Das Rattern der Züge

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EM-Blog Auch in Charkiw gibt es Romantik - in verfallenen Sportanlagen, deren Sinn undurchschaubar bleibt, oder schlingernden Tramwagen, die durch die Vororte der ostukrainischen Stadt fahren. Eine Liebeserklärung.

Nicole Selmer | 14.06.2012

Ich bin hoffnungslos verliebt in alle ukrainischen Verkehrsmittel also alle, die ich ausprobiert habe. Im Taxi herrschen strenge Regeln. Man darf sich zum Beispiel nicht anschnallen. Das ist kein Problem, wenn man hinten sitzt, weil es dort eh keine Gurte gibt. Als Beifahrerin ist die Versuchung groß, automatisch nach hinten zu greifen. Das jedoch ist ein interkultureller Faux-pas, es kränkt den Fahrer. »Am safe driver« sagte einer mit deutlich vorwurfsvoller Miene.

 

Die Taxifahrer sind sehr cool. Sie telefonieren oder smsen während der Fahrt, manchmal rauchen sie auch, trotz des »No smoking«-Schild im eigenen Auto. Ich habe einen Führerschein, bin aber seit Ewigkeiten nicht selbst gefahren, das macht mich zur perfekten Beifahrerin. Ich lehne mich entspannt zurück, während die Kollegen auf klappernde Autoteile und quietschende Bremen horchen und den Fahrstil des Chauffeurs bewerten. Gut, wir hatten auch schon Pech. Ein Taxi wurde von der Polizei angehalten, nach einem für uns unverständlichen Wortwechsel musste der junge Mann seine Autoschlüssel abgeben und den Taxischildaufsatz vom Dach entfernen.

In Charkiw wohnen wir im Grünen, in einer Ferienanlage, die »Safari« heißt und über keinerlei Marketingmaßnahmen verfügt, weswegen sich selbst zur EM fast niemand außer uns eingemietet hat. Hier bellen keine Hunde, die Tiere, die Geräusche machen, sind Frösche. Sagen die Kollegen. Davon verstehe ich nichts. Auf dem Weg zur Tram laufen wir an einem seltsamen Kreis aus senkrechten Pfosten vorbei, die eine weiß markierte Fahrbahn umringen. An einer Seite steht eine Art kleiner Tribüne. Wir wissen nicht, wofür das einmal gut war eine Art osteuropäischer Circus Maximus? Die Tram in Charkiw ist alt, sie wackelt wie ein Flugzeug in Turbulenzen und es ist ein Wunder, dass nicht ständig alle Fahrgäste wild durcheinander purzeln. Das Ticket kostet 1,50 Hriwna, das sind 15 Cent. Fürs Kassieren gibt es extra Personal, ein Bediensteter bewegt sich in Schlingerbewegungen durch den Waggon und gibt die kleinen Papiertickets aus.

Papiertickets, die es jetzt auch in der Metro gibt. Vor einigen Monaten waren es noch blaue abgewetzte Plastikcoins, die schon seit Jahrzehnten durch die Schlitze der Drehkreuze zu rutschen schienen und in Kiew ebenso zum Einsatz kamen wie vermutlich in Moskau und allen anderen ehemaligen Sowjetmetropolen. Jetzt gibt es Durchgangssperren, die auf den Barcode eines kleinen Papierschnipsels hören, den man vorher in einem Automaten kaufen muss. Ein ökologischer und ästhetischer Rückschritt gleichermaßen.

Oberirdisch herrscht rund um unsere Metroendstation reges Treiben auf den zerklüfteten Straßen und Gehsteigen: Marktstände mit allerlei Obst und Gemüse ebenso wie mit Billigprodukten jeglicher Art und Herkunft reihen sich aneinander. Unterirdisch herrscht Sowjetcharme und -prunk wie in vielen ukrainischen Stationen. Es glänzt und funkeln, die Wände sind gefliest, aufwendige Deckenbeleuchtungen und Reliefs dienen als Schmuck und Erbauung, wenn die Werktätigen der Ukraine von einem ihrer vermutlich fünf Jobs nach Hause in die Mikrodistrikte zurückfahren.

 

In den Metrowagen selbst ist die widersprüchliche Realität des Landes ebenfalls präsent: Die Sitze sind in Bänken gegenüber angeordnet wie in Berlin oder London, aber die Metro von Charkiw ist davon mindestens eine, wenn nicht zwei Welten entfernt. Am Fenster klebt Werbung für ein Asus-Eee-Pad, es kostet umgerechnet 399 Euro. Wer soll das bezahlen? Die Frau, die mir gegenüber sitzt, mit buntem Rock und Kopftuch? Der Mann, der mit geschlossenen Augen vor der Tür steht, ohne sich festzuhalten? Ich glaube nicht. Vielleicht eines der jungen Mädchen neben mir, die mir zunicken, als ich frage, ob die nächste Station Dershprom ist. Es gibt zwar extra Durchsagen auf Englisch, das Rattern der alten Wagen ist jedoch so laut, dass sie kaum zu verstehen sind.

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