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Das Blau-Weiß will nicht glänzen

cache/images/article_2318_dscn2199-kl_140.jpg WM-BLOG Argentinien steht im Viertelfinale, doch der Sieger in Sao Paulo hätte auch Schweiz heißen können. Für Ottmar Hitzfeld ging mit der 0:1-Niederlage seine Trainerkarriere zu Ende, sein Gegenüber Alejandro Sabella blieb genauso blass wie viele seiner Stars.
Reinhard Krennhuber aus Sao Paulo | 02.07.2014

Der Alltag eines WM-Reporters ist nicht immer lustig. Zum Beispiel, weil man sich ein wichtiges Spiel nicht anschauen kann, weil es Wichtigeres zu tun gibt. Als ich nach getaner Arbeit zum Match zwischen Deutschland und Algerien aufbreche, ist in Porto Alegre schon Pause. Vor dem Tor der Wohnung in Vila Mariana höre ich eine vertraute Sprache. Einige Schweizer ziehen vorbei und laden mich ein, das Spiel gemeinsam mit ihnen zu verfolgen. In dem Restaurant eine Ecke weiter ist wenig los, Sao Paulo arbeitet scheinbar noch oder hat Besseres zu tun. Verbündete zur Unterstützung der Algerier finde ich bei der WM-Reisegruppe aus Schaffhausen jedoch keine, und auch von der "Schande von Gijon" haben sie noch nie gehört.

Brasilianische Schweizer

Das Spiel endet mit dem völligen Einbruch der Algerier gegen Ende der Verlängerung, beim Rauchen auf dem Gehsteig spreche ich mit einem Paulista über die zehntausenden Argentinier, die sich vor dem Spiel schon in der Stadt aufhalten. Er macht kein Hehl aus seiner Abneigung gegenüber den Gästen und sagt: "Morgen sind wir alle Schweizer". Mit der U-Bahn geht die Fahrt im Anschluss nach Vila Madalena, das für seine vielen Kneipen und das lebhafte Nachtleben bekannt ist. In der Rua Rodesia ist tatsächlich einiges los. Einige Dutzend Argentinier aus allen Ecken des Landes haben die Straße in Beschlag genommen, nach wenigen Minuten wird sie von der Polizei gesperrt und zum Hüpfen, Singen und Schütteln der Gliedmaßen freigegeben.

Immerhin die Quergasse wollen die Sicherheitskräfte zunächst aber weiterhin offenhalten. Ein Müllwagen fährt vorbei, auch er wurde von den blau-weißen Fans geentert. Die Polizisten müssen einsehen, dass sie hier keinen Auftrag haben und ziehen sich zurück. Die Einsatzstrategie ist ganz offensichtlich auf Deeskalation ausgelegt - und sie geht auf: Denn es wird nichts zerstört außer ein paar leere Bierflaschen und auch die Fans aus Deutschland und der Schweiz können das Treiben amüsiert verfolgen, ohne etwas befürchten zu müssen. Szenen wie in Porto Alegre, als argentinische Fans beim letzten Gruppenspiel andere Zuschauer attackiert und überfallen hatten, bleiben aus.

America latina - menos Argentina
Auch bei der Anreise zum Stadion am nächsten Vormittag bleibt es bei kleinen Sticheleien mit den Brasilianern, von denen sich viele in rote Leibchen geworfen haben, um ihre Unterstützung für den Underdog kundzutun. Die Gruppe von Fans des FC Sao Paulo neben mir ist da keine Ausnahme, statt über das bevorstehende Match reden sie aber lieber über den Wechsel von Kakà zu ihrem Verein, den dieser drei Tage davor bei seinem Auftritt im Posto adidas noch ins Reich der Fabel verwiesen hatte. An der Endstation gehen die Verarschungen zwischen Brasilianern und Argentiniern weiter. "Maradona e mas grande de Pele" hallt es durch die Station, die brasilianischen Fans antworten mit "Pentacampeao", einer singt: "America latina menos Argentina".     

