Das Mutterschiff

Poldi tut es, Ribery und David Villa tun es ebenfalls. Sie kehren zurück zum Mutterschiff. Unmittelbar nachdem sie ein Tor erzielt haben, laufen sie zur Betreuerbank und umarmen einen der Ersatzspieler, Masseure oder Co-Trainer. Fußballspieler auf der Suche nach Heimat bei einer globalisierten Veranstaltung.
Wolfgang Pennwieser | 28.06.2006

Das Auffälligste dieser Weltmeisterschaft ist das neue Jubelverhalten der Torschützen. Tanzten vor sechzehn Jahren die Spieler Kameruns gemeinsam mit Roger Miller noch an der Cornerfahne oder sprang ein Diego Maradona nach seinem Tor gegen Italien 1986 über die Cinzano-Werbebande, so laufen die Spieler heute in Richtung Coaching Zone. Sie suchen ihresgleichen, Nestwärme und den Schutz des mütterlichen Schoßes.

Der Wunsch in den Bauch der Mutter zurück zu kriechen ist so alt wie die Menschheit selbst. Spieler wie Poldi sind in einer Welt, in der sie vom Volk zum König ernannt wurden, besonders wehrlos. Zu groß ist die Last auf den Fußballern - die fast noch Kinder sind - ihre Nation zu retten. Zu wenig wissen sie noch von dieser so genannten Nation, von den Mechanismen und den Erwartungen der Politik, Medien und Wirtschaft. Doch sie können es erahnen. Spätestens dann, wenn ihnen der Staatschef auf die Schulter klopft, sie auf der Titelseite der bedeutenden Zeitungen erscheinen oder ein Mercedes für einen Torschuss bezahlt wird, wo sie vor wenigen Jahren noch ein Eis dafür bekamen.

Der 23-jährige Franck Ribery läuft demzufolge, nachdem er für die Équipe Tricolore den Ausgleich gegen Spanien erzielt hatte, ebenso wie der 25-jährige David Villa Sánchez, der durch seinen verwandelten Elfmeter ganz Spanien wieder an sich glauben ließ, zu seinem Ursprung zurück. Die vom vierten Schiedsrichter gut bewachte Coaching Zone erweist sich als Zufluchtstätte für überforderte Jungfußballer. Die Kinder der Nation können quasi nach Hause kommen, sich kurz streicheln und umarmen lassen, ehe sie wieder auf das Spielfeld zurückkehren. Dort sollen sie bei der größten Globalisierungsveranstaltung Nationen am Leben erhalten, die nur mehr im Stadion existieren.

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

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