»Das Lied war überfällig«

cache/images/article_1216_campino_we_140.jpg Vor zehn Jahren erreichten Bayern-Schmähgesänge dank der Toten Hosen auch die Hitparade. Hosen-Sänger Campino sprach mit dem ballesterer über Wurstladungen von Uli Hoeneß und Polizeischutz bei Konzerten in Bayern.

ballesterer: In "Bayern" singst du, die Ablehnung des FC Bayern München sei die einzige Sicherheit im Leben.
Campino: Ja, aber als Supporter von einem drittklassigen Verein (Fortuna Düsseldorf, Anm.) sind wir wie der Hund, der den Mond anbellt. Ich sehe darin nichts Aggressives. Wir hätten das Bayern-Lied vielleicht nicht gemacht, wenn wir Anhänger von Werder Bremen oder dem VfB Stuttgart wären, die sich mehr auf Augenhöhe der Bayern befinden. Mit Fortuna sind wir ja in keiner Weise eine Konkurrenz für den FC Bayern. Obwohl man uns mit dem Lied nicht ernst nehmen musste, hat die ganze Republik aufgelacht.
Aber war es nicht zu billig, so ein Lied aufzunehmen immerhin hasst der Großteil der Fußballfans den FC Bayern?

Es war definitiv kein populistisches Lied. Bringt die Single mal raus und geht damit auf Tour, dann werdet ihr sehen, was passiert. In der damaligen Saison waren Hundertschaften von Polizei jeden Abend hinter der Halle, weil sich ständig irgendwelche Hooligans angemeldet hatten, um sich zu revanchieren. Der Angriff auf den FC Bayern München wirkte heftiger, als wenn wir den Papst beleidigt hätten. Da war eine ganz andere Schlagkraft dahinter, und wir haben uns wirklich nicht gerade beliebt gemacht. Man wundert sich, wo überall Bayern-Fans sitzen beim Radio, beim Fernsehen, bei der Polizei, in jeder Berufsgruppe. Aber es ist ein Lied, das irgendwie überfällig war. Einer musste den Job machen, es hat sich bisher kein anderer gefunden, also haben wir es getan.
Ihr habt euch quasi geopfert?
(lacht) Ja, wir haben uns für die gute Sache ins Zeug gelegt. Dafür müssen wir auch in Kauf nehmen, dass unsere Popularität in Süddeutschland seitdem extrem gefallen ist.

 

Hat da nicht einmal die Textzeile "wir haben nichts gegen München" geholfen?
Na ja, in München-Stadt sind wir immer noch wohlgelitten, aber im Allgäu und da, wo die meisten Bayern-Fans herkommen, haben sie uns den Gag bis heute nicht verziehen.
Spielt ihr den Song trotzdem, wenn ihr dort auftretet?
Natürlich, da muss man Rückgrat beweisen. Es ist ein Statement, das so lange rausgehauen werden muss, solange dieser Verein gut ist. In dem Moment, wo der FC Bayern schwächeln würde, hätte das Lied auch keine Schlagkraft mehr. Es ist nur gut, solange sie der Primus im eigenen Land sind.
Reicht die sportliche Dominanz als Rechtfertigung, die Bayern zu hassen?
Ich muss einmal klarstellen, dass Fantum immer was mit Unsachlichkeit zu tun hat. Man möchte im Sport nicht immer diese "Möge der Bessere gewinnen"-Haltung haben, das ist doch verlogen. Ich finde auch Hass völlig in Ordnung, solange er auf verbaler Ebene bleibt und als Ventil dient, um Druck rauszulassen. Hassgegner muss es einfach geben, um es interessant zu machen. In Bezug auf den FC Bayern München möchte ich gar nicht sachlich sein. Ich werde jetzt den Teufel tun, darauf hinzuweisen, wo dieser Verein Respekt verdient in Bezug auf Historie und so weiter. Das ist nicht mein Interesse. Das Ende der Fahnenstange ist allerdings erreicht, wenn es um die NS-Zeit geht. Da gibts einige Vereine, die sich entschieden fragwürdiger verhalten haben - Düsseldorf inklusive. Der FC Bayern war bei den Nazis verschrien als der "Judenklub" in Deutschland. Welcher andere Klub kann so eine Ehre für sich in Anspruch nehmen?