Originäre Schweizer Fans sind auf dem Weg zum Stadion wenig zu sehen. Keine Rede von den 6.000, die das Team während der Vorrunde begleitet haben sollen. Es dürfte maximal ein Drittel sein - die sehen jedoch von Beginn an einen sehr ambitionierten Auftritt ihrer Mannschaft, ganz wie es sich der ehemalige Nati-Mittelfeldspieler und NZZ-Kolumnist Benjamin Huggel in seiner Kritik an den Ex-Kollegen gewünscht hat. Die Schweizer haben in den ersten 45 Minuten sogar die besseren Chancen, doch Granit Xhaka und Josip Drmic können kein Kapital daraus schlagen.

Nach dem Wechsel werden die Argentinier, bei denen Fernando Gago und Gonzalo Higuain erneut schwer enttäuschen, etwas stärker. Die Brasilianer im Stadion reagieren mit "Suica"-Rufen und begleiten die Ballstafetten der Schweizer mit lautstarken "Oles". Das Match endet mit einem grauslichen Stockfehler von Federico Fernandez - und auch in der Verlängerung haben es Inler und Co. gut im Griff. Der Kollege aus Uruguay am Nachbarplatz langweilt sich dermaßen, dass er beginnt, in der Zeitung zu blättern. Er legt sie erst wieder weg, als Angel di Maria zeigt, dass er mit dem Ergebnis nicht zufrieden und einige schöne Aktionen auf den Rasen zaubert.

Entscheidender di Maria, deprimierter Hitzfeld
Als alle bereits mit dem Elferschießen rechnen, lassen die Schweizer ihren Gegnern etwas zu viel Platz. Rodrigo Palacio findet am Sechzehner Lionel Messi, der Vierfachtorschütze der Vorrunde legt perfekt ab zu di Maria, dessen Flachschuss geht vorbei an Diego Benaglio ins Netz und macht die argentinische Fankurve dahinter glücklich. Beim Stangentreffer von Blerim Dzemaili bleibt ihnen zwar noch einmal das Herz stehen, dann können sie jedoch den Aufstieg ins Viertelfinale bejubeln.

Bei den Pressekonferenzen will dagegen keine rechte Freude aufkommen. Bei Ottmar Hitzfeld ohnehin nicht, denn der Schweizer Nationaltrainer ist nicht nur gezeichnet von der dramatischen Niederlage, sondern auch von der Nachricht vom Tod seines Bruders, die ihn ein paar Stunden zuvor erreicht hatte. "Ich muss meiner Mannschaft ein Kompliment aussprechen. Wir haben leidenschaftlich gekämpft, waren taktisch gut und hatten einige gute Möglichkeiten", sagt der 65-Jährige, der mit dieser Niederlage seine mehr als 20-jährige und sehr erfolgreiche Trainerkarriere beendet. Hitzfeld erklärt, dem Fußball erhalten zu bleiben, allerdings nur als TV-Experte: "Das ist ein Superjob. Da kann ich keine Spiele verlieren."

Sein siegreicher Kollege Alejandro Sabella legt einmal mehr einen blassen Auftritt hin und hat seine eigene Sicht der Dinge. "Wir haben es verdient und eigentlich hätte das Spiel nach 90 Minuten vorbei sein müssen, weil wir in der zweiten Hälfte das klar bessere Team waren", sagt der ehemalige Erfolgstrainer von Estudiantes de La Plata. Über eine mögliche Finalteilnahme Argentiniens will Sabella am Dienstag in Sao Paulo noch nicht sprechen. "Unser Traum ist hart zu arbeiten und uns fürs Semifinale zu qualifizieren." Ein Traum, der bei einer ähnlichen Leistung wie gegen die Schweiz gegen Belgien aber auch schon wieder vorbei sein könnte.

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