dabei oder sich einen bei den Torwandschuss-Ständen geklaut, auf jeden Fall stürmen sie später noch in voller Stars-and-Stripes-Montur den Trainingplatz der Eintracht neben dem Stadion, um dort zu kicken. Wenn das die Frankfurter Ultras sehen könnten ...


Ohne den Organisatoren nahetreten zu wollen: Die zehnminütige Eröffnungsfeier ist in etwa das, was man auch bei einer besser organisierten Schulfeier mit effektiver Sponsorenwerbung zu sehen bekommen könnte. Angesichts der Tatsache, dass es sich um eine FIFA-Veranstaltung handelt, ist das allerdings fast schon wieder charmant. Bei der folgenden Teampräsentation bekommt die amerikanische Mannschaft fast so viel Applaus wie die deutsche Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Für Pia Sundhage gibt es, warum auch immer, ein paar Pfiffe und für die Japanerinnen zunächst nur ein warmes Willkommen des Publikums. Die Mehrheit steht aufseiten der Amerikanerinnen.


Alles dabei
Das Finale allerdings wird vor allem aufseiten des Fußballs stehen. Es kommt nicht oft vor, dass das letzte Spiel eines Turniers nicht nur der End-, sondern auch der sportliche Höhepunkt ist. Bei dieser Weltmeisterschaft ist das so. Zum Schluss ist noch einmal alles dabei: Chancen, Tore, Spannung, unerwartete Wendungen, sogar noch eine rote Karte, das Drama des Elfmeterschießens und am Ende zwei Teams, die beide den Sieg verdient hätten. Dabei ist die Rollenverteilung nicht so, wie man es vorher erwarten konnte. Spielerisch zeigen die Amerikanerinnen ihr bestes Match in diesem Turnier, die Comeback-Storys schreiben jedoch die Japanerinnen, die nicht ganz überraschend auch im Elfmeterschießen die besseren Nerven haben.


Während der Siegerehrung mit neun abgefahrenen Discokugeln auf dem Anstoßkreis macht das WM-Publikum noch einmal, was es in den vergangenen Wochen fleißig geübt hatte: Es pfeift. Natürlich nicht gegen die beiden Finalteams, sondern vor allem gegen FIFA-Präsident Sepp Blatter, der als einer der Honoratoren die Medaillen und Auszeichnungen vergibt. Und gegen Marta, die den Silbernen Schuh als zweiterfolgreichste Torschützin erhält. In Abwesenheit, versteht sich. Erfolgreichste Schützin und zugleich auch beste Spielerin des Turniers vor Abby Wambach und Hope Solo wird die japanische Spielmacherin Homare Sawa. Die Tragik des zweiten Platzes eines Teams wird vielleicht noch übertroffen durch die Tragik der Einzelauszeichnungen für Spielerinnen dieses Teams. Das lässt sich an den schweren Schritten von Wambach und Solo erkennen, die ihre Einzeltrophäen wohl am liebsten gleich wieder zurückgegeben hätten.


Bevor sie wusste, wie das Finale enden würde, hat Hope Solo vor einigen Tagen einen schönen Satz über die WM gesagt: »Hier in Deutschland scheinen sie zu verstehen, dass auch Frauen Fußball spielen.« Zumindest heute Abend stimmt das mit Sicherheit.

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