Du bist mit den Ex-Bayern Didi Hamann und Markus Babbel befreundet. Ändert der persönliche Kontakt etwas an der Ablehnung der Bayern?
Es gibt dieses Sprichwort: Wenn du deinen Feind behalten willst, dann versuche nicht, ihn kennenzulernen. Ich habe mehrere Menschen getroffen, die zumindest ehemals was mit dem FC Bayern zu tun hatten. Das sind alles nette Leute, was es schwierig macht, die Antipathie weiter so stark zu halten. Ich habe auch Sympathien für Jürgen Klinsmann. Aber deshalb kann ich meine Einstellung zur Institution FC Bayern nicht ändern. Mir ist es allerdings noch nie gelungen, einen ehemaligen Spieler zu überreden, Uli Hoeneß zu dissen. Weder Babbel noch Hamann würden mir selbst im Zustand des schlimmsten Alkoholpegels ein Zugeständnis machen, dass der Typ nicht in Ordnung ist.
Alkohol ist also doch keine Lösung. Würdest du mit Präsident Beckenbauer auf ein Bier gehen?
Beckenbauer hat etwas absolut Unterhaltsames, zum Beispiel mit seinen Wiedergeburtstheorien. Aber er würde mit mir nichts trinken gehen. Er hätte einmal beinahe sogar den Auftritt bei "Wetten, dass " abgesagt, weil wir dort ebenfalls aufgetreten sind. Da musste ihm erst zugesichert werden, dass ein Treffen mit uns ausgeschlossen sei. Ich bin ihm aber dann später zufällig beim Champions-League-Finale Liverpool - Milan in Athen begegnet, wo wir mit gemeinsamen Freunden zusammengestanden sind. Das war dann schon ganz witzig, da hat er mich so abgebayert: Liverpool hatte verloren und ich habe mich beschwert, dass sie in der zweiten Halbzeit so schicksalsergeben gespielt haben. Da warf er in die Runde: "Ja, jetzt wollens alle Trainer sein." Mit den Spielern ist es noch mal eine ganz andere Sache, die können darüber lachen. Markus Babbel hat mir erzählt, dass er mal mit Jeremies zum Training fuhr. Unser Bayern-Lied kam im Radio und er sagte zu Markus: "Du, so schlecht ist der Song gar nicht." Andere Spieler waren aber immer einfach nur scheiße: Effenberg, Matthäus etc. Kahn fand ich immer lustig mir hat gefallen, wie arrogant er bei Interviews geguckt hat. Der hat den Reportern nie ins Gesicht geschaut, das wollte ich dann eigentlich auch immer so machen, habe es aber nicht durchgehalten.

 

Ihr habt ein Anti-Bayern-Lied gemacht. Würdet ihr auch einen Song für die deutsche Nationalmannschaft aufnehmen?
Wir haben Angebote bekommen, für deutsche Sportmannschaften Turnierlieder zu schreiben, aber ich bringe das nicht übers Herz. Im Sportbereich bin und bleibe ich Engländer. Wenn England gegen Deutschland spielt, zweifle ich keine Sekunde, wo ich hingehöre. Das 5:1 von England im Olympiastadion gehört zu den schönsten Tagen meines Lebens, da würde ich so einige Sexabenteuer für eintauschen. Ich kann für den Erzrivalen kein Liedchen schreiben. Aber sogar da verkomplizieren Bekanntschaften die schönsten Rivalitäten. Als Rudi Völler Nationaltrainer war, bin ich ihm einmal begegnet, und er ist auf mich zugekommen und hat gesagt: "Mensch, Campino, das wirst du mir nicht glauben, aber ich muss meinen Kindern jeden Abend vorm Schlafengehen aus eurem Buch vorlesen." Wie sollte ich dem je noch etwas Schlechtes wünschen? Ich war sofort korrumpiert. Vereinnahmt!
Welche rührende Geschichte müsste dir Uli Hoeneß erzählen, damit du das Bayern-Lied nicht mehr spielst?
Bei Hoeneß müssten das schon mehrere Lastwagen mit Wurstladungen sein. Das ist, glaube ich, nicht machbar. Dennoch hoffe ich darauf, dass Uli Hoeneß so lange wie möglich im Geschäft bleibt. Wenn der mal weg ist, wirds in der Liga blass. Es gibt kein besseres schlecht gelauntes Gesicht als das von Uli Hoeneß, wenn Bayern München verliert. Und das möchte ich mir noch möglichst oft angucken können.
Im Lied »Auswärtsspiel« singst du die Textzeile »Denn ihr seid nicht wie wir« wie wichtig ist die Abgrenzung vom Gegner für das Dasein als Fußballfan?
Ich kann diese Zeile nicht sachlich-rational erklären oder rechtfertigen. Es gehört dazu, dass man als Fan überhaupt nicht auf der Suche nach Sachlichkeit ist. Ich kann da überhaupt nicht objektiv sein, ich will auch nicht, dass der Bessere das Spiel gewinnt, sondern dass meine Mannschaft siegt, egal wie. Man wechselt den Verein ein Leben lang nicht, weil man die Philosophie, die Ideologie, des Klubs teilt. Liverpool kann fünfmal verlieren, oder 50, oder 500mal, ich bleibe trotzdem Anhänger, weil der Verein ist wie er ist, mit allem was er durchgemacht hat. Das trifft auch auf Fortuna Düsseldorf zu, da habe ich auch so einen Stolz auf die Historie. Und ich möchte verdammt noch mal in meinem Leben keine Sympathie für Chelsea empfinden, weil dieser Klub überhaupt keine Geschichte hat, die irgendwie erzählenswert ist. Ich sage nur: »Chelsea Rent Boy«.
Ihr habt bei Konzerten schon mal Grönemeyers »Männer« in »Kölner« umgedichtet gab es auch mal die Idee, ein Anti-Köln-Fußball-Lied zu machen?
Wir wollen nicht dauernd in dieselbe Kerbe hauen. Diese Rivalität zwischen Düsseldorf und Köln ist eine altbekannte, die ist für beide Seiten auch spannend und da kommen die lustigsten Geschichten bei raus. Diese Art Rivalitäten, dieses dissen, liebe ich, denn es zeigt auch einen gewissen Humor. Ich nehme das auch nicht krumm, wenn wir von anderen auf die Schippe genommen werden. Die Sache mit Köln und Düsseldorf ist aber Eine Rivalität unter Nachbarstädte und sie sollte auch nur da ausgetragen werden. Es wäre albern, damit die Leute in Hamburg oder in Wien zu langweilen.
Beim letzten Wien-Auftritt der Toten Hosen hast du ein Sportklub-Trikot getragen, wieso?
Ich bin dort zum Ehrenmitglied ernannt worden und habe das gerne angenommen, weil das es keine Schande sein kann, Mitglied in einem Verein zu sein, der eine Friedhofstribüne hat. Das hat schon St. Pauli-Qualitäten. Es gibt so eine Art Underdogtum, das international immer die selben Leute anziehen wird. Wenn so ein Loser-Kult besteht, trifft das natürlich unseren Humor und unser Verständnis vom Fußball, weil wir mit Fortuna Düsseldorf ja selber das Leiden gewohnt sind zurzeit in der dritten Liga.
Und verfolgst du auch die Spiele des Sportklubs?
Das eine oder andere Ergebnis sickert schon durch. Aber es ist nicht so, dass ich jeden Montag in der Düsseldorfer Lokalpresse versuche, die Ergebnisse rauszukriegen.
Also du warst noch nicht auf der Friedhofstribüne?
Nein, aber es ist abgemacht, dass ich mal vorbeikomme.
Und wie ist sonst dein Bezug zum österreichischen Fußball?
Ich fand diesen Film »Das Wunder von Wien« sagenhaft. Der war großartig, ich habe ihn mir fünfmal hintereinander angeguckt. Ich habe während der EM auch zu Österreich gehalten. Es war sehr schade, dass schon im ersten Spiel alles schief gegangen ist. 2005 war die österreichische Nationalmannschaft einen Tag vor dem wichtigen Qualifikationsspiel gegen Polen in kompletter Besetzung zu Besuch bei uns im Wiener Burgtheater, als wir das Unplugged Konzert gespielt haben. Unser Abend wurde ein Triumph, ihrer eine Niederlage, so spielt das Leben
Auf dem Album sagst du, die Spieler hätten so gesoffen.

Ich muss zugeben: Die haben alle nur Cola getrunken. Der Spruch war ein dummer Witz von mir.
Der Song »Weltmeister« auf dieser Platte klingt hoffnungsfroh und ironisch zugleich
Hoffnungsfroh? Ich werde nie eine Hymne für den deutschen Fußball schreiben. Das kann ich nicht übers Herz bringen, insofern ist das lieb ironisch gemeint. Ich will gar nicht, dass Deutschland Weltmeister wird. Ich liebe den englischen Fußball, weil die Hälfte meiner Geschwister in England geboren ist und meine Mutter von da kommt. Als ein in Deutschland lebender Junge hat mir der Fußball die Chance gegeben, mein ständiges Sehnen nach dem anderen Zuhause auszudrücken.
Sehen das deine Bandkollegen auch so?
Nein, die sind da locker. Die freuen sich für Deutschland.

Referenzen:

Heft: 42
Rubrik: Thema
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png